Tag der Arbeit IG Metall: Mitarbeiter stärker einbeziehen

Von Claudia Mocek
Bei Ceratizit haben Mitarbeiter Vorschläge erarbeitet. Diese seien „phänomenal“, findet Susanne Thomas. Foto: /Martin Kalb

Im Kreis Ludwigsburg sind 2100 Stellen in Gefahr. Zum Tag der Arbeit fordert IG Metallerin Susanne Thomas, dass die Mitarbeiter mit ihren Kompetenz stärker in Entscheidungsprozesse einbezogen werden.

Der Feiertag am 1. Mai geht auf einen Generalstreik in Chicago 1886 zurück. Damals wollten die Streikenden den Achtstundentag durchsetzen. Vor kurzem haben Union und SPD bekannt gegeben, dass sie die Höchstarbeitszeit pro Tag durch eine wöchentliche Maximalarbeitszeit ersetzen wollen. „Wir haben ganz andere Probleme“, sagt die Geschäftsführerin der IG Metall-Geschäftsstellen Ludwigsburg und Waiblingen, Susanne Thomas.

Derzeit sind im Kreis Ludwigsburg 2100 Arbeitsplätze in Gefahr. Thomas befürchtet, dass bis Jahresende noch weitere Stellen abgebaut werden könnten. Die Gefahr, dass die Unternehmen im Speckgürtel der Automobilindustrie zu einem zweiten Detroit werden könnten, sei eine Herausforderung für Gewerkschaften, Unternehmer, Arbeitgeberverbände und die Politik.

Diese Entwicklung allein durch flexiblere Arbeitsmethoden oder Start-ups aufzufangen, werde nicht ausreichen. Man könne aus einem gut ausgebildeten Fertigungsmechaniker nicht einfach einen Programmierer machen, ist Thomas überzeugt. Das Prinzip „Last Man Standing“ bedeute eben auch, dass es für ein Produkt nur ein Unternehmen gibt, das übrig bleiben könne.

Zu hohe Renditeerwartungen

Seit 2009 habe sie Zulieferer betreut, bei denen mittlerweile die vierte Sanierung oder Restrukturierung anstehe. Thomas ist davon überzeugt, dass Unternehmen vor allem resilienter werden, wenn sie sich nicht nur von einem Kunden abhängig machen.

„Wir sind in einer Krisensituation“, sagt Thomas. Doch sie will nicht als Schwarzseherin fungieren: Die Renditeerwartungen müssten sowohl das Umfeld als auch die globale Wirtschaftslage einbeziehen. Angesichts der Situation in Europa seien zweistellige Renditewünsche in vielen Branchen illusorisch. Doch zu hohe Erwartungen führten in manchen Unternehmen zu Standortschließungen oder Kürzungen bei Forschung und Entwicklung, kritisiert sie. Produkte preiswerter gestalten und effizienter zu arbeiten seien sinnvolle Ansätze. Doch statt den Menschen ausschließlich als Kostenfaktor zu sehen, sei falsch. Vielmehr gelte es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Entscheidungen und Veränderungsprozesse einzubeziehen – die Ergebnisse „sind phänomenal“, sagt Thomas. Dies zeigten Vorschläge bei Feintool und Ceratizit. „Die Leute lernen in der beruflichen Bildung sehr viel“, ist sie überzeugt. Es sei kurzsichtig, dieses Kompetenzen nicht auch in anderen Bereichen zu nutzen – auch im betrieblichen Vorschlagswesen. Umgekehrt wünscht sie sich, dass Geschäftsführungen ihre Kompetenzen durch Prüfungen und auch durch Wahlen nachweisen müssten.

Ob die neue Regierung es richten wird? Sie will zunächst abwarten, wie die Politiker agieren. „Aber ich bin skeptisch“, sagt die Gewerkschafterin. Bürokratieabbau sei zwar wichtig, aber nicht das Allheilmittel, um Arbeitsplätze in der Region zu retten.

Ängste der Menschen

Wichtiger sei es, sich mit den Menschen vor Ort auseinanderzusetzen. Die Gefühle der Menschen bleibe zu oft auf der Strecke, sagt Thomas und meint das durchaus selbstkritisch. „Ich spüre die Ängste der Leute“, doch neben allen Daten und Fakten würden die Gefühlslagen oft ignoriert. Man müsse mehr auf die Mündigkeit der Menschen setzen, die auch mit schlechten Nachrichten umgehen könnten.

Schon jetzt würden Standorte geschlossen, weil die Lage in den USA, in Russland und China so wenig vorhersagbar sei. Doch Trumps Verhalten biete etwa in der Wissenschaft auch Chancen für Deutschland. Schon jetzt gebe es kleine Leuchttürme im Kreis, die belegten, dass die Süddeutschen sich neu erfinden könne und das Motto „Wir können alles außer Hochdeutsch“ immer noch gelte. Das Improvisationstalent in Unternehmen werde unterschätzt, findet Thomas, die Menschen bräuchten mehr Freiraum und Verantwortung. „Kopf hoch und Gas geben“, fordert sie.

 
 
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