Sioux-Geschäftsführer zum zweiten Lockdown „Die lokale Politik duckt sich weg“

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„Wir als Sioux werden gestärkt aus der Krise gehen“, ist der Geschäftsführer des Walheimer Unternehmens, Lewin Berner, überzeugt.⇥ Foto: Oliver Bürkle

Die Auswirkungen des zweiten Lockdowns sind verheerend, sagt Sioux-Geschäftsführer Lewin Berner. Für eine Ausweitung der finanziellen Hilfen auf den Handel fehle der politische Wille.

Geöffnete Geschäfte, aber kaum Kunden: Die BZ hat mit Lewin Berner, Geschäftsführer des Schuhherstellers Sioux aus Walheim, darüber gesprochen, wie sich der zweite Lockdown auf den Handel auswirkt.

Was sind Ihre Erfahrungen nach zwei Wochen Lockdown?

Lewin Berner: Wir liegen im Vergleich zum Vorjahr in den ersten zwei November-Wochen bei knapp 40 Prozent im Minus. Das klingt bitter, aber es hat uns da im Vergleich zur Branche noch vergleichsweise gut erwischt.

Gibt es einen Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Gebieten?

Ja, durchaus. Unsere Händler melden uns, dass sie seit Anfang November mit rund 50 Prozent in ländlichen Gegenden und mit minus 70 Prozent in Großstadtlagen unter dem Vorjahr liegen. Das ist eine echte Katastrophe für die Branche, aber auch für alle anderen, die Handel betreiben, wenn sie nicht gerade Lebensmittel verkaufen. Diese Entwicklung zieht sich quer durch den stationären Handel. Das ist eine wirklich schlimme Nachricht für die Innenstädte im gesamten Land.

Welcher der beiden Lockdowns ist aus heutiger Sicht für den Handel schlimmer?

Der zweite Lockdown erscheint mir verheerender als der erste. Einerseits ist die Situation psychologisch viel schwieriger: Den ersten Lockdown haben ja alle irgendwie mitgetragen, weil das Virus neu war und man davon überzeugt war, die Politik macht das schon alles richtig.

Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass der Lockdown ein politischer Fehler war. Gesundheitsminister Jens Spahn hat das offen eingestanden: Der stationäre Handel spielt als möglicher Infektionsort überhaupt keine Rolle, das sagen die Daten.

Der neuerliche Lockdown ist für uns Händler wirtschaftlich viel herausfordernder: Die Händler betreiben ja ihre Flächen weiterhin, sie halten Personal vor, zahlen volle Miete und alle Betriebskosten. Sie operieren mit voller Kostenbasis. Und  das bei zirka der Hälfte der Umsätze. Das ist für viele existenziell bedrohlich. Hinzukommt, dass ihnen der erste Lockdown bereits riesige Löcher in die Bilanzen gerissen hat. Sie gehen also bereits massiv geschwächt in den  zweiten Lockdown. Wir gehen in Summe davon aus, dass mindestens 25 Prozent unserer Händler das nächste Jahr nicht überleben werden. Hinzukommen etliche, die so frustriert sind, dass sie den Bettel hinwerfen.

Denken Sie darüber nach, das Outlet bis zum Ende des Lockdown zu schließen?

Nein, wir werden unser Outlet auf jeden Fall offen halten. Zum einen wäre eine Schließung epidemiologisch überhaupt nicht angezeigt. Wir haben knapp 500 Quadratmeter und ein perfektes Hygienekonzept. Selbst in normalen Zeiten hat da jeder Kunde bei uns genug Platz. Die Gefahr, sich zu infizieren, liegt bei ziemlich genau Null.

Rechnen Sie mit Entschädigungszahlungen für den zweiten Lockdown?

Die 75 Prozent-Novemberhilfen, die vollmundig von der Bundespolitik angepriesen werden, kommen dem Handel überhaupt nicht zu Gute. Was die meisten nicht wissen: Diese Mittel sind exklusiv für direkt von Schließungen betroffene Branchen und deren Zulieferer vorgesehen. Der Handel schaut ein weiteres Mal in die Röhre.

Für eine Ausweitung dieser Hilfen auf den Handel gibt es aber auch keinen politischen Willen. Aus Berlin ist zu vernehmen, dass der Fachhandel keine systemrelevante Bedeutung hat, und der Bund für die Innenstädte nicht zuständig ist. Das sei Aufgabe der Länder und Kommunen. Und es stimmt: Alle schauen nach Berlin, die lokale Politik duckt sich weg.

Welche Folgen für die Innenstädte befürchten Sie?

Wenn die Innenstadt stirbt, stirbt ein wichtiger Teil der Stadt. Gastronomie, Handel und Hotellerie sind ja die wesentlichen Pfeiler der Attraktivität der Innenstädte, diese drei Branchen machen Innenstädte lebenswert. Sie sind sozusagen das Herz der Kommunen und bedeutsam für Investitionen, Sicherheit und Sauberkeit in den Innenstädten.

