Sie waren dankbar, überhaupt dabei sein zu dürfen, wollten eigentlich nur ins Finale, Deutschland würdig vertreten, einen guten Eindruck hinterlassen und vielleicht eine kleine Kampfansage Richtung Buchholz schicken. Und jetzt stehen sie da als Vizeeuropameister. „Das ist traumhaft“, schwärmt Trainer Stefan Cramer, „wir haben eine tolle Visitenkarte hinterlassen.“
Tanzen EM Sensationell tanzt die TSG Bietigheim zu EM-Silber
Bei der Europameisterschaft in Schwechat gelingt der Bietigheimer Lateinformation die Überraschung: Sie wird Zweite.
Multiversum, Schwechat bei Wien, Samstagabend, kurz vor 23 Uhr: Sie hüpfen ausgelassen, strahlen über das ganze Gesicht, liegen sich in den Armen, wirken fassungslos und überglücklich. Soeben hat die Lateinformation der TSG Bietigheim den bisher größten Vereinserfolg getoppt. Mal wieder.
Völlig überraschend legte sie mit ihrer Kür „Electric love“ die zweitbeste Leistung des Abends aufs Parkett und wurde mit dem Vizemeistertitel belohnt. Um den Hals hängen die Medaillen aber einem anderen Team: Punktgleich gewann die ukrainische Formation „Adagio“ ebenfalls Silber. Den Deutschen sollen ihre Plaketten nachgeschickt werden. Auf ein Patt waren die österreichischen Organisatoren nicht vorbereitet.
TSG schlägt erstmals Buchholz
Was sie national noch nicht geschafft hatten – Platz zwei –, erledigten sie nun sozusagen eine Liga höher. Das bedeutete auch: Erstmals übertrumpfte die TSG das A-Team von Blau-Weiss Buchholz. War der Abstand im Ligabetrieb zuletzt immer knapper geworden, zogen die Bietigheimer (33,2 Punkte) nun erstmals an Buchholz (31,6 Punkte) vorbei. Ein klarer Fingerzeig in Richtung der neuen Saison. Der Abstand zum neuen Europameister HSV Zwölfaxing für Österreich (35,6 Punkte) war jedoch ebenso eindeutig. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der übermächtige Serienmeister, das A-Team des Grün-Gold-Clubs Bremen, nicht am Start war und seine Teilnahme frühzeitig abgesagt hatte, wodurch die TSG als bis dato nominell drittbeste deutsche Mannschaft erst ins Teilnehmerfeld nachrücken durfte.
Während die Konkurrenz teilweise schon Jahrzehnte lang mitmischt, wird die TSG Bietigheim nun quasi über Nacht bekannt: Bei ihrem ersten internationalen Einsatz übersteht die Lateinformation nicht nur Vor- und Zwischenrunde, sondern prescht bis auf Platz zwei nach vorne. Und die Konkurrenz fragte sich: Wo kommen die denn plötzlich her?
Das sympathische wie nachvollziehbare Understatement legen die Bietigheimer dennoch nicht ab: „Man tut gut daran, demütig zu sein und sich über die aktuelle Leistung zu freuen. Übermütig zu werden, wäre vermessen. Wir bleiben auf dem Boden und schauen, dass wir unsere Aufgaben für die Zukunft lösen“, sagte Trainer Stefan Cramer der BZ. Doch das „Schnuppern bei den Großen“ glaubt den Bietigheimern spätestens seit diesem Wochenende keiner mehr. Diese Mannschaft strebt weiter empor. Und sollte die TSG beim nächsten Aufeinandertreffen mit Buchholz erneut die Nase vorn haben, winkt das nächste Highlight: Denn bei der Deutschen Meisterschaft werden die beiden Startplätze für die Weltmeisterschaft vergeben. Diese findet am 19. Dezember in Bremen statt. Ein Ort, den die Bietigheimer aus dem Ligabetrieb bestens kennen.
Weiteres Potenzial für die Zukunft
Hat dieses Team eigentlich keine Nerven? Doch. Denn die Performance im Finale war auch nicht fehlerfrei. Alle Formationen erzielten ihre besten Wertungen in den Kategorien „Team Skills“ und „Choreografie Präsentation“. Ihre jeweils hohen Achterpunkte retten den Bietigheimern im Vergleich zum ukrainischen Team „Adagio“, das über die vier Kategorien verteilt konstantere Wertungen erzielt, das geteilte Silber. „Da müssen wir ran und an unserer technischen Qualität weiter arbeiten. Mich macht es aber fröhlich, dass wir mit einer noch nicht perfekten Choreografie dieses Ergebnis geschafft haben, das lässt Potenzial für die Zukunft“, blickt Cramer nach vorne.
DM im November in Nürnberg
Jetzt wird aber erstmal der Erfolg gefeiert, im Anschluss gibt es die verdiente Trainingspause und dann holen sie aus für den nächsten Coup. Showdown ist am 7. November in Nürnberg bei der Deutschen Meisterschaft. Team-Kapitänin Leni Baur versucht, den Ball flach zu halten: „Wir fokussieren uns auf uns, damit wir uns weiterentwickeln und orientieren uns ungern an anderen. Wenn wir mit Spaß und als Team rangehen, können wir alles erreichen. Mit Druck und Zwang macht es weniger Spaß, dann ist vielleicht auch eine Enttäuschung riesig. Wir wollen einfach immer besser sein als wir es beim letzten Mal waren.“
