Tamm „Wir gehen nur noch mit Angst auf die Straße“

Von Lisa Lorenz
Die Spurensicherung in der Nacht der Schießerei am Tatort, der Silcherstraße in Tamm. Foto: /Martin Kalb

Im Prozess schilderte die Schwester des Angeschossenen die psychischen Folgen für sie und ihre Familie.

„Seitdem sind wir psychisch nicht mehr in der Lage, wie eine normale Familie rauszugehen“, beschrieb die Schwester des Geschädigten die Folgen der Schüsse in Tamm vor einem Jahr. Am 12. Mai hatte einer der beiden Angeklagten mehrmals auf den Geschädigten, einen Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, geschossen. Er war, wie seine Schwester nun vor dem Landgericht Heilbronn berichtete, eine Woche zuvor bei ihr untergekommen – in seiner eigenen Wohnung in Bad Cannstatt war es vermutlich zuvor schon zu einem Mordversuch gekommen, woraufhin ihm die Polizei riet, sich besser nicht länger dort aufzuhalten.

Keine Nachfragen

Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Hotel sei der Geschädigte dann mit Frau, Kind und Hund bei seiner Schwester in Tamm untergekommen. Warum das überhaupt nötig war und jemand scheinbar versuchte, ihren Bruder umzubringen, schien die Schwester dabei nicht zu interessieren: „Ich wollte nur, dass mein Bruder an einem sicheren Ort ist. Was dahinter steckt, will ich nicht wissen.“ Während sie bei der Verhandlung angab, gewusst zu haben, dass es einen Tötungsversuch gab und ihr Bruder Schutz suchte, hatte sie der Polizei bei deren Vernehmung noch erklärt, ihr Bruder sei wegen eines Umzugs vorübergehend bei ihr eingezogen. Vor dem Vorsitzenden Richter beteuerte sie jedoch, den Grund gekannt zu haben und schob ihre Aussage bei der Polizei auf die aufwühlende Situation, in der sie sich befand.

Nach den Schüssen auf den Geschädigten musste ihm ein Unterschenkel amputiert werden; seine Schwester berichtete außerdem, dass seine Hand „nicht mehr richtig funktioniert“ – er, der Rechtshänder ist, könne mit seiner rechten Hand Dinge wie ein Wasserglas oder ein Handy nicht mehr greifen. Nach dem Vorfall wurde er noch in derselben Nacht operiert und lag danach im künstlichen Koma auf der Intensivstation. Auch mental merke man dem Geschädigten den Vorfall noch an, er sei seitdem ängstlicher und darauf bedacht, dass immer jemand da sei.

Vorfall belastet bis heute

Vor allem die Schwester, die beim Anblick ihres angeschossenen Bruders am Tatabend ohnmächtig wurde und ebenfalls ins Krankenhaus gebracht wurde, hat noch mit dem Schock zu kämpfen: Wenn ein Auto ein paar Minuten lang hinter ihr fahre, wechsle sie die Spur. Ihre Familie gehe nur noch mit Angst auf die Straße und schaue sich dabei die ganze Zeit nach hinten um. „Wir leben unser Leben, aber haben immer Angst.“ Die Bilder ihres Bruders, der im Blut auf dem Boden lag, und die des Täters, den die Schwester vor den Schüssen und beim Wegfahren im Auto sah, blieben im Kopf, man könne sie nicht löschen. In psychologischer Behandlung sei sie nicht.

Der Mitarbeiter der Autovermietungsfirma, bei der die Angeklagten das Auto gemietet hatten, mit dem sie nach Tamm gefahren sind, erschien auch nach erneuter Ladung samt Ordnungsgeld nicht und war auch telefonisch nicht erreichbar. Die Staatsanwältin beantragte seine Vorführung. Der Inhaber der Firma legte bereits das zweite Attest vor und erschien ebenfalls nicht. Der Prozess wird am 20. Mai fortgeführt.  Lisa Lorenz

 
 
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