Ukrainisches Nationalorchester in Bietigheim Stehende Ovationen am Schluss eines außergewöhnlichen Konzerts

Von Helga Spannhake
Dirigent Volodymyr Sirenko Foto: /Martin Kalb

Das National State Symphony Orchestra of Ukraine gastierte am Wochenende im Kronenzentrum. Mit einem Stück von Levko Kolodub entführten die Musiker das Publikum in die Karpaten und erhielten stehende Ovationen.

Das National State Symphony Orchestra of Ukraine gastierte am Wochenende im Bietigheimer Kronenzentrum. Auf dem Programm standen Werke von Beethoven, Liszt sowie zweier, hier unbekannte, ukrainische Komponisten. Das Orchester und Solist Nuron Mukumi rissen das Publikum sprichwörtlich von den Stühlen.

In klassischem Schwarz gekleidet, betraten die Orchestermusikerinnen und Musiker die Bühne, einige von ihnen lächelten leicht, viele schauten allerdings mit ernster Miene vom Podium in den Zuschauerbereich. Und das war keineswegs verwunderlich, denn so entspannt das Publikum sich auf einen wunderbaren künstlerischen Genuss freute, so schwer waren doch offensichtlich die Herzen der ukrainischen Gäste, schienen ihre Gedanken bei ihren Familien und Freunden in der vom Krieg immer mehr zerbombten Heimat zu sein.

Scheck über 10 000 Euro

Oberbürgermeister Jürgen Kessing betrat die Bühne, überbrachte ein „very warm Welcome“ und gemeinsam mit BZ-Verleger Manfred Gläser einen 10 000-Euro-Scheck der BZ Aktion Menschen in Not (die BZ berichtete). Lächelnd nahm ihn Dirigent Volodymyr Sirenko unter anhaltendem Applaus entgegen. Alle im Saal waren sich der Wichtigkeit dieses Abends bewusst: Die Musik fungierte als Hoffnungsträger, als Botschafter sowie als humanistisches Zeichen.

Eröffnung mit Ballade

Komponist Borys Lyatoshynsky gilt als Vaterfigur der modernen ukrainischen Musik. Er selbst wiederum war ein großer Bewunderer der polnischen Kultur und setzte dem Dichter Adam Mickiewicz ein musikalisches Denkmal, indem er dessen Gedicht „Grazhyna“ seiner sinfonischen Dichtung zugrunde legte. Die Heldentaten der mythischen litauischen Frauengestalt Grazyna gegen die Streitkräfte des mittelalterlichen Ordens der Deutschen Ritter werden tonmalerisch beschrieben: Als sinfonische Ballade bezeichnete der Komponist sein Werk, wählte damit eine freie Form und entzog sich musikalischen Vorschriften.

Offenheit für literarische Einflüsse in seinen Kompositionen charakterisiert auch das Werk von Franz Liszt. Sein Klavierkonzert Nr. 1 war das zweite Stück des Abends und der 1996 in Usbekistan geborene Nuron Mukumi setzte sich an den Flügel. Im Alter von sechs Jahren begann er mit dem Klavierspiel und erhielt bereits mit sieben Jahren erste Preise. Nach Studium und Stipendium, internationalen Konzerten und Festivals tourt er nun aktuell mit dem National State Symphony Orchestra of Ukraine.

Es ist für ihn ein hochromantisches Werk voller Fantasie: „Es macht Spaß und hat keine Grenzen“, erklärte Nuron Mukumi. Grenzenlos schien auch seine eigene Virtuosität: In jede Note hineinfühlend kennzeichnete diesen grandiosen Fingerakrobaten eine tiefe Verbundenheit zur Musik.

Das Publikum war von seiner pianistischen Qualität so angetan, dass es bereits hier eine kurze Zugabe herausklatschte: Mit den Worten „etwas ein bisschen Leichteres“ kündigte Nuron Mukumi schmunzelnd die Etüde op. 72 in F-Dur des 1854 in Breslau geborenen Tondichters Moritz Moszkowski an.

Klassiker nach der Pause

Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 8 ist durch ihre Heiterkeit gekennzeichnet, gleichzeitig geprägt von großer Experimentierfreude und entsprechend klassisch elegant mit wunderbar transparentem Orchesterklang interpretierte Dirigent Volodymyr Sirenko gemeinsam mit dem National State Symphony Orchestra of Ukraine den Großmeister der Musikgeschichte.

Seit 1999 ist Sirenko künstlerischer Leiter und Chefdirigent. 2001 erhielt er mit dem „Shevchenko National Price“ die höchste Auszeichnung in der Ukraine. Der vielfach ausgezeichnete Dirigent spielt in derselben Liga wie Esa-Pekka Salonen und Sir Simon Rattle, das bewies er eindrucksvoll. Leidenschaftlich und doch mit der gebotenen professionellen Zurückhaltung durchdrangen er und sein Orchester die Werke, boten einen Abend auf höchstem Klangniveau, der als Schlusspunkt mit einem Stück des ukrainischen Komponisten Levko Kolodub aufwartete: Die „Ukrainian Carpathian Rhapsody“ mit ihrem folkloristischen Elementen, ihrem Blick auf eine Landschaft mit majestätischem Bergpanorama malte das Bild einer wunderschönen Ukraine und setzte ein emotional ergreifendes musikalisches Finale, dass das Publikum von den Stühlen riss. Standing Ovations und nicht enden wollender Applaus beendeten diesen außergewöhnlichen Konzertabend. 

 
 
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