Theaterstück in Ludwigsburg Zwischen Nebenwirkung und echter Liebe

Von Jennifer Stahl
Connie (Selina Schöneberger) verabreicht Tristan (Alex Junge) die höchste Dosis. Die Geschichte nimmt eine dramatische Wendung, denn keiner der beiden Probanden erhält das Placebo. Foto: Steven M. Schultz/ADK

In der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg wurde am Mittwochabend die Regie-Bachelorinszenierung „The Effect“ erstmals aufgeführt.

Hatten Sie schon einmal Depressionen?“ Mit dieser Frage steigt das Theaterstück „The Effect“ ein, welches am heutigen Samstagabend zum letzten Mal an der Akademie für Darstellende Kunst (ADK) in Ludwigsburg unter der Regie von ADK-Absolventin Emma Mae Zich aufgeführt wird. Eine der Hauptfiguren beantwortet die Frage: „Nein. Ich war schon öfter traurig. Aber depressiv war ich nie.“

Das Stück stammt von der britischen Dramatikerin Lucy Prebble. Am Mittwochabend feierte es Premiere an der ADK, es handelt sich um eine Inszenierung, mit der Zich ihr Regiestudium abschließt. Zum künstlerischen Team zählen unter anderem Schauspiel- und Dramaturgiestudenten der ADK, eine Schauspielstudentin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart (HMDK) sowie weitere Gäste, darunter von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart (ABK).

Zwei Probanden verlieben sich

Bei „The Effect“ geht es um die beiden Probanden Connie (Selina Schöneberger) und Tristan (Alex Junge), die sich einer Versuchsreihe für ein neues Medikament gegen Depressionen unterziehen. Im Laufe des Experiments verlieben sie sich ineinander und Connie, die eigentlich eine Beziehung führt, fragt sich: Sind die Gefühle echt? Oder sind die Emotionen aufgrund der Medikamenteneinnahme vielmehr chemischer Ursache? Hinzu kommt, dass keiner der beiden weiß, ob sie das Medikament wirklich bekommen oder doch in der Kontrollgruppe sind.

Als die Leiterin des Experiments, Dr. Lorna James (Melina Petala), die selbst unter Depressionen leidet, zugibt, dass Tristan Placebos verabreicht bekommt, gerät der Versuch außer Kontrolle. Zudem will Lornas Chef, Dr. Toby Sealey (Kioma Palmen), das Verhalten der Psychiaterin testen, wodurch sich die Lage immer weiter zuspitzt. Denn was dann sowohl Connie als auch Lorna nicht wissen: Tristan erhält das Medikament sehr wohl.

Die Kulisse auf der Bühne ist außergewöhnlich, denn immer wieder bewegen sich die weißen Wände und formen sowohl neue als auch bekannte Räume. Wenn sich Connie und Tristan näherkommen, verschwinden sie fast gänzlich. Einmal brechen die beiden aus der strengen Isolation aus und bewegen sich frei auf der Bühne. Sie lernen sich kennen, Tristan erzählt von seinen Reisen und bittet Connie, ihn nach dem Experiment zu begleiten. Er ist verletzt, als sie ihren Freund erwähnt, später aggressiv und paranoid. Unklar ist, ob das Verhalten seinen Gefühlen oder doch den Nebenwirkungen zuzuschreiben ist.

Ähnlich ist es bei Connie, beide Probanden befinden sich in einem komplizierten Gefühlschaos. Mal wird alles ganz laut und sie streiten sich. Dann folgt wieder eine ruhige Szene, in der die Zuschauer die Silhouetten hinter den Wänden dabei beobachten, wie sie herumalbern, miteinander tanzen und sich schließlich näher kommen.

Ein anderes Mal bilden die Wände einen engen Raum, zum Beispiel, wenn die Psychiaterin am Experiment zweifelt und von Toby dazu getrieben wird, weiter zu machen. Darstellungen wie diese lassen dem Zuschauer viel Raum für Interpretation und es ist faszinierend, zu beobachten, wie sich die Kulisse stets der jeweiligen Situation anpasst.

Bewegung, Farbe und Projektion

Auch spielen Farben und Projektionen eine Rolle: Die Wände werden grün angestrahlt, wenn die Dosis erhöht wird. Ein anderes Mal ist alles blau und Reflexionen zweier Gehirne werden an die Wand geworfen, während sich die Liebenden an den Händen halten. Etwas verändert sich zwischen den beiden – entweder aufgrund der Nebenwirkungen oder aber, weil sie sich wahrhaftig ineinander verliebt haben.

Die Darstellerinnen und der Darsteller überzeugen und bringen das Gefühlschaos glaubhaft herüber. Besonders dramatisch wird es, als Connie Tristan die letzte Dosis verabreicht, damit er fühlt, was sie fühlt. Natürlich weiß sie nicht, dass er das Placebo nie bekommen hat und so verändert sich aufgrund der Überdosis alles.

Das Stück kommt fast komplett ohne Requisiten aus. Lediglich Döschen, Gläser und, ganz wichtig, das Modell eines Gehirns ergänzen die Geschichte. Dieses Gehirn wird letztlich von Dr. Lorna zerstört, denn sie gibt sich die Schuld am Ausgang des Experiments und fällt zurück in ihre Depressionen. Schließlich hört sie auf Toby und nimmt das Antidepressivum, obwohl sie sich zuvor immer gegen dessen Einnahme gewehrt hat.

Ein Drama, das ausdrucksstark ist und zwei wichtigen Fragen nachgeht: Was Liebe echt macht und wie wir die Wunden in unserer Seele heilen können.

 
 
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