Die Titanic kommt nach Ludwigsburg: Ein Schiff, das vor über hundert Jahren tragisch sank – und das bis heute fasziniert. Warum ist das aber so? Da gibt es mehrere Gründe, sagt Malte Fiebing-Petersen, der der Vorsitzende des Deutschen Titanic-Vereins ist und den die Faszination der Titanic selbst schon im Alter von zehn Jahren packte und nicht mehr losließ: „Es war die erste Medienkatastrophe der Neuzeit“, eine Vielzahl von Zeitungen berichtete damals und ließ ihre Leser an dem Geschehen teilhaben.
Titanic-Ausstellung in Ludwigsburg „Die Geschichten zur Geschichte erzählen“
Eine Ausstellung im Urbanharbor bringt Originalexponate der Titanic in die Barockstadt. Einerseits lässt sie hinter die Kulissen blicken, andererseits möchte sie umfassend über das Unglück aus dem Jahr 1912 informieren und mit Mythen aufräumen.
Dann bildete das Schiff auch die Klassengesellschaft ab, die Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte – mit den bekannten tragischen Folgen der Fahrgäste der dritten Klasse im Schiffsbauch.
Schiff als Abbild der Gesellschaft
Das Schiff bildete somit ein Stück weit die Gesellschaft ab, die nur zwei Jahre darauf im Weltkrieg untergehen sollte. Ebenso wie den blinden Technikglauben der Zeit, Hybris vielleicht, die Natur und die Meere bezwingen zu können – bis ein simpler Eisberg dazwischenkam. Und schließlich war es ein langer, langsamer Untergang: Fast drei Stunden, von elf bis nach zwei Uhr nachts. Zeit, in der „jeder sich seine Geschichte machen kann“, so Fiebing-Petersen. 200 Exponate werden nun im Ludwigsburger Urbanharbor zu sehen sein, Originalstücke, die um das 1985 gefundene Wrack verstreut lagen – das Innere gilt als Grab und darf nicht betreten werden.
Die Ausstellung will damit zweierlei: Einmal nimmt sie einen mit an Bord, lässt vom Planungsbüro, wo das damals größte Schiff der Welt zusammen mit seinen zwei Schwesterschiffen entworfen wurde, durch die Flure der ersten Klasse des Schiffs schlendern, hin zu der prächtigen großen Freitreppe mit der Putte, die im Original noch immer auf dem Meeresgrund liegt. Aber auch hinab in den Bauch des Schiffs geht es, wo die Heizer bis zuletzt Kohlen schaufelten – nicht für die Maschinen, aber für die Generatoren, ohne die das sinkende Schiff auch noch in völliger Dunkelheit verschwunden wäre – nur zwei der Heizer sollten überleben.
Bewusst will die Ausstellung auch ihr Schicksal beleuchten, betont Fiebing-Petersen, der am Donnerstag vorab durch die Ausstellung führte, ebenso wie das Schicksal der immensen Zahl von Passagieren in der dritten Klasse, wo eine Kabine mit nur vier Betten und echten Matratzen statt Strohsäcken, wie sie die Ausstellung zeigt, absolut selten war. Viele dieser Passagiere erlebten hier das erste Mal elektrische Energie, genauso wie den Luxus, beim Essen bedient zu werden. Dort standen viele schon nach der Suppe wieder auf – für ihre Verhältnisse hatten sie schon eine vollwertige Mahlzeit erhalten.
Eisberg zum Anfassen
Das interaktive Erleben wird abgerundet durch einen Eisberg zum Anfassen – hier kann sich jeder noch einmal die minus zwei Grad Celsius vergegenwärtigen, die in dieser Nacht das Wasser hatte. Die Eintrittskarte, die jeder Besucher erhält, weist ihm die Rolle einer historischen Persönlichkeit auf dem Schiff zu – vom Schiffseigner (Reeder) bis zur letzten Überlebenden, Millvina Dean, die bei dem Unglück neun Wochen alt war.
Und schließlich kann man vor einem Green Screen und einem Nachbau des Buggeländers ein Foto machen, jene berühmte Szene in dem Film von 1997 nachstellen. Diese Szene kann es aber gar nicht gegeben haben, erklärt Fiebing-Petersen: Denn der Bug war komplett Crewbereich, keine Passagiere kamen dorthin. Das ist auch das zweite Ziel der Ausstellung: Umfassend informieren. Mit nicht wenigen Mythen wird hier aufgeräumt: So war der Eisberg nicht allein auf weiter Flur, tatsächlich hatte das Schiff seit dem Nachmittag mehrere Eiswarnungen erhalten, aufgrund derer es seinen Kurs nachweislich nach Süden korrigierte.
In der Nacht befand man sich in einem Eisfeld – das man nichtsdestotrotz mit voller Geschwindigkeit durchfuhr. Vielleicht, weil der Reeder selbst an Bord war und der Kapitän vor ihm nicht die Motoren abschalten wollte, mutmaßt Fiebing-Petersen. Aber: die Titanic wollte nie einen Geschwindigkeitsrekord nach Amerika aufstellen, ein weiterer Mythos. Stattdessen waren die Ziele der Reederei mit ihrem Bau die Größe und der Komfort.
Kein „unsinkbares“ Schiff
Auch falsch: dass das Schiff „unsinkbar“ gewesen sein soll. Eine einzige Zeitung betitelte sie vor dem Unglück so – erst danach griffen viele weitere diese Formulierung auf. „Es gibt keine bessere Möglichkeit, die Katastrophe anschaulich zu machen“, findet der Vorsitzende des Deutschen Titanic-Vereins abschließend, „die Geschichten zur Geschichte erzählen“, das wolle man hier.
Am Wochenende öffnet die Ausstellung dann ihre Tore offiziell – eine Woche nach dem ursprünglichen Starttermin, am Donnerstag wurde in der Halle noch viel aufgebaut. Der Grund: ein Container kam zu spät an – auch hier schlugen die Unwägbarkeiten des Seewegs zu, wenn auch nicht so fatal wie vor über 112 Jahren.
