So haben die Steelers den Aufstieg gefeiert „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin“

Von
„Steelers on fire“: Die Bietigheimer Eishockey-Profis tanzen nach der Pokalübergabe mit der Trophäe über ihren Köpfen ausgelassen im Kreis – und im Sektregen. ⇥ Foto: Saskia Eberle

Die Bietigheim Steelers zeigen in Kassel nach dem Titelgewinn, dass sie auch beim Feiern erstklassig sind. Juniorengoalie Doubrawa  erhält viel Lob.

Den Schlachtruf kennt man sonst nur vom Fußball, wenn eine Mannschaft im DFB-Pokal eine Runde weiterkommt oder gar ins Endspiel einzieht. „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“, skandierten die Eishockey-Profis der Bietigheim Steelers, nachdem sie sich ihrer Ausrüstung entledigt und im Pulk um ihren jungen Schlussmann Leon Doubrawa geschart hatten. Die Eisbären Berlin, die aktuell Deutscher Meister sind, werden künftig einer der 14 Gegner sein, mit denen es der SCB in der DEL zu tun bekommt – ein erfolgreiches Lizenzierungsverfahren vorausgesetzt. „Wir haben mit dem Aufstieg ein kleines Stück Geschichte geschrieben. Ich bin wahnsinnig stolz, dass wir das geschafft haben“, sagte Kapitän Nikolai Goc.

Der Freude über den bisher größten Coup der Vereinshistorie war allerdings viel harte Arbeit vorausgegangen, gerade auch im Playoff-Finale gegen die favorisierten Kassel Huskies. Mit einem 5:2-Auswärtssieg gewannen die Steelers im entscheidenden fünften Playoff-Finalspiel am Samstagabend die Best-of-Five-Serie und damit den DEL2-Titel. Es war die bereits fünfte Bietigheimer Zweitliga-Meisterschaft seit 2009, womit der SCB nun der alleinige Rekordchampion in der Zweiten Liga ist. Und da der diesjährige Titelgewinn erstmals seit 2008 wieder mit dem sportlichen Aufstieg verbunden ist, gab es diesmal sogar doppelten Grund zum Feiern.

Freudentränen in den Augen

Auf dem Kasseler Eis bewies die Mannschaft aus dem Ellental, dass sie in dieser Disziplin mindestens genauso gut ist wie beim Eishockey. Die Cracks, egal ob jung oder alt, tanzten ausgelassen durch die Halle, jubelten, sangen, umarmten sich und konnten ihr Glück kaum fassen. Bei dem einen oder anderen Spieler glitzerte sogar eine Träne im Auge. Nachdem DEL2-Geschäftsführer René Rudorisch Kapitän Goc und Rekordspieler René Schoofs den Pokal überreicht hatte, gab es erst recht kein Halten mehr. Zu Sektfontänen tanzten die Mannen in den weißen Trikots mit der Trophäe über ihren Köpfen im Kreis. Auch die verletzten Stars Riley Sheen, Brett Breitkreuz, Jimmy Hertel und Goc mischten in voller Montur mit. Wobei besonders Breitkreuz seine Knieblessur schwer plagte, wie das schmerzverzerrte Gesicht bei einigen Bewegungen verriet.

Es dauerte nicht lange, bis der Silber-Pokal zweckentfremdet und mit Bier gefüllt wurde – und sich einige Profis in der hohen Kunst versuchten, aus dem zwölf Kilogramm schweren und 65 Zentimeter hohen Pott (Fassungsvermögen: 22 Liter) zu trinken. Andere schmauchten die Siegeszigarren, die Betreuer Heiko Eckstein mal aus Kuba für so einen festlichen Anlass mitgebracht hatte. Die schwarzen Meister-Shirts machten die Runde, per Smartphone schickten die Spieler Grüße an ihre Lieben in der Heimat. Untermalt wurde die Sause von wummernden Beats. Die scheinbar unerschöpfliche Playlist sah Partykracher wie „Mama Laudaaa“, „Das geht ab“ oder „Anthony Modeste“ vor. Aus dem Hit „Freed from desire“ wurde in der Bietigheimer Version kurzerhand „Steelers on fire“.

