Stadtwerke Bietigheim „Jede eingesparte Kilowattstunde ist bares Geld“

Von Claudia Mocek
SWBB-Geschäftsführer Richard Mastenbroek. Foto: Werner Kuhnle

Womit müssen die Energiekunden künftig rechnen und wie geht es den Stadtwerken? Die BZ hat den Geschäftsführer der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen nach seiner Einschätzung gefragt.

Explodierende Energiekosten? Zahlungsunfähige Kunden? Blackouts? Die Ängste im Energiebereich sind groß. Welche Sorgen berechtigt sind und welche nicht, verrät Richard Mastenbroek von den Stadtwerken Bietigheim-Bissingen im Interview.

Wie geht es den Stadtwerken, Herr Mastenbroek?

Richard Mastenbroek: Den Stadtwerken geht es gut.

Was bedeutet die Gaspreisbremse für Verbraucher und Stadtwerke?

Die Zeiten für die Energieversorger und für die Kunden sind mehr als herausfordernd. Eines steht fest: die Umsetzung der Preisbremse muss einfach, verständlich und schnell sein – ohne größere Bürokratie. Das ist der Schlüssel, um die exorbitanten Energiepreise von Strom und Gas in den Griff zu bekommen.

Lässt sich die Situation in den Griff bekommen?

Es besteht eine außerordentliche Situation, was die Erzeugungskapazitäten angeht. Wir sind in ein europäisches Verbundnetz eingebunden. Da spielt Frankreich eine große Rolle, von dem wir Energie bekommen, aber das auch von uns Energie bekommt. Wenn die französischen Atomkraftwerke, die sich momentan in der Revision befinden, schnell wieder ans Netz gehen, ist auch eine Entspannung zu erwarten, was den Preis angeht. Aus derzeitiger Sicht ist die Versorgungssicherheit gewährleistet.

Sie rechnen mit keinem Blackout?

Nein, damit rechnen wir nicht. Wir haben eine diversifizierte Erzeugungsstruktur – auf Basis der erneuerbaren Energien wie Fotovoltaik, Wasserkraft und Biogas. Das schützt uns, auch bei der Wärmeerzeugung, bei großen einseitigen Ausfällen der Primärenergie. Anders als viele andere Kommunen, die zum Beispiel gar keine Fernwärme haben, machen wir uns da keine großen Sorgen. Über die Fernwärme können wir die unterschiedlichen Primärenergieträger im Wechsel einsetzen, was für eine höhere Flexibilität sorgt. Aber was die Preisentwicklung angeht, wird es sehr herausfordernd werden.

Was heißt das für die Verbraucher?

Die aktuellen Börsenpreise liegen für den Strom im Basisbereich bei um die 400 Euro, für Gas bei 200 Euro. Die Preise werden sich über den Winter noch verändern. Ich gehe davon aus, dass sie sich einnivellieren werden. Wir werden nicht mehr ganz so hohe Preise wie im Moment bekommen, aber sie werden hoch bleiben.

Wie teuer war Gas früher?

Vor 18 Monaten haben wir ein Zehntel vom heutigen Preis bezahlt. Vor etwa einem halben Jahr hat die Energiebranche diese Entwicklung schon kommen sehen. Wir haben die Verbraucher frühzeitig darauf vorbereitet und dafür geworben, Energie zu sparen. Das tun wir auch heute, wenn uns Kundinnen und Kunden nach den Entwicklungen bei den Abschlägen fragen. Jede eingesparte Kilowattstunde ist bares Geld.

Befürchten Sie Zahlungsschwierigkeiten bei vielen Kunden?

Als Stadtwerke haben wir keine Hinweise darauf, dass es zu größeren Zahlungsausfällen kommen wird. Als eine kaufmännische Vorsichtsmaßnahmen haben wir uns dennoch auf diesen Fall vorbereitet und Liquiditätsreserven bei den Instituten gesichert. Das gehört zum Risikomanagement dazu, das wir aktuell betreiben.

Wird denn zurzeit Energie gespart, sind die Verbräuche gesunken?

Ja, es gibt signifikante Anzeichen dafür, dass weniger Energie verbraucht wird. Wir haben ein Monitoring aufgebaut, dass unsere Absatzzahlen wöchentlich mit den Vorjahreswerten vergleicht. Unterschiede zum Beispiel bei der Außentemperatur werden dabei egalisiert. Beim Gas haben wir im Moment schon zwölf Prozent weniger Einsatz. Ich bin überzeugt, dass weitere Energieeinsparungen vorgenommen werden – sowohl im Strom-, als auch im Gasbereich.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen für die Stadtwerke?

