Fast jedes Kind, Junge und Mädchen in der vierten Klasse habe Kontakte mit Personen im Internet, die sie kontaktieren und irgendwann beispielsweise nach Nacktfotos fragen, sagt Magdalena Aurora Koch. „Pornografische Kontakte im Netz mit Kindern nehmen zu“. Koch ist Mitarbeiterin der Fachberatungsstelle Silberdistel gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Landkreis Ludwigsburg. Auch diese Kinderschutzfälle werden zum sexuellen Missbrauch von Kindern gezählt. Diese Fälle, so Koch, steigen alljährlich an, was, so sagt sie, wohl mit dem frühen und zunehmenden Gebrauch des Internets und zu oberflächlichem Schutz und der nicht vorhandenen Kontrolle durch Eltern läge. Insgesamt, so die bundesweite Polizeistatistik, nahmen 2025 die Fälle an sexuellem Missbrauch an Kindern um 16 Prozent zu.
Silberdistel Ludwigsburg „Pornografische Kontakte im Netz mit Kindern nehmen zu“
Der bundesweite Anstieg der jugendlichen Betroffenen von sexuellem Missbrauch ist auch im Landkreis zu sehen, so die Mitarbeiterinnen der Silberdistel.
Koch ist auch zuständig für die Prävention in Grundschulen und die Beratung von Kindern, Eltern und Lehrern. Es fange harmlos an, als Chat in Spieleapps wie dem derzeit sehr beliebten Robtop, auf Snapchat, Instagram oder Tiktok. Cyber-Grooming ist hier der Fachbegriff, wenn Minderjährige gezielt im Internet durch Erwachsene angesprochen werden, mit der Absicht, sexuelle Kontakte oder Missbrauch anzubahnen. Die Täter bauen Vertrauen zu den Kindern auf und drängen sie später oft zur Herausgabe von intimen Fotos oder zu sexuellen Handlungen vor der Kamera.
Sie berichtet von einem ihrer letzten Fälle. Ein achtjähriges Mädchen chattete seit Wochen, angeblich mit einem Gleichaltrigen. Der angebliche Junge schickte ihr Nacktfotos von sich. „Das fand sie zuerst witzig“, so Koch. Doch dann sollte das Mädchen in bestimmten Stellungen ebenfalls nackt posieren, dies fotografieren und ihrem Chatpartner schicken. Sie bat durch ihre Lehrerin die Silberdistel um Rat. Es stellte sich heraus, der „Junge“ war ein Erwachsener auf der Suche nach pornografischen Kinderbildern – für sich oder um sie im Netz zu verkaufen, so Koch.
Sextortion beschreibt eine andere Straftat im Internet oder der realen Welt, bei der Täter mit intimen Fotos oder Videos von Kindern drohen. Ziel ist es, Geld oder weitere intime Aufnahmen zu erpressen. Was hier sehr auffällig und besorgniserregend ist, so Silberdistel-Mitarbeiterin Larissa Hammer, dass diese Erpressung mittlerweile auch von Gleichaltrigen ausgehe. „Wir bemerken, dass oft Gleichaltrige die Täter sind und Schulkameraden mit Fotos zu pornografischen Fotos zu zwingen oder um Dienste von ihnen zu erpressen.“
Nicht immer handele es sich um Kindesvergewaltigung oder sexualisierten Missbrauch, aber mit solchen Grenzüberschreitungen fange es an, sagt Silberdistel-Mitarbeiterin Elke Karle. Deswegen seien Prävention, Aufklärung der Kinder, aber auch von Erwachsenen, die mit Kindern arbeiten, so wichtig. Dieser Aufklärung, so Koch, sei es auch zu verdanken, dass sich mehr Erzieher oder Lehrer bei Verdachtsfällen bei der Silberdistel melden, mehr Fälle aufgedeckt werden können als früher, was auch einen Anstieg der Fälle bedeute.