Junge Spieler treiben’s bunt

Zu Schabernack waren die jungen Spieler im Kader aufgelegt. Calvin Pokorny (23) schnitt als persönliche Trophäe ein Stück aus dem Tornetz heraus und hängte sich dieses ans linke Ohr. Robert Kneisler (19) und Fabjon Kuqi (20) überschütteten Trainer Danny Naud mit Eiswürfeln aus der mitgebrachten Kiste und kassierten prompt eine Rüge von Geschäftsführer Volker Schoch: „Ihr seid echt Helden. Wir brauchen das Eis doch nachher noch für die Heimfahrt, um die Getränke zu kühlen!“ Worauf die beiden Talente die Eiswürfel brav vom Spielfeld aufsammelten und sie wieder in die Box zurückräumten.

Fast jeder Steelers-Akteur, der sich nach dem Triumph öffentlich äußerte, wies auf die Topleistung von Doubrawa hin. „Er musste uns den Arsch retten“, sagte Goc über den 19-jährigen Juniorengoalie, der seit dem dritten Viertelfinalduell die beiden verletzten Stammtorhüter Cody Brenner und Hertel vertrat und zum großen Rückhalt avancierte. „Ich habe noch nie einen so guten 19-Jährigen gesehen. Was Leon geleistet hat, war abnormal. Er ist mein MVP“, ergänzte Schoofs. Die Auszeichnung als wertvollster Spieler der Playoffs war an Teamkollege Norman Hauner gegangen – und auch der 29-jährige Stürmer hatte diese mit seinen elf Toren und sieben Vorlagen in der Endrunde vollauf verdient.

Blieb als einziger Makel das Fehlen der Fans. 700 Anhänger, fast alle in den Vereinsfarben Grün, Weiß und Blau gekleidet, hatten noch am Vormittag die Mannschaft bei der Abfahrt verabschiedet – mit Fahnen, Pyrotechnik, Gesängen und Schlachtrufen. „Das war der Hammer, unsere Familien waren auch da. Das hat uns noch mal einen Push gegeben. Jeder war noch ein bisschen mehr bereit“, sagte Schoofs, und Goc fügte hinzu: „Wir hoffen und beten, dass wir nächste Saison wieder vor vollen Rängen spielen dürfen.“ Dann in der DEL. Und zum Beispiel in Berlin.

Zusatzinfo

Die DEL wirft ihren Schatten voraus. „Jetzt heißt es planen, arbeiten und das verteidigen, was wir erreicht haben“, sagte Steelers-Geschäftsführer Volker Schoch. Bis zum heutigen Dienstag muss der Verein die Lizenzunterlagen für die Saison 2021/22 abgegeben haben. Das Gros des bisherigen Kaders soll sich nun auch eine Klasse höher beweisen dürfen. „Die Masse wird bei uns bleiben. Das war auch der Deal mit der Mannschaft. Die Spieler haben es verdient und haben Charakter – und Charakter braucht man auch in der DEL“, sagte Schoch und betonte:  „Wir werden keine abgehalfterten Stars verpflichten.“

Ein denkwürdiger Tag in Bildern: Hier geht's zur Bildergalerie

Der Spielbericht zum entscheidenden Finale

Stimmen der Bietigheimer Helden zum DEL2-Titel und dem Aufstieg

Trainer Danny Naud: Meister wird man nicht oft. Wir wissen nicht, wann so etwas wieder passiert. Dieser Titel steht bei mir schon ganz oben. 2017 war ich mit Wolfsburg als Co-Trainer von Pavel Gross im DEL-Finale, und es war bitter, das damals verloren zu haben. Ich bin jetzt fast 60, den Großteil meiner Karriere habe ich hinter mir. Vielleicht kommt ja noch was Schönes. Wir lassen uns überraschen. Auch in der DEL müssen wir uns vor niemand verstecken. Natürlich herrscht dort ein anderes Niveau, da bin ich realistisch. Wir werden hart weiterarbeiten und die Spiele in der DEL genießen.

