Tag gegen Gewalt an Frauen „Häusliche Gewalt ist keine Privatsache“

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Mehr junge Frauen als in der Vergangenheit suchen im Landkreis Unterstützung im Frauenhaus. Foto: Maja Hitij

Zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen macht der Verein Frauen für Frauen auf das Thema aufmerksam.

Demütigung, Drohung und Kontrolle. „Häusliche Gewalt beginnt meist schleichend“, sagt Arezoo Shoaleh. Die Pädagogische Leiterin von Frauen für Frauen e.V. in Ludwigsburg ist überzeugt, dass der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen am heutigen 25. November nötiger ist denn je. „Die Gewalt wird immer heftiger und massiver. Sie richtet sich verstärkt auch gegen Kinder.“

Den rund 275 000 Frauen im Landkreis stehen an drei Standorten lediglich 19 Plätze in Frauenhäusern gegenüber. „Wir sind ständig voll belegt und könnten das Drei- bis Fünffache an Plätzen gebrauchen“, sagt Shoaleh. Seit 2018 gebe es für eine Frau mit Kindern zwar ein Recht auf einen Familienplatz, „praktiziert wird es bis jetzt aber nicht“.

Dabei ist die Situation für Frauen, die sich dazu entschließen, eine gewälttätige Beziehung zu verlassen, alles andere als einfach. Zur Beratungsstelle kommen Frauen, die schon lange Gewalt erleben und nach Auswegen suchen. Im Frauenhaus werden aber auch Betroffene untergebracht, die mit einem blauen Auge auf der Straße stehen, weil ihr Mann sie aus der Wohnung geworfen hat. „Wenn wir keinen Platz haben, vermitteln wir die Frauen weiter“, sagt Shoaleh. Aber für eine Frau mit Kindern sei die Entscheidung, in ein Frauenhaus nach Mannheim, Stuttgart oder Calw zu gehen, noch einmal schwieriger, etwa weil die Schule, der Kindergarten und die Arbeitsstelle in Ludwigsburg sind.

Mutige Entscheidung

Wenn sich eine Frau, die vielleicht schon lange Zeit Gewalt erfahren hat, zu dieser „großen und mutigen Entscheidung durchringt“, sei es dramatisch, wenn es keine Möglichkeit der Unterbringung vor Ort gebe. Denn oft gibt es zum Frauenhaus keine Alternative. Der Wohnungsmarkt sei dicht und oft litten die Frauen an sozialer Isolation, so dass sie auch nicht spontan bei einer Freundin unterkommen könnte.

„Die soziale Isolation ist eine Form der Gewalt“, stellt die Pädagogische Leiterin klar. Vor allem im Hinblick auf Kinder werde gerne vergessen, was es für sie bedeutet mit häuslicher Gewalt aufzuwachsen. „Viele werden selbst Täter oder erneut Opfer von Gewalt“, schildert Shoaleh.

Gewalt bedeute nicht nur das physische Schlagen oder Treten, auch die psychischen Dimensionen gehöre dazu, sagt Shoaleh: „Im Kern geht es um Macht und Kontrolle.“ Und dieses Phänomen komme in allen Bevölkerungsschichten vor – auch in Familien mit einer guten wirtschaftlichen Lage und einem hohen Bildungsstand. Mittlerweile kommen „sehr viele junge Frauen“ in die Beratungsstelle. „Sie handeln schneller, das ist wichtig“, sagt Shoaleh. Aber auch Frauen Mitte 60 und Mitte 70 lassen sich beraten. Die älteste Frau sei 84 Jahre alt und blicke auf viele Jahrzehnte der Gewalterfahrung zurück.

Die Pandemie hat die Situation noch weiter verschärft. Bis August kamen so viele Frauen zur Beratung wie im gesamten Vorjahr. Der Verein habe in der Krise viel Unterstützung erfahren. Aber Shoaleh ist es wichtig, dass niemand wegschaut, wenn er im Umfeld häusliche Gewalt mitbekomme. „Jede dritte Frau erfährt Gewalt“, weiß sie. Sie wünscht sich, dass Betroffene auf die Beratungsstellen hingewiesen werden. Aber sie weiß auch: „Den ersten Schritt müssen die betroffenen Frauen selbst machen.“

Keine Privatsache

„Häusliche Gewalt ist keine Privatsache“, betont Arezoo Shoaleh. Auch die Dunkelziffer sei hoch, nicht jede Form der Gewalt werde angezeigt. Doch das Strafrecht mache keinen Unterschied, ob die Gewalt in einer Beziehung ausgeübt werde oder nicht. Für die strafrechtliche Verfolgung brauche es einen langen Atem, oft stünden Aussage gegen Aussage. Dem steht der Wunsch vieler betroffener Frauen gegenüber, endlich ihre Ruhe zu haben.

 
 
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