Betreuer schauen mehr hin
Diese Beratungen werden IeF-Beratungen genannt, weil sie durch eine „insoweit erfahrene Fachkraft“ wie den Mitarbeiterinnen der Silberdistel durchgeführt werden. „Hier sehen wir einen jährlichen Anstieg, die Betreuer in den Institutionen, auch in den Vereinen schauen mehr hin“, sagt Karle. Im Jahr 2025 gab es 66 dieser IeF-Beratungen, in 2026 sind es Anfang August schon 69 Beratungen. Am schwersten wiegen natürlich die Fälle von „tatsächlichem Missbrauch und Vergewaltigungen“, wie Karle sagt. Aber anfängliche Grenzüberschreitungen seien die Vorstufe. Bei der Silberdistel zählte man 2025 14 sexuelle Übergriffe unter gleichaltrigen Kindern, 120 Missbräuche von Erwachsenen an Kindern, meist in der Familie, so Karle, zusätzliche 50 Verdachtsfälle seien noch nicht geklärt. Zum 1. August 2025 hatte die Silberdistel 77 Anfragen zu Betreuungen bei sexuellem Missbrauch an Kindern, am 1. August 2026 waren es 88 neue Anfragen. Sie verhehlt auch nicht, dass es nicht nur Männer sind, die sich an Kindern vergreifen. „Zehn bis 20 Prozent der Täter sind weiblich“, sagt Karle, Tendenz steigend.
Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen steigt
In Deutschland wurden laut Polizeistatisitik im Jahr 2025 17.126 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch angezeigt. Das Dunkelfeld sei aber um ein Vielfaches größer. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass bis zu einer Million Kinder und Jugendliche in Deutschland bereits sexuelle Gewalt durch Erwachsene erfahren mussten oder erfahren. Das sind rund ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse. Viele dieser Fälle gehen nicht in die Kriminalstatistik ein, weil sie nie zur Anzeige gebracht werden, und bilden sich auch ansonsten nicht im polizeilichen Hellfeld ab, so die Polizei in einer Mitteilung .
Zu den Fällen gehören Fälle von sexuellem Missbrauch von Jugendlichen, Fälle von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen ab 14 Jahren, Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Missbrauchsdarstellungen, sogenannter Kinderpornografie, Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Jugendpornografie.
Im Jahr 2025 wurden bei der Silberdistel 423 Anfragen gestellt, im Jahr 2023 waren es 360, 2024 waren es 407. Direkte Fallanfragen wurden 224 bearbeitet (2023: 21, 2024: 233)
IeF-Beratungen sind Beratungen durch eine insoweit erfahrene Fachkragt. Diese Kinderschutzberatungen können von Personen in Anspruch genommen werden, die beruflich in Kontakt mit Mädchen und Jungen stehen. Das Beratungsgespräch dient dazu, eine Einschätzung des Gefährdungsrisikos bei einer vermuteten Kindeswohlgefährdung vorzunehmen. Dies erfolgte bei der Silberdistel im Jahr 2025 in 66 Fällen, das bedeutet einen Anstieg gegenüber des Vorjahres um 14 Prozent.
Der Verein Silberdistel in der Wilhelmstraße 8 in Ludwigsburg ist eine Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen des Kreises Ludwigsburg. Die Mitarbeiterinnen bieten Beratung und Unterstützung für sexuell verletzte Mädchen, Jungen und junge Erwachsene. Beratung für Mütter und Väter, Angehörige, Freundinnen und Freunde, Beratung für Fachkräfte aus dem pädagogischen, psychosozialen und medizinischen Bereich in Fällen von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen, Beratung in Verdachtsfällen oder bei sexuell auffälligem Verhalten, Beratung bei sexuellen Übergriffen unter Kindern, Präventionsveranstaltungen, Fortbildung für Fachkräfte und Informationsveranstaltungen und die IeF-Beratungen.
