Ein bürgerliches Mädchen zu seiner „Dirne“ zu machen, das geziemte sich wohl für einen württembergischen Adligen Ende des 18. Jahrhunderts. Sie jedoch zur Frau zu nehmen, wie es Ferdinand mit der schönen Musikantentochter Luise plant, das will der Papa Präsident mit allen Mitteln unterbinden. So der Plot von Schillers „Kabale und Liebe“, nun zu sehen im Alten Schauspielhaus.
Theater in Stuttgart Machttier trifft auf Turteltäubchen
Das Alte Schauspielhaus in Stuttgart zeigt Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“.
Bürgerliche Trauerspiele waren en vogue, als der gebürtige Marbacher seine „Luise Millerin“ schrieb. Doch Friedrich Schiller hatte wohl auch persönliche Gründe, gegen selbstgefällige Vorteilsnahme der Herrschaft, gegen den ganzen Standesdünkel einmal mehr aufzubegehren, musste er doch selbst fliehen, um dem Gefängnis zu entgehen. Der Grund dafür: seine rebellischen „Räuber“.
Damals hatte Schiller als Dichter zu kämpfen um seine Freiheit wie um sein Auskommen. Heute zählen Schillers Dramen zu den Klassikern der deutschen Theaterliteratur. In der aktuellen Produktion wird nicht gespart. Ulrich Wiggers schöpft aus dem Vollen. Imposant schon das Bühnenbild von Leif-Erik Heine.
Steile Treppen führen aufwärts ins Gebälk einer Galerie. Dazwischen entsteht ein kleiner hoher Raum, einfach ausgestattet mit einem Tisch und Stühlen, viel Holz: Die Stube der Familie Miller, in der Ferdinand (Benedikt Haefner) knallverliebt den Bund zweier Herzen beschwört, Luise (Farina Violetta Giesmann) bereits den Dolch über ihnen sieht und Vater Miller (Peter Kaghanovitch) gleich eingangs befürchtet: „Alles Wetter kommt über den Geiger.“
Duette der Fürstenschmeichler
Recht soll er behalten, denn mit einem Rumms bekommt der einfache Tisch präsidiale Schubladen, fliehen die Treppen raumschenkend zur Seite, verdunkelt sich die Bühne, gleiten unter der Galerie Türblätter auf (sollte einen nicht wundern, wenn die feinen Leute damals schon automatisierte Schiebetüren gehabt hätten), bedrohliche Klänge wabern filmmusikreif aus den Lautsprechern. Es tritt auf: der Präsident. Oliver Jaksch verkörpert den Großkotz von einem Machttier kongenial. Lässt seine Untertanen wie die Puppen tanzen, spinnt Intrigen (Kabale) gegen die Heirat seines Sohnes, verfrachtet Luisens unschuldige Eltern kurzerhand in den Kerker, um die Tochter gefügig zu machen, zwingt seinen Sohn in die eigenen Machtpläne ein. Ihn selbst vorübergehend tanzen machen kann nur einer: Gideon Rapps Hofmarschall von Kalb, dessen herrlich überzogene Extravaganz der hohe Herr doch auch nur mitspielt, weil er ihn braucht für Machterhalt und Machtgewinn. Eine wahre Wonne, die choreografiegleichen Duette der beiden gegensätzlichen Fürstenschmeichler. Hier der wortkarge kühle Kopf, das Ziel fest vor Augen, da der kokettierende Redeschwallakrobat mit Fußnotenneigung, der den Präsidenten mit „mein Süßer“ adressiert und zu Pirouetten verführt.
Durchaus eindrucksvoll, wie Wiggers die Mittel der Theatermaschinerie mit Lust am Übertreiben einsetzt. Ein bisschen zu viel „Cyrano de Bergérac“ blitzt durch in manchen Szenen, etwa wenn Benedikt Haefners Ferdinand vor lauter Liebe durch die ganze Stube jagt, treppauf, treppab, mit Schwung unterm Tisch hindurch- und im Bruchteil einer Sekunde auf demselben und vor der verdatterten Luise wieder auftaucht.
An den Bergérac, diese Sternstunde, diese Choreografie in Versen der letzten Spielzeit unter dem gleichen Regieteam, reicht der Saisonauftakt „Kabale und Liebe“ nicht heran und das kann er auch gar nicht. Am meisten berührt hier das Filigrane, die Mimik. Wie Kaghanovitchs Miller, eben noch hat er seiner Frau Geschwätzigkeit bemängelt, merkt, dass er selbst sich nun um Kopf und Kragen redet, ihm die Gesichtszüge entgleiten, er versucht, sich zu fangen, abermals strauchelt. Oder wie Jakschs Präsident sein wahres Gesicht dem Publikum zeigt, seinem Gesprächspartner jedoch verbirgt.
