Stadtkapelle Besigheim Das Klischee vom leidenden Mann

Von Susanne Yvette Walter
Aus dem Männerwochenende zweier Saufkumpane wird nichts, die Männergrippe sprengt das Vorhaben im Stück der Theatergruppe der Stadtkapelle Besigheim Foto: /Martin Kalb

Theatergruppe der Stadtkapelle Besigheim feiern Sternstunden mit dem Schwaben-Schwank „Männergrippe“.

Das Schwabenherz lacht: So viele Formulierungen, mit denen der Schwabe hierzulande aufgewachsen ist, findet er am vergangenen Montagabend im Kleinen Saal der Alten Kelter in Besigheim wieder. Der Besigheimer und alle anderen Besucher fühlen sich daheim in der Stadthalle Alte Kelter. Dort brennt die Theatergruppe der Stadtkapelle Besigheim eine Schwabensatire wie aus dem Bilderbuch ab. „Männergrippe“, der Bauernschwank von Jennifer Hülser, treibt die Tendenz des leidenden Mannes auf die Spitze.

Schauspieler laufen

zur Höchstform auf

Der Saal ist bei beiden Aufführungen ausverkauft. „Das hatten wir schon lange nicht mehr“, freut sich Schauspielerin Stefanie Graßler. Sie schiebt sich am Anfang zwischen dem Vorhang durch und begrüßt die Gäste zünftig. Im Stück spielt sie die Übermama des an der Männergrippe erkrankten Sohnes. Als jammernder Ehemann sprengt Alexander Stierle (André Häberle) jedes Klischee des leidenden Mannes.

So gerne wollte er das Wochenende angelnd am See sitzen, mit seinem Freund und Saufkumpan Thomas Steiner alias Andreas Fellger. Dieser meint es „gut“ und stellt dem kranken Freund eine Babywanne voll Wasser vor sein Krankenlager. Auch für den Fisch, der daraus geangelt werden soll, hat er gesorgt. Die Mama des armen Grippeopfers läuft zu Höchstformen auf, bringt ihre berühmte Hühnersuppe als Allheilmittel mit und darf erleben, wie ihr die Schwiegertochter Evi Stierle alias Susanne Bauer genervt die Haustür vor der Nase wieder zuschlägt.

Das wäre alles noch im Rahmen, würde nicht die langjährige Freundin der Hausherrin Evi Stierle, Isabell Kaiser alias Tina Pfitzenmaier, auftauchen. Sie lebt in London und will eine millionenschwere Erbschaft antreten. Ihre verstorbene „Dode“, das ist ein altes schwäbisches Wort für Patentante, will ihrer Nichte nur dann ihr drei Millionen schweres Vermögen vererben, wenn sie einen anständigen Lebenswandel im Schwabenland führt. Deshalb hat die Freundin, die angeblich „nur“ zu Besuch kommt, ihren Wohnsitz „offiziell“ und doch klammheimlich ins Bauernhaus der Freundin verlegt.

Als auch noch der Notar Gustav Reichenfels alias Benjamin Ziegler auftaucht, um sich zu versichern, dass die vermeintliche Erbin den Wünschen der Dode nachkommt und dazu eine Bestatterin, die eine teure Beerdigung wittert, ist der „schwerkranke“ Alexander Stierle ganz schnell wieder topfit und verdächtigt sein gesamtes Umfeld, ihn aus erbschleicherischen Gründen umbringen zu wollen. Die „Männergrippe“ könnte ja auch ein Versuch seiner Ehefrau Evi Stierle sein, ihn zu vergiften und damit loszuwerden.

Ein Intrigennest wie aus dem Bilderbuch entsteht, bei dem am Ende keiner mehr durchblickt. Erst als die Freundin der Hausfrau sich zu outen beginnt, kommt heraus, dass es wieder einmal gemenschelt hat. Keiner ist sich wegen der Schwindeleien am Ende böse.

Reizvoll: Zusammenprall der Charaktere

Das Reizvolle am Stück „Männergrippe“ ist der Zusammenprall der Charaktere mit unendlich vielen komischen Pointen und Verbalattacken. Für Zündstoff sorgt die Schwiegermutter mit einem Sack voll Erwartungshaltungen, wie die Angeheiratete mit ihrem Sohn umzugehen hat. Dieser mutiert unter Mamas pflegenden Händen wieder zum Kleinkind und lässt sich sogar die Kuscheltiere aus seiner Kindheit unter die fiebernasse Bettdecke schieben.

In der Pause schnappt sich die Truppe von der Stadtkapelle Besigheim ihre Instrumente und serviert zünftig Märsche und Polkas. Nicht nur am Ende donnert da der Applaus. Auch bei Szenen wie dem Wiedersehen der Freundinnen, die eine aus London, die andere aus der schwäbischen Pampa, gibt es Zwischenapplaus. Das Spiel lebt durch starke Schauspielcharaktere, die sich trauen, ihre Rollen voll auszuschöpfen.

 Susanne Yvette Walter

 
 
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