Was am Freitagabend wie eine ganz normale Premiere im Ludwigsburger Clussgarten beim Sommertheater begann, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem außergewöhnlichen Theaterstück, in dem nicht nur die Schauspieler eine grandiose Leistung zeigten, sondern das gesamte Team Hand in Hand agierte. „Bella Figura“ heißt die Komödie von Yasmina Reza, die derzeit unter der Regie von Peter Kleinert aufgeführt wird.
Sommertheater Ludwigsburg Tosender Applaus trotz Abbruch
Die Premiere von „Bella Figura“ im Clussgarten fällt ins Wasser und ist dennoch spektakulär.
Ein Geburtstag, der gründlich daneben geht
Boris (Julian Boine), der mit Patricia verheiratete insolvente Unternehmer und seine Geliebte Andrea (Linda Prinz) rollen in einem Golfcart auf die Bühne. Sie fahren Yvonne (Katja Henschel) an, eine egozentrische, leicht demente Dame, die mit ihrem Sohn Eric (Marvin Rehbock) und dessen Freundin Franka (Undine Schmiedl) unterwegs ist, um ihren Geburtstag zu feiern. Ein Geburtstag, der gründlich daneben geht, denn Franka ist auch die Freundin von Patricia – und so kommt manches auf tragisch-komische Manier ans Licht, das bisher im Verborgenen lag. Fassaden bröckeln, Aggressionen kommen auf, die langsam aber unaufhörlich ausufern.
Dabei wird das komplette Ensemble an diesem Tag auf eine ganz eigene Weise gefordert: Wenige Minuten nach Spielbeginn fallen die ersten Regentropfen. „Es ist so schön hier, es fängt grad an zu regnen“, schwärmt Boris auf der Bühne daraufhin. Andrea hingegen stellt nach einigen Regenschauern fest: „Du machst ein Gesicht wie ein nasser Hund.“ „Das Spiel erfolgt aus dem Moment heraus, spontan“, beschreibt Kleinert.
In einer Regenpause wischen die Intendantin Christine Hofer und Geschäftsführerin Susanne Schmidt den feuchten Boden der Bar, in der die schwäbelnde Yvonne sich weigert, vom Sofa aufzustehen „ich kann mich net bewega, es isch alles so rutschig hier“. Andrea gerät auf ihren Highheels wahrhaftig ins Rutschen und zieht diese kurzerhand aus. Fiktion und Realität vermischen sich sensationell. Was gehört tatsächlich zum Stück, was ist intuitive Eingebung? Mehrmals fragt die Intendantin das vergnügte Publikum, ob die Aufführung aufgrund der Wetterlage unterbrochen werden soll. Doch die amüsierten Besucher haben bereits Regenzeug ausgepackt oder ignorieren das Wasser schlichtweg. Lachen und fröhlicher Beifall wechseln sich ab. Die Herzen der Zuschauer fliegen den Schauspielern regelrecht zu, die im strömenden Regen, trotz Blitz und Donner, überzeugend weiterspielen.
Schauspieler spielen mit der Wirklichkeit
Der Umbau der Bühne geht in Rekordzeit vor sich. Schneller als bei jeder Probe. Die Techniker, Bühnen- und Kostümbildner haben alles im Griff. Die Wetterlage wird zunehmend schwieriger. Nach der halben Spielzeit wird die Darbietung abgebrochen. Dennoch hätte der tosende Applaus für das gesamte Team am Ende des Stückes nicht gewaltiger ausfallen können. Kleinert zeigt sich im Gespräch mit der BZ begeistert von den Darstellern: „Ich sage den Schauspielern immer, sie sollen frei werden und das, was tatsächlich ist, mit einbeziehen. Wir spielen mit der Wirklichkeit.“ Und das ist bei dieser Premiere auf spektakuläre Weise gelungen.
Corinna Müller