Wir erleben in der Gesellschaft und der Energiewirtschaft fast wöchentlich neue Situationen. Als Stadtwerke können wir damit umgehen. Aber es ist natürlich eine Herkulesaufgabe, das auch verständlich zu kommunizieren.

Wir haben schon am 15. August unsere Kunden über die mögliche Gasumlage informiert. Das haben nicht viele Unternehmen geschafft, denn wir hatten gerade einmal einen Tag Zeit, um alle Briefe vorzubereiten. Als Stadtwerke sind wir verpflichtet, die Kunden in der Grundversorgung schriftlich sechs Wochen vor Inkrafttreten einer solchen Veränderung zu informieren.

Es gab noch weitere Umlagen, die wurden erst am 18. August veröffentlicht, mit Wirkung zum 1. Oktober, da war es zeitlich nicht möglich, die Kunden rechtzeitig anzuschreiben. Das Beispiel zeigt, dass Instrumente eingesetzt werden, die zwar richtig sind, aber diejenigen, die diese Maßnahmen umsetzen müssen, haben nicht ausreichend Zeit.

Muss die Politik in der Krise schneller entscheiden?

Über unseren Verband der kommunalen Unternehmen appelliere ich dafür, diese Themen enger in den Fokus zu nehmen und dafür zu sorgen, dass damit künftig anders umgegangen wird. Es gibt Vorschläge, den Informationszeitraum auf 14 Tage zur reduzieren. Noch besser wäre es, wenn eine amtliche Bekanntmachung in einem solchen Fall ausreichen würde.

Und dann wurde lange über AKWs und Kohlekraftwerke diskutiert...

Ja, über den Streckbetrieb bei den AKWs und die vorübergehende Inbetriebnahme von Kohlekraftwerken hat man lange diskutiert. Für eine langfristige Strategie, zu der auch etwa die Rekrutierung des Personals gehört, ist das zu kurz gegriffen. Die Auswirkungen solcher Entscheidungen müssen längerfristig vorbereitet und konsequent durchgezogen werden. Das, was da passiert ist, schlägt sich auf den Börsenpreis nieder. Denn es kommt zu einer Verknappung des Gutes, was zu höheren Kosten führt. Es gab Tage, in denen wir keinen Strom oder kein Gas beschaffen konnten.

Haben Sie so etwas schon erlebt?

Eine derartige Situation in der Energiewirtschaft habe ich persönlich noch nicht erlebt. Die Folge war, dass wir Anfragen von Dritten nicht bedienen konnten, weil wir keine Preise nennen konnten.

Wo steht Deutschland, was die nationale Mitbestimmung angeht?

In den meisten Nachbarländern haben wir große Landesversorgungsunternehmen. In Deutschland haben wir rund 900 Energieversorgungsunternehmen (EVU). Im internationalen Vergleich sind wir damit nicht mehr auf Augenhöhe mit den Partnerländern. Die strategische Ausrichtung der Energiepolitik: Der größte Gasnetzwerkbetreiber gehört mehrheitlich einer ausländischen Fondsgesellschaft. Einer der größten Erdgasspeicher wurde veräußert und ist mittlerweile zum Teil unter staatlicher Kontrolle. Die Übertragungsnetze sind nicht mehr in Hand der großen EVUs, die nationale Mitbestimmung hat deutlich darunter gelitten. Das ist jetzt nicht unbedingt förderlich und man wäre gut beraten, sich die Energielandschaft strategisch noch einmal anzuschauen. Jetzt erkennt man die Stärke der kommunalen Versorgungsunternehmen vor Ort, weil man von kommunaler Seite aus mitgestalten kann. Das ist ein großer Vorteil.

Wie wirken sich die Lecks in der Ostseepipeline aus?

Jetzt ist ein strategisches Asset außer Kraft gesetzt, es verwundert keinen, dass sich das auf die Börse auswirkt. Jetzt fragt man sich, was passiert, wenn bei der kritischen Infrastruktur noch etwas ausfällt und sucht nach Möglichkeiten, diese zu schützen. Aber eine 1000 Kilometer lange Hochspannungsleitung kann man zwar punktuell überwachen, aber nicht vollständig. Das ist praktisch nicht umsetzbar und auch nicht bezahlbar.

Wo sind wir in fünf bis zehn Jahren?

Das Bewusstsein für das Energiesparen wird stärker vorhanden sein als in der Vergangenheit und das ist auch gut so. Das öffnet die Tür, um erneuerbare Energien noch mehr einzusetzen. Das wird deutlich an Tempo zunehmen – in Bietigheim zum Beispiel im Zuge der kommunalen Wärmeplanung zum Beispiel mit einem Verbund der Heizzentralen und einer sinnvollen Trassenführung. Wir freuen uns auf die Zukunft, es werden spannende Zeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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