Tag der Pflege Problem bleibt das Arbeitsvolumen

Von Gabriele Szczegulski
Der Internationale Tag der Pflege wird jährlich begangen und soll vor allem die Arbeit der Pflegefachkräfte, die sich zum Teil sehr spezialisiert haben, in den Mittelpunkt stellen.⇥ Foto: Christoph Soeder/dpa

Trotz Wertschätzung der Pflegekräfte in der Pandemie: Für Hagen Klee, Betriebsrat der RKH-Kliniken Ludwigsburg und Bietigheim, hat sich an der Situation nicht viel geändert.

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie für die Mitarbeiter in der Pflege der RKH-Kliniken. Das sagt zumindest Hagen Klee, Betriebsrat für die Kliniken Ludwigsburg und Bietigheim und seit 25 Jahren selbst Pflegekraft. Letztendlich hätten Klatschen aus Wertschätzung und Boni nichts Grundsätzliches an den Arbeitsbedingungen geändert. Der Tag der Pflege an diesem Donnerstag will vor allem die Beschäftigten in den Mittelpunkt stellen.

Herr Klee, durch die Pandemie wurde die schlechte Situation der Pflegekräfte in den Kliniken Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Endlich. Hat sich dadurch etwas verändert für die Mitarbeiter?

Hagen Klee: Die Situation in der Pflege war schon vor 2019 katastrophal, die Pandemie hat das nur verstärkt und nach außen gebracht. Auslöser für die Lage ist der kommerzielle und wirtschaftliche Druck, den die Kliniken haben. Sie müssen Gewinne erzielen und das geht auf Kosten der Mitarbeiter.

Klatschen und Boni waren doch eine gute Sache, oder?

Ja, schon, aber sie waren nur eine kurze Anerkennung und haben langfristig keine wirkliche Veränderung gebracht. Ein erstaunlicher, kurzer Effekt war der, dass ehemalige Pflegekräfte, die schon lange der Klinik den Rücken gekehrt hatten, wieder zurückkehrten. Aber dafür sind andere gegangen. 20 Prozent der zirka 1500 Pflegekräfte in den beiden Kliniken kehren jährlich ihrem Beruf den Rücken. Denn die äußere Wertschätzung durch die Bevölkerung wurde intern nicht mitgetragen. Das zeigte sich daran, dass – wie aber auch schon vor der Pandemie und danach – Personal einfach von heute auf morgen, ohne Vorwarnung, auf andere Stationen, fachfremd, versetzt wurde. Oft waren diese Kräfte dann überfordert. Die Boni haben zu Ungerechtigkeit und Unfrieden in den Kliniken geführt, weil nur die Mitarbeiter, die auf Corona-Stationen arbeiteten, ihn bekommen haben. Zudem war mancher Bonus ein billiger Versuch, eine dauerhaft anständige Bezahlung zu vermeiden.

Aber in den Tarifverhandlungen in der Pandemie haben es die Gewerkschaften doch geschafft, zirka sechs Prozent mehr Lohn zu erreichen?

Durchaus, aber gemessen an dem, was die Pflegekräfte leisten und wie ihre Arbeitsbedingungen sind, ist es nicht viel und bringt niemanden dazu, den Beruf zu erlernen oder dabei zu bleiben.

In der Pandemie wurde doch von der Politik versprochen, dass die Kliniken, um den Fachkräftemangel zu beseitigen, jede neu eingestellte Pflegekraft bezahlt bekommen. Ist das nicht eine Hilfe, das Personalproblem in den Griff zu bekommen?

Leider gestaltet sich das nicht so einfach. Derzeit streiten wir mit den Krankenkassen darum, das in die Pflege investierte Geld von 2020, das sie vorfinanzieren mussten, zurück zu bekommen. Wir können wohl erst 2023 mit der Refinanzierung rechnen, da die Krankenkassen jedes kleine Detail bemängeln, trotz Garantie durch die Bundesregierung. Ist diese Kraft nötig? Ist ihre Bezahlung nicht zu hoch oder unangemessen? Weil sie auf das Geld warten müssen, sind die Kliniken auch mit finanziellen Anreizen zurückhaltend.

In der Pandemie hat aber auch der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Personaluntergrenze eingeführt. War das nicht ein großer Schritt in Richtung Reduzierung der Arbeitsbelastung?

Ja, auf jeden Fall. Damit haben wir zumindest eine Garantie darauf, so viel Personal für die Patienten zu haben, dass sie einigermaßen versorgt werden können, auch wenn das nicht optimal ist. Jedoch sind  zehn Patienten für eine Pflegekraft am Tag und 20 in der Nacht immer noch zu viel. Vor allem, da nicht geregelt ist, wann ein Patient mehr Pflege benötigt als ein anderer und wenn dann mehrere pflegeintensive Patienten zusammenkommen, wird es schwierig. Die RKH-Kliniken halten sich auch durchaus an diese Maßgabe, zumal auch der Betriebsrat die Dienstpläne kontrolliert. Das ist auch ein gutes Instrument, Überlastung zu vermeiden. Wenn das nicht möglich ist, werden Stationen geschlossen, derzeit sind wir etwa bei fünf geschlossenen Stationen in Ludwigsburg, weil nicht genügend Mitarbeiter da sind. Wenn wir dann mal wieder unter Volllast fahren, was wirtschaftlich eigentlich notwendig ist, wird die Belastung schnell wieder unerträglich und wir verlieren weiteres Personal. Das Problem in der Pflege, schlechte Arbeitsbedingungen und zu hohes Arbeitsvolumen erzeugen einen Druck auf die Mitarbeiter, der nicht auszuhalten ist.

Was wäre Ihrer Meinung nach die Lösung für das Problem Personalmangel in der Pflege, vor allem in Krankenhäusern?

Die Politik muss einsehen, dass es ein Fehler war, die medizinische Versorgung in den Krankenhäusern zu kommerzialisieren. Wir müssen weg davon, mit der Medizin Geld zu verdienen.  Vorerst würde die Pflegepersonalregelung 2.0 etwas bringen, die Teil des Koalitionsvertrages der Bundesregierung ist. Es muss einen gesetzlichen Anspruch auf Personalbemessung geben. Kliniken müssen alle Ausgaben, die medizinisch gerechtfertigt sind, von den Krankenkassen wiederbekommen, ohne dass diese um jeden Cent streiten. Dann werden auch die Arbeitsbedingungen in der Pflege besser. Wir kriegen anders das Personal nicht zurück und auch nicht genügend neue Mitarbeiter hinzu.

 
 
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