Ich befürchte Dominoeffekte: Schließen zu viele Händler, kippt die gesamte Innenstadt, da dann auch in den Restaurants und den verbleibenden Handelsflächen weniger los ist. Der Bundesverband der Händler warnt bereits davor, dass knapp 60 Prozent des Innenstadthandels existentiell gefährdet sei. Ich halte das nicht für übertrieben, sondern für eine realistische Einschätzung, was auf uns alle zukommt.

Was könnte die lokale Politik tun, um dies zu verhindern?

Länder, Städte und Gemeinden könnten direkte Zuschüsse an die besonders gebeutelten Händler auszahlen. Würde die öffentliche Hand hier nur 40 Prozent der Umsatzausfälle übernehmen, wäre dem Handel wirklich geholfen. Ich denke, langfristig würde sich das für die Kommunen rechnen. Eine verödete Innenstadt ist eigentlich der Supergau für jeden Gemeinderat und jeden Bürgermeister, die Folgekosten für das Gemeinwesen wären höher als die überschaubaren Beträge, die jetzt zur Rettung des Handels in die Hand genommen werden müssten.

Wie wirkt sich die Situation auf das Onlinegeschäft aus?

Online ist die Situation natürlich eine andere: Hier wächst und gedeiht Sioux. Von ‚Computer Bild‘ sind wir zum Wachstumschampion im Online-Schuhhandel gekürt worden. Das macht uns schon stolz. Allerdings verkaufen wir vereinfacht gesagt nach wie vor sechs von zehn Schuhen über den Fachhandel. Vier von zehn verkaufen wir selbst: drei Online und einen über unser Outlet in Bietigheim. Wir sind also gefordert, durch ein starkes Wachstum Online den rückläufigen Einzelhandel zu kompensieren. Das ist eine gewaltige Managementaufgabe.

Ihr Unternehmen hat vor kurzem ein Sanierungsverfahren erfolgreich beendet. Wie wirkt sich der neuerliche Lockdown darauf aus?

Wir haben in Rekordzeit das Insolvenzverfahren hinter uns gelassen und hatten uns ganz auf unsere Zukunftsthemen und die strategische Ausrichtung konzentriert. Natürlich ist dieser zweite Lockdown ein neuerlicher Dämpfer. Nun rücken wieder andere Managementthemen in den Vordergrund. Man fährt auf Sicht und das operative Tagesgeschäft fordert die gesamte Kraft und Konzentration. Krisenzeiten kennen wir als Organisation und sind gut und widerstandsfähig, das zu managen.

Was erwarten Sie vom neuen Jahr?

Ich bin als Unternehmer grundsätzlich Optimist, aber den Optimisten wird es im Moment schwergemacht. Ich bin ehrlich gesagt sehr enttäuscht von der Politik, deren intransparentes und wenig planbares Handeln ich immer weniger nachvollziehen kann. Wir sind als Land aus meiner Sicht leider primär in einer Art politischem Lockdown gefangen.

Woran machen Sie das fest?

Ein Beispiel: Die Politik hat sich auf einen Inzidenzwert von 50 festgelegt, an dem wesentliche Maßnahmen hängen. Wenn man sich vor Augen führt, dass es um 50 Positivtests pro 100 000 Einwohner pro Woche geht, also 0,05 Prozent der Bevölkerung, dann heißt das, wir liegen oberhalb der Schwelle, selbst wenn 99,95% der Bevölkerung sozusagen vollständig  „gesund“ sind. An der Relation merkt man, über welche verschwindend geringe Zahl von positiv Getesteten wir eigentlich sprechen.

Dennoch bemüht man immer noch den gleichen Inzidenzwert, um das brachiale Handeln der Politik zu rechtfertigen. Dieser Wert ist aber kein wissenschaftlicher, er entstand im Mai 2020 auf Basis eines Tauziehens zwischen Politikern. Mittlerweile wird mehr als vier Mal so viel getestet wie damals. Es ist klar, dass da die Anzahl der positiven Tests deutlich steigen muss, der niedrige Schwellenwert für die Inzidenz, die sich aus den positiven Tests speist, wurde aber gleichwohl unverändert beibehalten.  Jetzt ist die Politik zum Gefangenen des eigenen Narrativs geworden, es ist schwierig, da wieder rauszufinden.

Wie werden sich die Folgen der Pandemie langfristig auswirken?

Die psychologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen werden meines Erachtens gewaltig sein. Auch für die öffentlichen Kassen und unsere Kinder und Kindeskinder. Ich persönlich fürchte, dass die wirtschaftlichen Kollateralschäden, die verursacht wurden, durch staatliche Milliardenausgaben und gigantische Beihilfen im Moment nur kaschiert werden und erst in der Zukunft voll  durchschlagen werden.

Zurück zu Sioux: Natürlich sucht man als Unternehmer seinen Weg durch jede Krise und in jeder Krise liegen auch Chancen. Wir als Sioux werden gestärkt aus der Krise gehen, da bin ich mir sicher. Weil wir sehr schlank aufgestellt sind, agil und flexibel sind. Viele andere werden unverschuldet auf der Strecke bleiben – und das bedauere ich sehr.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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