SG BBM Bietigheim Handballerinnen kommen über Umwege ans Ziel

Von Sebastian Klaus
Die ehemalige Bietigheimerin und jetzige Blombergerin Ann Kynast steht inzwischen sogar auf dem Sprung in die Nationalmannschaft. Foto: Imago/Eibner

Im Starensemble der SG BBM Bietigheim war für sie kein Platz. Doch für die ganz große Bundesliga-Karriere reicht es für einige von der SG BBM verschmähte Talente dennoch.

In diesem Sommer hat in einem beispiellosen Massen-Exodus gleich ein ganzer Schwall von hoffnungsvollen Talenten die SG BBM Bietigheim verlassen, um bei anderen höherklassigen Vereinen ihr Glück zu versuchen. Die Aussichten auf ausreichende Einsatzzeiten beim ambitionierten und mit internationalen Topstars besetzten Quadrupel-Gewinner tendierten für die Nachwuchskräfte im Profiteam gegen Null. Während Torhüterin Lieke van der Linden zum Bundesligisten Bayer Leverkusen ging und die Junioren-Nationalspielerinnen Matilda Ehlert und Magdalena Probst zum Bundesliga-Aufsteiger VfL Waiblingen wechselten, verschlug es mit Gianina Bianco (Kurpfalz Bären), die mit einem Zweitspielrecht ausgestattete Hannah Hönig (TG Nürtingen) und Carlotta Hees (SG Schozach-Bottwartal) gleich drei begabte Nachwuchsspielerinnen in die Zweite Liga. Doch der Umweg über einen anderen Verein könnte für die sechs Genannten zum Glücksfall werden, wie bereits die Vergangenheit gezeigt hat. Die BZ hat einige Erfolgsfälle ausgebuddelt. Beispiel Laila Ihlefeldt (Sport-Union Neckarsulm, Bundesliga): Nach der Saison 2020/21 hatte das Bietigheimer Eigengewächs, das im Alter von sechs Jahren bei der SG BBM mit dem Handball begonnen hatte, ihren Heimatklub verlassen. Die Rückraum-Linke hatte zunächst per Zweitspielrecht sowohl für den Drittligisten TV Möglingen als auch für den Bundesligisten Sport-Union Neckarsulm gespielt und dann Ende März beim Erreichen des 18. Lebensjahr einen Zwei-Jahres-Vertrag bis 2024 beim Bietigheimer Liga-Rivalen unterschrieben.

„Laila gibt im Training alles, brennt für den Handball und hat unwahrscheinlich viel Talent. Ich bin glücklich, dass wir sie in den nächsten Jahren weiterentwickeln dürfen“, wird etwa Ihlefeldts Trainerin Tanja Logvin auf der Website des Vereins zitiert. „Ich bin überzeugt, dass sie den Schritt zu einer gestandenen Bundesliga-Spielerin packen kann. Für eine junge Spielerin ist der Schritt in ein Team mit Profi-Handballerinnen immer schwer aber sie hat sich bei uns sehr gut durchgesetzt und ihre Kurve in der Entwicklung geht weiter steil nach oben.“

Warum die U18-Nationalspielerin und Beachhandball-Auswahlspielerin nicht bei der SG BBM geblieben ist, verrät Ihlefeldt im Gespräch mit der BZ. „Für meine Weiterentwicklung brauchte ich einfach mehr Spielzeit“, sagt die 18-Jährige. Erst kurz vor dem Final Four mit der Bietigheimer A-Jugend im Juni 2021, als Ihlefeldt mit einem spektakulären direkt verwandelten Freiwurf gegen Leverkusen die Verlängerung erzwingen konnte, sei die Halblinke von den Bietigheimer Vereinsverantwortlichen zwecks einer Vertragsverlängerung angesprochen worden. „Damals war ich aber schon mit anderen Vereinen im Gespräch“, sagt Ihlefeldt, die sich in Möglingen mehr Spielzeiten erhoffte. „Es war kein besonders schwerer Schritt und ich bereue ihn auch nicht.“ Beispiel Ann Kynast (HSG Blomberg-Lippe, Bundesliga): Während Laila Ihlefeldt noch dabei ist, sich in der Bundesliga zu etablieren, ist Ann Kynast schon längst eine feste Größe im deutschen Oberhaus. Die 21-jährige gebürtige Ludwigsburgerin trägt seit Februar 2020 das Trikot des Bundesligisten HSG Blomberg-Lippe, der als Ausbildungsverein für hoffnungsvolle Talente in Deutschland bekannt ist.

