Vaihingen Eine spannend-bedrückende Heimatgeschichte

Von Helga Spannhake
Der Theaterspaziergang behandelt die letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Den Fokus legt er dabei auf starke Frauen- und Kinderfiguren. Foto: /Oliver Bürkle

„Die Mutprobe“ heißt der neue Spaziergang des Theaters unter der Dauseck in Pulverdingen. Die Premiere in Vaihingen ist an diesem Freitag.

Am Wochenende hatten die Mitwirkenden des Theaters unter der Dauseck (TudD) zur öffentlichen Hauptprobe eingeladen. Wegen der Hitze nicht wie ursprünglich geplant um 15 Uhr, sondern erst abends um 19 Uhr – wobei es bei Beginn immer noch sehr warm war. Das Theaterstück versetzt sein Publikum zurück in einen fiktiven, aber von Pulverdingen inspirierten Ort gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Frühjahr 1945 sind die Männer an der Front und hauptsächlich Frauen arbeiten auf den Feldern und im Haus.

Mit Blick auf das Alltagsleben wirkt der kleine Ort fast wie eine ruhige Insel im Kriegsgeschehen. Zuerst werden dem Zuschauer die sechs Familien der Geschichte vorgestellt: Damm, Schmidt, Bering, Timmermann, Lenz und Stadelheim heißen sie, zu Letzterer gesellt sich noch ausgebombte Stuttgarter Verwandtschaft.

Das Publikum bewegt sich Stück für Stück durch Pulverdingen, während die Erzählung an Dramatik gewinnt. Da gibt es die bevorstehende Geburt und damit verbundene Überlegungen zur Namensgebung, aber auch die plötzliche Nachricht vom Tod des Mannes an der Front. Der Ortsgruppenführer fordert, das Dorf für den Endsieg wehrhaft zu machen und deponiert eine Kiste mit Waffen und Munition – sehr zum Missfallen der Frauen im Dorf, die fürchten, dass es dadurch erst recht zu Häuserkämpfen kommen könnte.

Verkündet wird außerdem die Mobilmachung und aufgrund von Bombenangriffen zittern alle im Bunker während der Einschläge. Die Frauen treffen sich zu einer Lagebesprechung und stellen sich die Frage, wie sie ihre Kinder vor der Gewalt schützen können. Trotz der näher rückenden Front erscheint das Dorf aber doch ebenfalls als sicherer Hafen und die Kinder denken sich Rittergeschichten mit Drachen und Prinzessinnen aus – kurze unbeschwerte Momente, bis die Realität sie einholt und zwei von ihnen von Neugier getrieben die Dorfgrenze überschreiten.

Was sie bei ihrer Mutprobe sehen, entsetzt sie und bringt auch die Erwachsenen in Erklärungsnot. Gibt es wirklich so viele blasse Männer nur unweit des Dorfes, die dringend etwas zu Essen brauchen? Die Kinder wollen handeln und ziehen teils die Erwachsenen mit.

Historische Recherchen als Grundlage

Geschrieben wurde das Stück von Autor Walter Menzlaw, der auch Regie führt. Es beruht auf Recherchen zu vergangenen Tagen und auf Erzählungen von Augenzeugen aus der Region: „Dieser wie aus der Zeit gefallene Ort Pulverdingen hat uns sofort angesprochen, nur die Story hat noch gefehlt“, sagte der Vorsitzende des TudD Bernd Schlegel zu den Anfängen vor zwei Jahren.

Starke Frauen und Kinder sollten im Zentrum des Theaterspaziergangs stehen, so lautete der Wunsch aus dem Ensemble. Das führte zur Idee, sich mit den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs zu befassen. Und da gab es noch die Zeitzeugen, die sich erinnerten, welche Freiheiten sie als Kinder hatten, welch resolute Frauen damals lebten, und, dass es auch Außenseiter gab.

Vom Außenlager des KZ Vaihingen bei Unterriexingen und der katastrophalen Lage der Gefangenen gab es ebenfalls Kenntnis, aber die meisten wollten es gar nicht so genau wissen. „Der Vater hat den Juden im KZ Brot gebracht“, auch das erfuhr das Theaterteam in den Interviews.

70 Jahre Altersspanne unter den Mitspielern

So entstand nach und nach ein von Fakten und Hintergründen inspiriertes, aber doch fiktives Werk für 29 Spieler zwischen sieben und 77 Jahren. Da wird getanzt, viel gesungen und gearbeitet: Gekonnt und mit großer Spielfreude fangen die Akteure das Dorfleben zwischen Alltag und Fliegeralarm ein. Es gelingt ihnen, alle Figuren mit ihren Facetten darzustellen und das Publikum fiebert mit, kämpft durchaus mit Tränen. Trotz großen Applauses am Ende der Hauptprobe ist auch Betroffenheit spürbar – so eindrücklich gelang der Theaterspaziergang in die dunkle deutsche Vergangenheit. Premiere ist diesen Freitag, 3. Juli.

 
 
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