Trainer-Umfrage über die deutschen WM-Chancen „Ich sehe nach oben keine Grenze“

Von
Gut gelaunt vor dem WM-Auftakt: Der deutsche Kapitän Uwe Gensheimer (links) und Antonio Metzner hatten am Sonntag beim EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich offenkundig jede Menge Spaß. ⇥ Foto: Marius Becker

Die Trainer des HC Metter-Enz, des TSV Bönnigheim und der SG BBM trauen dem ersatzgeschwächten deutschen Team zumindest das WM-Viertelfinale zu – und einer glaubt sogar an den Titel.

Mit dem Eröffnungsspiel des Gastgebers gegen Chile beginnt an diesem Mittwoch die Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten. Das deutsche Team steigt am Freitagabend gegen Außenseiter Uruguay ins Turnier ein. Die BZ hat kurz vor dem ersten Anwurf drei Trainer aus der Region gefragt. was sie der DHB-Auswahl zutrauen, wer den Titel holt – und wie sie es finden, dass die WM in Zeiten von Corona stattfindet.

Robil Dehabe, der die Männer des HC Metter-Enz in der Bezirksklasse trainiert, ist besonders optimistisch. „Ich sehe nach oben keine Grenze. Die deutsche Mannschaft hat die Klasse, um unter die ersten Drei zu kommen – und wenn sie sich in einen Rausch spielt, kann sie auch Weltmeister werden“, sagt der Ingenieur, der an diesem Mittwoch seinen 42. Geburtstag feiert. Als größte Titelrivalen hat er Frankreich, Dänemark sowie Spanien auf dem Radar.

Dass Bundestrainer Alfred Gislason in Ägypten nach diversen Absagen auf gleich sieben Stammkräfte verzichten muss, wertet Dehabe nicht als Nachtteil. Im Gegenteil: „So haben die Spieler eine Chance, die bisher im Hintertreffen waren. Oft poppt dann ein Spieler auf, den man gar nicht auf der Rechnung hatte“, sagt der Coach der zur Saison 2017/18 gegründeten Spielgemeinschaft, die sich aus den Stammvereinen TV Vaihingen und TV Großsachsenheim rekrutiert. Als einen entscheidenden Erfolgsfaktor sieht er die Chemie innerhalb des Kaders: „Es wird letztlich darauf ankommen, wie gut und schnell die Mannschaft zusammenwächst und wie sich die Spieler untereinander verstehen – auf und neben dem Feld.“

Ganz so zuversichtlich wie Dehabe ist Hannes Jon Jonsson nicht. „Wenn die Deutschen alle Mann dabei hätten, wären sie für mich ein heißer Medaillenkandidat und vielleicht sogar der Favorit. So aber rechne ich nur mit dem Viertelfinale und einem Platz zwischen fünf und sieben“, sagt der Zweitliga-Coach der SG BBM Bietigheim und ergänzt: „Schlechter als Platz sieben abzuschneiden, wäre für eine Handball-Nation wie Deutschland auch nicht akzeptabel.“

Als „Riesenverlust“ für die DHB-Auswahl wertet Jonsson vor allem das Fehlen von Hendrik Pekeler – der Kreisläufer des THW hatte seine Teilnahme mit dem Hinweis auf Corona abgesagt. „Er ist vorne wie hinten ein Weltklasse-Spieler und ein Weltklasse-Typ. Wo er spielt, ist Erfolg“, sagt der SG-Trainer, für den die Dänen der Topfavorit auf den Titel sind. Dem Team aus seiner Heimat Island drückt Jonsson besonders die Daumen. Der 40-Jährige hofft, dass seine Landsleute den Ausfall ihres am Knie verletzten Superstars und Spielmachers Aron Pálmarsson vom FC Barcelona gut verkraften und am Ende in den Top sechs landen.

Dass die WM trotz der Pandemie ausgetragen wird, sieht Jonsson sehr kritisch. „Ich persönlich finde das eine Vollkatastrophe, und ich weiß, dass das auch viele Spieler vor Ort so sehen. Ich bin überrascht, dass überhaupt so viele nach Ägypten geflogen sind.“

Bei diesem Aspekt steckt Michael Zimmermann im Zwiespalt der Gefühle. „Einerseits ist es positiv für unsere Sportart, wenn sie bei einer WM mal wieder im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht. Andererseits hätte ich auch vollstes Verständnis gehabt, das Turnier unter den jetzigen Gegebenheiten zu verschieben“, sagt der Landesliga-Trainer des TSV Bönnigheim.

Bei den beiden EM-Qualifikationsspielen gegen Österreich habe einen guten Eindruck von der deutschen Mannschaft gewonnen. „Trotz der vielen Ausfälle halte ich das Viertelfinale für realistisch. Alles darüber hinaus wäre ein Bonus“, stellt Zimmermann fest. Auf einen Topfavoriten will sich der 46-jährige Produktmanager aber nicht festlegen. Titelverteidiger Dänemark, Norwegen, Frankreich und Kroatien – „die üblichen Verdächtigen“ – sieht er aussichtsreich im Rennen. Dem Gastgeber traut er eine Überraschung zu: „Mit etwas Glück kann auch Ägypten den Sprung ins Halbfinale schaffen.“

Besonders gespannt ist Zimmermann auf die beiden deutschen Kreisläufer Johannes Golla und Sebastian Firnhaber, die im Nationalteam auch den neuen Innenblock bilden. „Sie könnten auf internationalem Niveau endgültig den Durchbruch schaffen“, sagt der Bönnigheimer Übungsleiter. Er traut dem Duo ohne weiteres zu, im Angriff und in der Abwehr die abwesenden Ausnahmekönner Pekeler und Patrick Wiencek zu ersetzen.

 
 
- Anzeige -