Seit der D-Jugend hatte Kynast für die SG BBM gespielt und kurz vor Weihnachten 2017 auf der für die Rückraumspielerin ungewohnten Rechtsaußenposition ihr Debüt in der Bundesliga gegeben. Danach reichte es für das Talent, das eigentlich für die Bietigheimer Drittliga-Frauen gemeldet war, immer wieder sporadisch zu Kurzeinsätzen in der „Ersten“. „Auch wenn es häufig nur fünf Minuten Spielzeit war, war es trotzdem ein Highlight in so jungen Jahren schon dabei sein zu dürfen“, erinnert sich Kynast im Gespräch mit der BZ an ihre ersten Schritte im Profibereich. Mit einem Zweitspielrecht ausgestattet, wechselte die Ludwigsburgerin dann schließlich 2019 in die Nachbarschaft zum damaligen Zweitligisten VfL Waiblingen, wo die starken Leistungen der U20-Nationalspielerin auch der HSG Blomberg-Lippe nicht entgingen.

Talentschmiede Blomberg

Dort hatte es die Nachwuchshoffnung vor allem der Rückendeckung ihres Trainers Steffen Birkner zu verdanken, dass sie reichlich Spielzeit bekam. Birkners Vertrauen zahlte Kynast mit vielen Toren zurück. „Blomberg steht dafür, dass man als junge Spielerin Spielzeiten bekommen kann“, erzählt Kynast. „Im Vergleich zu Bietigheim ist es hier ein unterschiedlicher Anspruch. Um ganz oben zu sein, braucht die SG BBM Spielerinnen, die internationale Erfahrung haben und schon bei Großturnieren dabei waren.“

Dass die HSG noch nicht das sportliche Ende der Fahnenstange sein muss, macht Kynast deutlich. Die 21-Jährige, die in Ostwestfalen noch einen Vertrag bis 2014 besitzt, kann sich auch einen Wechsel ins Ausland vorstellen. „Ich treffe meine Entscheidungen Schritt für Schritt.“ Keine Lösung, aber zumindest einen Lösungsansatz, wie ihr Ex-Verein seine Talente an sich binden könnte, hat Kynast auf Nachfrage auch parat: „Die Trainingsqualität war in Bietigheim sehr hoch. Aber das reicht nicht, denn es fehlt natürlich der Wettbewerbsdruck. Gerade in den eher unwichtigen Spielen könnte man den Talenten mehr Einsatzzeiten geben“, so Kynast. „Eine zweite Mannschaft in der Dritten Liga reicht nicht aus, um Spielerinnen zu halten oder um als Sprungbrett in die Erste zu dienen. Dafür ist die Dritte Liga zu schwach“, sagt Kynast. „Für die Spielerinnen muss deshalb der nächste Schritt sein, zu anderen Erst- oder Zweitligateams zu wechseln.“ Beispiel Jana Scheib (HSG Bad Wildungen, Bundesliga): Wie Kynast aus Ludwigsburg stammt Jana Scheib. Mit elf Jahren verschlug es die Rückraumrechte zur SG BBM Bietigheim, wo sie später mit der A-Jugend in der Bundesliga sowie bereits mit 15 Jahren für die Reserve in der Dritten Liga auflief. Mit 17 Jahren erzielte die Tochter des viermaligen Drittliga-Torschützenkönigs Bernhard Scheib (TV Oppenweiler ) ihre ersten beiden Bundesligatreffer gegen den HC Rödertal. Nur wenige Tage später stand sie in der Champions League erneut im Kader der Profis.

Zweiter Kreuzbandriss

Wenige Monate zuvor hatte Scheib beim Gewinn der U17-Europameisterschaft mit sechs Treffern gegen Norwegen im Finale auf sich aufmerksam gemacht. Zum Durchbruch in Bietigheim reichte aber auch all das nicht, auch weil sie sich im Februar 2018 ihren bereits zweiten Kreuzbandriss zuzog. So zog es die Linkshänderin schließlich im Sommer 2019 in die Ferne zum Bundesligisten HSG Bad Wildungen, wo sie dann so richtig durchstartete. Mit satten 161 Treffern avancierte sie in ihrem zweiten Jahr in Hessen zur zweitbesten Feldtorschützin der Bundesliga. Zur nächsten Saison wechselt die 21-Jährige zum Ligakonkurrenten TuS Metzingen. „In meiner Karriere wird es der nächste Schritt sein und ich bekomme die Chance, mich bei einem Top-Klub der letzten Jahre weiter zu entwickeln“, begründete Scheib ihren Wechsel gegenüber der HNA.

 
 
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