TSV Bietigheim Geturnt wurde anfangs im Freien

Von Uwe Mollenkopf
Mitglieder des Turnvereins beim Turnen vor dem alten Schafhaus im Jahr 1907. Foto: TSV Bietgheim

Der TSV als größter Sportverein in Bietigheim-Bissingen kann dieses Jahr Jubiläum feiern. Die Gründung des Vereins vor 175 Jahren fällt in die Zeit der Revolution von 1848/49.

Das nennt man eine Punktlandung: Nachdem sich zwischenzeitlich mehr als 200 Sportler zum Laufteam des TSV Bietigheim beim Bietigheimer Silvesterlauf 2022 angemeldet hatten, erreichten nach einigen krankheitsbedingten Absagen letztlich exakt 175 Läufer das Ziel, berichtet Geschäftsführer Jan Bodmer. Damit waren es genauso viele wie der Verein in diesem Jahr alt wird. Für Bodmer „der perfekte Start ins Jubiläumsjahr“ und ein Zeichen, dass das Vereinsmotto „Wir bewegen viel(e)“ nach wie vor Zugkraft hat.

Angefangen hat das Turnen im Verein in Bietigheim in einer politisch unruhigen Zeit. 1848 brach die Revolution in Deutschland aus. Im Juni dieses Jahres machten in der Stadt mehrere junge Leute, darunter der Färber Adolph Melchior und der Seifensieder Wilhelm Maier, den Vorschlag, einen Turnverein zu gründen, was dann auch in die Tat umgesetzt wurde. Schon vorher gab es eine Turngemeinde mit Turnplatz (seit 1844) und Geräten, die mitbenutzt werden durften. Die Mitglieder des Turnvereins turnten im Sommer im Freien, im Winter in einem Raum im Rathaus, in Scheunen und auch im Gasthaus Lamm.

Nicht nur sportlich aktiv

Im Mai 1849 gab sich der damalige reine Männer-Turn-Verein erste Statuten, im August wurde die Vereinsfahne eingeweiht. Im Oktober trat man dem Deutschen Turnerbund bei. Während andere Turnvereine dieser Zeit revolutionär gesinnt waren, betonte der Bietigheimer Turnverein laut Lothar Siegloch („Bietigheim 789-1989“), dass er keine politische Richtung verfolgen und jedem seine Meinung lassen wolle.

Im Übrigen waren die Turner in der Anfangszeit nicht nur rein sportlich aktiv, sondern es wurde auch gesungen. Bei Bränden übernahmen sie es, in brennende Gebäude zu klettern, wozu sie 1851 beim Gemeinderat eine Leiter beantragten.

Zeitweilige Auflösung

Anfang der 1850er-Jahre gab es allerdings eine Flaute, die auch damit zusammenhing, dass sich nach dem Ende der Revolution das Klima für Turnvereine verschlechterte. Der damalige Sprecher, der Lehrergehilfe Georg Schwarz, trat 1851 nach ständigen Ermahnungen des Pfarrers, es passe nicht zu einem Lehrer, im Turnverein tätig zu sein, zurück. Wie aus den Protokollen hervorgeht, löste sich der Verein damals auf, das Vereinsleben ruhte von 1851 bis 1860. 1861 ging es dann wieder weiter. Die Deutsche Turnerschaft hatte sich damals auf unpolitischer Basis neu formiert.

Meilensteine im 19. Jahrhundert waren das Jahr 1887, in dem das Frauenturnen eingeführt wurde, das Jahr 1896, in dem eine Männerriege gebildet wurde, und das Jahr 1898, in dem die Abteilung Fußball gegründet wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen unter anderem Schülerturnen (1908) und Faustball (1910) hinzu. Damals zählte der Verein bereits 300 Mitglieder.

1912 erhielten die Sportler endlich auch eine richtige Turnhalle, nachdem 1907 eine Not-Turnhalle im alten Schafhaus eingerichtet worden war. Ein Rückschlag folgte 1914: Der Erste Weltkrieg begann, und der Sportbetrieb wurde eingestellt.

Sportplatz für 3700 Reichsmark

Weiter ging es 1919 mit zunächst 150 Mitgliedern. Vier Jahre später, 1923, wurde die Abteilung Leichtathletik gegründet, ein Jahr später die Damen- und die Altersriege. Das Jahr 1926 markiert den Start der Handballabteilung. Für die Aktivitäten im Freien wurde 1928 vom Verein eine Spielstätte an der Enz für 3700 Reichsmark angekauft und in Eigenarbeit ausgebaut. Ein Jahr später war die Einweihung.

Während der NS-Zeit wurde am 14. Mai 1938 die Auflösung des Turnvereins Bietigheim und die Gründung der Turn- und Sportgemeinschaft 1848 Bietigheim beschlossen. Der neue Verein war ein Zusammenschluss aus Turnverein, Kraftsportverein Spartania und Skizunft mit einer ganzen Reihe von Abteilungen: vom Turnen über die Leichtathletik bis zum Boxen. Im gleichen Jahr kam noch Schwimmen hinzu.

1945: Turnhalle zerbombt

Bitter für die Vereinsmitglieder wurde das Jahr 1945: Bei Luftangriffen im März auf den Viadukt wurden der Sportplatz, das Schafhaus und die Turnhalle zerstört.

Nach dem Krieg dauerte es mit der Neugründung bis 1948. Im gleichen Jahr erhielt der TSV von der Stadt das Sporthaus Laiern. Die Entwicklung der folgenden Jahre war davon geprägt, dass einerseits Abteilungen wieder aufgelöst wurden, wie 1949 der Fußball und 1951 Schach und Schwerathletik, andererseits neue hinzukamen wie 1952 Fechten (bis 1974), 1971 Basketball, 1972 Tennis und 1974 Volleyball. Weitere sollten folgen.

Das Jahr 1956 markiert die Einweihung der Sporthalle am Viadukt, wo in den Folgejahren Meisterschaften ausgerichtet wurden. 1968 begann die Geschichte des Frauenhandballs im TSV, und es wurde das Ellentalstadion eingeweiht. 1971 entstand die Leichtathletik-Gemeinschaft Neckar Enz zusammen mit weiteren Vereinen.

Bau des Sportquadrats

Wichtig für den Verein war 1984 die Einweihung des TSV-Vereinsheims und in neuerer Zeit der Bau des Sportquadrats. 2014 beschloss eine außerordentliche Mitgliederversammlung dessen Bau, 2017 konnte es eingeweiht werden.

Für das Jubiläumsjahr laufen die Planungen beim TSV laut Geschäftsführer Bodmer auf Hochtouren. Einiges steht schon fest. Unter anderem sei im Februar der Start einer „TSV-Jubiläums-Challenge“ geplant. Bis Oktober stellen die TSV-Abteilungen dabei monatlich eine Aufgabe, die im jeweiligen Monat daheim oder im Training der jeweiligen Abteilung erfüllt werden kann. Im März soll ein TSV-Museum eröffnet werden, und am Samstag, 13. Mai, ist rund um den Sportpark Ellental ein großer Sporttag für die ganze Familie geplant. Am Samstag, 17. Juni, findet laut Bodmer in der Kelter der offizielle Festakt statt.

 
 
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