Es ist der 9. Juli 1971. Der Jurist Mr. Brack (Michael Hecht) liegt auf der Chaiselongue im Haus des frisch verheirateten Paares Tesman. Über George Tesman (Moritz Peters) hat er wenig Gutes zu sagen, Hedda Tesman, ehemals Gabler, jedoch, die „hat schon als Kind mit den Pistolen ihres Vaters gespielt. Wo die hinschießt...“ Er schwelgt in Erinnerungen und schaltet mit einer Fernbedienung die Musik ein. Rechts am Bühnenrand beginnt ein Gitarrist zu spielen, der mit seinem Haarband und seinen weiten Hosen unwillkürlich an den Gitarrenvirtuosen Jimi Hendrix denken lässt. Das kreisförmige, hölzerne Bühnenelement dreht sich und das Ehepaar Tesman kommt hineingestürmt, sie waren in den Flitterwochen.
Theatersommer Ludwigsburg „Macht haben ist etwas sehr Schönes“
Das Schauspiel-Quintett begeistert bei der Premiere von „Hedda Gabler“ im Clussgarten in Ludwigsburg.
Premiere für „Hedda Gabler“
Am Mittwochabend fand die Premiere für „Hedda Gabler – ein musikalischer Thriller“ im Clussgarten in Ludwigsburg statt. Das Stück ist eines von sechs, die in diesem Jahr im Rahmen des Theatersommers auf der Freilichtbühne im Herzen der Barockstadt gezeigt werden. Der Bühnenfassung der Regisseurin Christine Hofer liegt das gleichnamige Drama „Hedda Gabler“ des Norwegers Henrik Ibsen zugrunde. Die Vorlage aus dem Jahr 1890 versetzt Hofer jedoch in die Welt der 1970er-Jahre. Warum gerade dieses Jahrzehnt? Wegen der Musik.
Die Handlung des Dramas wird mit großen Namen der Musikgeschichte (zugegebenermaßen nicht nur aus den 1970ern) verstrickt: So ist unter anderem Nancy Sinatras „Bang Bang“ zu hören und die bekannte Melodie von „Paint it black“ der Rolling Stones zieht sich fast wie ein Leitmotiv durch das Theaterstück. Das hölzerne Bühnenrondell lässt sich drehen, erinnert an eine Schallplatte, ist sowieso multifunktional. Durch eine Luke im Rondell lodert später ein Feuer, das durch künstlichen Nebel, der mit rotem Licht angestrahlt wird, erschaffen wird. Genial.
Josephine Bönsch, die die Hedda spielt, überzeugt mit ihrer festen Stimme bei ihren Gesangssoli und mit ihrer Bühnenpräsenz. Elias Baumann, der fingerfertige Mann, der die Gitarre bedient, ist neben seiner Funktion als menschlicher Plattenspieler auch überragender Darsteller des Ejlert Lövborg und damit Teil der Handlung und musikalischer Leiter.
Der Gesellschaft gerecht werden
Zur Handlung: Hedda Tesman, „verheiratet, aber immer noch eine Gabler“, wie sie betont, ist die Ehefrau vom langweiligen, aber gutherzigen George Tesman geworden, um den Konventionen zu entsprechen. Sie versucht, sich mit schönen Dingen über die Leere in ihrem Leben hinwegzutrösten. Gerne holt sie die Pistolen ihres Vaters heraus. So singt sie „Daddy lesson“ von Beyoncé mit einer Pistole in der Hand („Oh, my daddy said shoot“) und betont in „King“ von „Florence + the Machine“, keine typische Ehefrau und Mutter zu sein („I am no mother, I am no bride, I am king“). Und dann taucht ihre verflossene Liebe Ejlert auf, gemeinsam mit dem Mauerblümchen Thea Elvsted (Anna Pircher), das vernarrt in Ejlert ist.
Im Stück geht es um Emanzipation, um die Frage der Macht. „Macht haben ist etwas sehr Schönes“, sagt Hedda. Sie hat Macht über alle Figuren – ob Mann oder Frau. In Ludwigsburg werden die Hauptthemen durch klar herausgearbeitete Charaktere auf die Bühne gebracht, ohne überzeichnet zu wirken. Man nimmt jedem der fünf Darsteller seine Rolle ab. Das Bühnenbild (Dirk Seesemann) und die Einbettung in den musikalischen Rahmen lassen den Zuschauer in eine andere Welt abtauchen und die Zeit vergessen. Es wird gelacht und gestaunt. Doch die Kritik an der Gesellschaft und an den Erwartungen an die Frau, und den Mann, schwingt immer mit. Hedda ist Feministin, will sich aber keineswegs für andere Frauen einsetzen. Ihr geht es nur um sich selbst. Und um die Schönheit.
Am Ende erschießt sich Hedda. In Ibsens Version. In Ludwigsburg schießt sie auch, jedoch auf ihren Mann George und Mr. Brack. Sie verlässt die Bühne mit der Pistole. Das Publikum wartet auf den selbstmörderischen Schuss, der jedoch nicht kommt. Das Wissen um ihre Zukunft, diese Macht gibt Hedda Gabler dem Publikum nicht über sich.
