Silberdistel Ludwigsburg Übergriffe unter Kindern nehmen zu

Von Gabriele Szczegulski
Magdalena Aurora Koch (links) und Elke Karle beraten Kinder und ihre Familien beim Thema sexualisierte Gewalt, aber auch Schulen und andere Institutionen. Foto: /Oliver Bürkle

Mehr als 400 Beratungsfälle im Jahr 2024, das ist für die Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen, Silberdistel, wieder ein Rekord.

Die Zahl der Beratungen in unserer Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen, Silberdistel, hat wieder eine Höchstmarke geknackt“, sagt Elke Karle, Teamleiterin der Silberdistel in Ludwigsburg. Das Team der Fachberatungsstelle für den Kreis Ludwigsburg hat den Jahresbericht 2024 fertig. Elke Karle wird den Bericht demnächst auch im Kreistag vorstellen.

Dauert lange, bis das Trauma aufgearbeitet ist

407 Beratungen hat das siebenköpfige Team der Silberdistel demnach vorgenommen. „Das ist ein erneuter Hochstand mit einer Steigerung von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ Dabei, so sagt sie, blieben die Neuanfragen im gewohnten Bereich, jedoch mussten viele Fälle aus 2023 übernommen werden und „auffällig ist, dass sich viele Familien wieder gemeldet haben, die in früheren Jahren schon bei uns waren“, so Karle. Das bedeutet, dass die Kinder das Trauma der sexualisierten Gewalt noch nicht verarbeitet haben oder es zu neuerlichen Übergriffen kam, so Karle. Sie seien froh, dass diese Kinder wieder zu ihnen kämen, um an dem Trauma zu arbeiten. „Bei manchen kommen diese Erlebnisse immer wieder hoch, es ist gut, wenn die Betroffenen sich dann, auch wenn sie erwachsen sind, Hilfe suchen“, sagt Karle.

Dass die Zahl der Fälle in der Beratungsstelle des Vereins Silberdistel ständig steige, sei nicht unbedingt ein Beweis, dass mehr Kinder und Jugendliche als in früheren Jahren sexualisierte Gewalt erfahren. „Wir stellen fest, dass unsere Öffentlichkeitsarbeit und auch die Arbeit mit Kindergärten, Schulen und anderen Instituten wirkt und betroffene Kinder und Jugendliche an uns verwiesen werden und auch die Beratung in Anspruch nehmen. Da ist man schon sensibler geworden“, sagt ihre Kollegin Magdalena Aurora Koch, Traumazentrierte Fachberaterin und Sozialpädagogin.

Allerdings, so Koch, stelle man einen „enormen Anstieg“ der Fälle im Bereich „sexuelle Übergriffe unter Kindern“ fest und zwar unter Grundschülern. Waren es 2022 noch 51 Fälle, „und das war schon ein enormer Anstieg zu Vor-Corona“, so Koch, sind es 2023 55 Fälle gewesen und 2024 schon 60. Noch im Jahr 2020 lag das Fallaufkommen bei 18 und und 2021 bei 29, dann kam der Anstieg auf über 50 Fälle. Darum sei es wichtig, schon in der Grundschule mit der Aufklärung und Beratung zu beginnen.

„Und das sind nur die Fälle, die in der Silberdistel ankommen, es gibt noch andere Beratungsstellen und eine hohe Dunkelziffer“, sagt Karle. Zudem steige die Zahl an Mädchen im Vor- und Grundschulalter, die unter sexualisierter Gewalt von Erwachsenen leiden, so Karle. Aber noch immer seien die 13- bis 17-jährigen Mädchen die am stärksten betroffene Gruppe. Die Zahl der Jungen und männlichen Jugendlichen sei gering, vier Fälle waren es 2024.

Auch die Anfragen für den Bereich Institutsberatung steigen, so Karle. Es bestehe ein hoher Bedarf an Fachberatungen in Bezug auf Schutzkonzepten in Schulen, Vereinen, Jugendorganisationen. „Die Zahl der Präventionsmaßnahmen, die wir machen, steigt“, so Koch. Aber auch immer mehr Einrichtungen seien als gesamte Institution vom Thema sexualisierte Gewalt betroffen und bräuchten externe Unterstützung. Der Anteil an Kinderschutzberatungen habe sich 2023 verdoppelt. 2024 blieben sie mit 58 Fällen auf diesem hohen Niveau. Auch das Interesse an Fortbildungen zum Thema steige sehr, was dazu führe, dass Silberdistel seine Öffentlichkeitsarbeit weiter verstärke, um auf die Angebote aufmerksam zu machen. Es gibt drei Präventionsteams der Silberdistel, die in Schulen die Projekte „Trau dich – du bist wertvoll“ und „What – wo ist die Grenze“ betreuen.

Beratungsstelle Silberdistel

Die Beratungsstelle Silberdistel bietet: Beratung und Unterstützung für sexuell verletzte Mädchen, Jungen und junge Erwachsene. Beratung für Mütter und Väter, Angehörige, Freundinnen und Freunde. Beratung für Fachkräfte aus dem pädagogischen, psychosozialen und medizinischen Bereich in Fällen von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Beratung in Verdachtsfällen oder bei sexuell auffälligem Verhalten. Beratung bei sexuellen Übergriffen unter Kindern. Silberdistel organisiert Präventionsveranstaltungen und Fortbildungen für Fachkräfte und Informationsveranstaltungen.

Träger der Beratungsstelle ist der Verein Silberdistel e. V. Dieser wurde 1998 gegründet, um von sexueller Gewalt betroffenen Mädchen, Jungen und jungen Erwachsenen im Landkreis Ludwigsburg zu helfen. Der Etat von Silberdistel liegt bei 320.000 Euro pro Jahr. Der Verein bekommt im Jahr laut Vereinskassierer Henk Rook einen festen Zuschuss vom Landkreis Ludwigsburg in Höhe von 240.000 Euro. Hinzu kommt ein Zuschuss vom Land in Höhe von 12.000 Euro. 70.000 Euro sind freie Mittel, die sich aus Spenden, Mitgliedsbeiträgen Sponsorengelder oder Bußgelder aufgebracht werden. Da die Silberdistel eine Fachberatungsstelle ist und unter den Kinder- und Jugendschutzpflichtbereich des Landkreises fällt, können diese Mittel nicht gekürzt werden. „Jedenfalls ist für 2026 keine Kürzung vorgesehen“, so Rook.

 
 
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