Ich bleibe der Praxis für einen Tag in der Woche erhalten“, sagt die Besigheimer Tierärztin Anne Posthoff (65). Nach 40 Jahren übergibt sie zum 1. August die Praxis an Wiebke Dallmann-Klapac (44). „Und ich bin froh, Unterstützung in der ersten Zeit von Anne Posthoff zu haben und mich dadurch besser einfinden zu können“, sagt die Tierärztin, die bisher in einer Tierpraxis einer Kette mit mehreren Ärzten in Heilbronn arbeitete und in Abstatt lebt. „Es war seit meinem Studium mein Traum, eine eigene Praxis zu haben, in der die Kunden und die Tiere mich kennen und wo es nicht so anonym ist wie in einer Filiale einer Praxiskette“, sagt Dallmann-Klapac.
Tierarztpraxis Besigheim „Tiergeburten sind am schönsten“
Anne Posthoff übergibt ihre Kleintierpraxis im Finkenweg nach 40 Jahren an Wiebke Dallmann-Klapac. Ganz weg ist sie jedoch nicht.
Den Traum von der eigenen Praxis hatte auch Posthoff nach ihrem Studium der Tiermedizin. Damals kam sie mit ihrem damaligen Ehemann nach Besigheim und eröffnete die Praxis, nicht nur für kleine Tiere, sondern auch für Großtiere. „Wir haben Fleischbeschauen übernommen, Besamungen gemacht, Geburtshilfe zu allen Tages- und Nachtzeiten“, sagt sie. Bei beiden Taufen ihrer zwei Kinder musste sie das Fest verlassen, um verletzte Tiere zu behandeln.
Tierärzte sind rar geworden
Vor 15 Jahren hat sie dann die Praxis alleine übernommen und die Großtierbehandlungen aufgegeben. „Heute gibt es kaum noch Milchtierhaltung, für die Besamung kommt jemand von außerhalb und Fleischbeschauen gibt es auch nicht mehr, weil niemand mehr selbst schlachtet“, sagt Posthoff. Aber auch bei den kleinen Tieren sind ihr die Geburten das Liebste. „Geburten sind am schönsten und befriedigendsten in meinem Beruf“, sagt sie. „Ich habe nie gerne operiert, das wird mir auf keinen Fall in meiner Rente fehlen.“ Und genau dafür hat sie mit Dallmann-Klapac die Richtige gefunden. „Meine liebste Tätigkeit ist das Operieren. Tieren durch eine OP zu helfen, sie wiederherzustellen, das freut mich“, sagt sie.
Zweieinhalb Jahre hat Posthoff gesucht, bis sie mit Dallmann-Klapac die ideale Nachfolgerin fand, wie sie sagt. „Tierärzte sind rar geworden“, sagt sie. Am 1. August wird übergeben, aber bis dahin müssen die beiden noch jede Menge „Regularien“ erfüllen. „Wir ersaufen in Papierkram“, so Posthoff. Alleine 20 Seiten mussten ausgefüllt werden, damit Dallmann-Klapac das Röntgengerät von Posthoff übernehmen kann, das diese schon einige Jahre betreibt. Die „ausufernde Bürokratie“ sei es auch, was viele Tierärzte davon abhalten würde, sich mit einer Praxis selbstständig zu machen.
Die Kleintierpraxis in Besigheim ist die einzige im nördlichen Landkreis, in Ingersheim ist die nächste. Die Patienten kommen von überall her, selbst aus Marbach, Sachsenheim, Lauffen oder Heilbronn.
Der Tierarztalltag, so Posthoff, habe sich aber seit Corona zum Positiven gewandelt. „Plötzlich hat man gesehen, dass feste Öffnungszeiten und Online-Terminvergabe gehen und man nachts nicht mehr raus muss, wenn jemand anruft“, sagt sie. Sie habe bis dahin jede Nacht das Telefon am Bett gehabt, nun geht der Anrufbeantworter dran. „Meistens ist es sowieso besser, die Kunden fahren direkt in die Tierklinik“, sagt sie. Und wegen einem Zeckenbiss, einer der häufigsten „Krankheiten“ mache sie längst kurzen Prozess. „Ich zeige den Kunden, wie sie die Zecke selbst rausbekommen.“
Mama und Papa der Tiere
Dallmann-Klapac ist Mutter und muss deshalb auf feste Arbeitszeiten achten. „Notfälle, wie man sie früher rund um die Uhr in einer Tierarztpraxis behandelt hat, sind in einer Tierklinik besser aufgehoben oder bei einem Spezialisten“, sagt sie.
In den 40 Jahren als Tierärztin, so Posthoff, haben sich vor allem die Tierhalter geändert. „Das sind jetzt Mama und Papa, ihr Tier ist ihr Kind, da ist ein Zeckenbiss dramatisch“, sagt sie, die selbst zwei Dackel, Zwockel und Alwin, hat. Und ihr Mann besitzt Schäferhund Asta. Die Tiere würden verhätschelt und wie Menschen behandelt. Vor allem die Ernährung sei „wie eine Religion“. Deshalb hat Posthoff eine Ernährungsberaterin in ihrer Praxis, die auch Dallmann-Klapac übernimmt. „Doch manche Tierhalter sind beratungsresistent, suchen sich lieber im Internet oder bei nicht ausgebildeten Tierfutterverkäufern Rat“, sagt Posthoff. Wichtig, so sagt sie, sei nur, dass man kleine Tiere anders füttere, bei Hunden mit Welpenfutter. Und darauf achte, dass die Nahrung nicht zu fett sei, „dann bekommen die Tiere Magenprobleme“. Auch von Moorpulver und anderen Varianten von „selbst ernannten Tiergurus“.
Anne Posthoff ist mit Leib und Seele Tierärztin, freut sich aber nun auch auf die Rente, ihren Rentenausweis hat sie gerade zugeschickt bekommen – „ein komisches Gefühl“, so die 65-Jährige. Aber sie hat genug andere Interessen, sie wird weiter Gerichtsgutachten schreiben, Vorträge halten und Bücher verfassen. Hier gilt ihre Aufmerksamkeit vor allem Ratgebern für Kaninchen und für die Hundezucht. „Bücher schreiben läuft bei mir nebenher, die konzipiere ich beim Spazierengehen mit den Hunden im Kopf“.
