Blechernes Hämmern ertönt, die Nähmaschine rattert, an einem Tisch rieselt Erde auf die Platte, an einem anderen wird das geleimte Holz mit Zwingen festgeschraubt. Es herrscht eine entspannte Stimmung. Die Leute in der Alten Kelter unterhalten sich, trinken Kaffee, essen Kuchen und – sie reparieren. Denn auch darum geht es beim Tammer Repair Café ganz nach dem Motto „Wegwerfen? Denkste!“.
Tamm Repair Café: „Das Lob, das man kriegt, ist einfach unbezahlbar“
Seit zehn Jahren findet das Repair Café statt und verwandelt die Alte Kelter in Tamm in einen Ort der helfen und die Menschen zusammenbringen soll.
Am vergangenen Montag feierte das Repair Café in Tamm bereits sein zehnjähriges Bestehen. Angefangen hatte es mit einer Idee, die der Initiator Rainer Doster hatte. Der Elektroingenieur im Ruhestand, tauschte sich regelmäßig mit einem ehemaligen Kollegen aus. Dieser hatte gemeinsam mit anderen ein Repair Café in Ditzingen gegründet. „Er sagte mir damals: ‚Mich wunderts, dass du noch keins begonnen hast’“, erzählt Doster. Schließlich repariert Doster leidenschaftlich gerne Elektrogeräte. „Im Familien- und Bekanntenkreis heißt es immer: Da musst du den Rainer fragen, wenn etwas kaputt ist“, sagt Doster.
Mehr als 3000 Reparaturen
Über eine Annonce findet er weitere Mitstreiter, die ebenfalls gerne reparieren und damit der Wegwerfgesellschaft etwas entgegenstellen möchten. Nach Beratungen mit dem Bürgermeister steht fest, das Repair Café öffnet seine Türen in der Alten Kelter – jeden zweiten Montag im Monat. Ein echtes Erfolgsrezept: mehr als 3000 Reparaturen haben die ehrenamtlichen Reparateure mittlerweile geschafft. Rund 60 Prozent konnte repariert werden.
Alles auf reiner Spendenbasis. Jeder gibt was er für angemessen hält, sowohl für die Reparaturen, als auch für Kaffee und Kuchen. „Klasse, ich weiß das Repair Café hat auch eine Fangemeinschaft über die Stadtgrenzen hinaus“, sagt Bürgermeister Martin Bernhard, als er zum Jubiläum Geschenke überreicht und gratuliert. Prompt rufen die Besucher Orte aus denen sie kommen dem Schultes zu: Walheim, Erligheim, Markgröningen und sogar Besigheim wird genannt.
Friederike Müller aus Ludwigsburg kam über eine Bekannte auf das Repair Café in Tamm und hat heute einen kaputten Mixer sowie eine eingerissene Jacke dabei. Während ihre Lieblingsstücke genau unter die Lupe genommen und repariert werden, sitzt sie gemütlich bei Kaffee und Kuchen und erfährt von den Reparaturen, die viele Besucher schon sehr glücklich gemacht haben.
Der Kuckuck ruft wieder
So konnte zum Beispiel eine Tammerin nach Jahren wieder ihre geliebte Kuckucksuhr aufhängen, obwohl ihr verschiedene Uhrmacher gesagt hatten, das diese nicht mehr zu retten sei. „Innerhalb von 15 Minuten war sie repariert und jetzt ruft mein Kuckuck wieder“, schwärmt die Tammerin.
Genau das sei auch die Motivation, sich jeden Monat an die Tische zu setzen und zu tüfteln, sagen Hannes Marschall und Joachim Ettlich. Die beiden Tammer sind Reparateure der ersten Stunde und kümmern sich um die Holzarbeiten. Denn im Repair Café werden die Aufgaben nach den jeweiligen Stärken verteilt. „Das Lob, das man kriegt, ist einfach unbezahlbar“, schwärmt Ettlich. Gemeinsam mit Marschall hat er schon das ein oder andere Mal um die Ecke gedacht und so ein Lieblingsstück vor der Mülltonne gerettet. „Wir hatten mal einen vollfunktionierenden Bildschirm, der aber nicht mehr stehen konnte. Dem haben wir kurzer Hand Holzbeine verpasst und jetzt funktioniert er immer noch“, sagt Marschall. Das kann die Besucherin bestätigen, die ihm gegenübersitzt: „Ja, das war meiner“, freut sie sich.
Anne-Catherine Poisel ist mit ihrer vierjährigen Tochter da, die gerne regelmäßig ins Repair Café kommt. Heute durfte sich die Tochter einen Meerjungfrauen-Flicken für ihre Hose heraussuchen, denn auch genäht wird beim Repair Café. Hier sind die Reparateurinnen im Einsatz.
Sogar per „Ferndiagnose“ können die Reparateure helfen: „Ich hatte Mäuse in der Garage und Hannes und Joachim haben mir erklärt wie ich mit Holz einen Spalt verschließen kann“, erzählt Poisel. Mit Handybildern zeigte sie den beiden Holzexperten wie der Stand der Dinge war und erhielt Anleitung. „Und es hat geklappt, keine Mäuse mehr“, freut sich Poisel. Bis zu 20 ehrenamtliche Tüftler und Tüftlerinnen sind beim Repair Café im Einsatz.
Ob ein Herr mit seiner Gartenfräse ebenso viel Erfolg haben wird wie Poisel, muss sich noch zeigen, doch Nico und Alexander Schweikert geben ihr Bestes. Die beiden gehören zu den jüngeren Reparateuren in Tamm. „Es ist einfach so unkompliziert hier mitzumachen“, sagt Nico, der bereits seit mehr als fünf Jahren dabei ist. Alexander Schweikert kommt extra aus Ludwigsburg zum reparieren „Und gerade die Zeiten passen auch zu Leuten die noch arbeiten“, ergänzt Schweikert.
Vertrauen in Zukunft des Cafés
Dann beugen sie sich wieder über die Fräse, denn schließlich wolle man ja auch helfen und irgendwie auch einfach eine schöne Zeit haben, es wird gelacht, geredet, getüftelt und die leckeren selbst gebackenen Kuchen genossen.
„Ich habe Vertrauen, dass das auch weiterhin so bleibt und freue mich wenn auch in den anderen Orten erfolgreiche Repair Cafés entstehen“, sagt Initiator Rainer Doster. Zum reparieren kommt er bei der vielen Organisation nicht mehr wirklich, aber das macht nichts, schließlich ist das Repair Café ja so viel mehr.