Kapitän Nikolai Goc: Ich war schon bei zwei Meisterschaften in der DEL dabei, aber so etwas wie in diesem Jahr habe ich noch nie erlebt. Im Sommer wussten wir noch gar nicht, ob wir wegen des Lizenz-Theaters überhaupt in die Saison starten können. Hinzu kam die Corona-Situation. Wir waren zweimal in Quarantäne. Nach ein paar Tagen Eistraining mussten wir gleich in die Playoffs und sind dort immer im fünften Spiel gewesen. Wir waren von Anfang an eine super Truppe. Mich freut es unwahrscheinlich für den Klub, für die Region, für die Stadt und für die Fans. Einfach nur geil.

Mister Playoffs Norman Hauner: Die Auszeichnung als MVP freut mich schon.  Ich habe in diesem Jahr hart gearbeitet, auch schon im letzten Sommer. Aber heute zählt das große  Ding, der Rest ist mir scheißegal. Wir hatten in den vergangenen Wochen viele schwierige Situationen, die Kassel nicht bewältigen musste.  Das hat uns als Mannschaft noch mehr zusammengeschweißt. Wir sind eine Einheit, die über den Willen kommt.

Rekordspieler René Schoofs: Es ist brutal schade, dass bei so einer Meisterschaft keine Fans mitfeiern können. Wir haben in dieser Saison Spiele abgeliefert, da hätte bei uns die Hütte gebrannt. Ich habe die ganze Zeit an das Team geglaubt. Wir sind so stark. Ich bin megastolz und happy, mit dem Klub meinen fünften Titel zu feiern und hier dabei zu sein. Es gibt nichts Schöneres, als jetzt mit den Steelers in die DEL aufzusteigen. Das werde ich meinen Urenkeln noch erzählen.

Torhüter Leon Doubrawa: Die Jungs haben es mir mit ihrer Defensivarbeit leicht gemacht. Ich kann den Erfolg noch gar nicht realisieren. Ich habe in den Playoffs am Anfang noch Eingewöhnungszeit gebraucht. Aber dann ging es immer besser, ich habe mich im Team die ganze Zeit wohl gefühlt, die Mannschaft hat mich super aufgenommen und mir Mut zugesprochen. In der Saison und in  den Playoffs haben wir immer bewiesen, dass wir zurückkommen können. Ich habe nie an uns gezweifelt.

Stürmer Robin Just: Das ist bereits meine dritte Meisterschaft mit dem Verein, aber diese ist anders – einerseits, weil leider keine Fans da sind und wir diese Momente nicht mit ihnen genießen können. Deshalb haben wir alle auch ein trauriges Auge. Und andererseits ist endlich wieder der Sprung in die DEL möglich, das gab es schon viele Jahre nicht mehr. Der sportliche Aufstieg gehört dazu. Sonst macht das alles keinen Sinn. Für was sonst sollen denn die Mannschaften in der Zweiten Liga kämpfen?

Verteidiger Max Prommersberger: Das ist alles völlig verrückt. Wir haben uns immer zurückgekämpft, ob gegen Frankfurt oder Freiburg – und jetzt wieder gegen Kassel. Besser geht’s nicht. Solche Geschichten schreibt nur unser Sport. Fußball ist out.

Geschäftsführer Volker Schoch: Ich habe stets betont: In dem Jahr, in dem der sportliche Aufstieg wieder möglich ist, wollen wir eine Mannschaft haben, die dieses Ziel erreichen kann. Wir sind dankbar und glücklich, dass das Team die Erwartungen erfüllt hat. Ein wirtschaftliches Einkaufen in die DEL kam für uns nie in Frage.  Nun nehme ich all jene beim Wort, die immer gesagt haben, sie unterstützen uns, sobald es richtig um etwas geht. Wer eine gute Mannschaft fordert, muss jetzt den Geldbeutel aufmachen und helfen – auch wenn ich weiß, dass die Zeiten für alle schwierig sind.

 
 
- Anzeige -