Auf dem Leinfelder Hof in Enzweihingen war Wendelgard von Staden daheim, am 7. Juni wäre sie 101 Jahre alt geworden. Nun ist sie am Donnerstag im Beisein der Familie gestorben. Ihr unermüdlicher Einsatz für Demokratie und gegen Faschismus und ihre Schaffenskraft bleiben vielen im Gedächtnis.
Vaihingen Trauer um Wendelgard von Staden
Kurz vor ihren 101. Geburtstag ist am 21 Mai die Autorin und Kämpferin für Demokratie gestorben.
In Kleinglattbach geboren
Wendelgard von Staden wurde am 7. Juni 1925 als Freiin von Neurath geboren und wuchs auf dem elterlichen Hofgut in Kleinglattbach, heute im Besitz der Familie Sanders-Groeneveld, auf. Nach dem Abitur, einer Landwirtschaftslehre sowie dem Studium der Volkswirtschaft in Tübingen und der Politikwissenschaft in Paris und Los Angeles wurde Wendelgard von Neurath 1955 Vizekonsulin in Bern, später Vertreterin des Auswärtigen Amtes für den Osthandel und Delegationsrätin in der politischen Abteilung in Washington.
1958 wurde sie an die Botschaft in Washington versetzt und kam dort in Kontakt mit allen Größen des späteren Kabinetts von John F. Kennedy.
Bei einem Besuch von Walter Hallstein, dem damaligen Kommissionspräsidenten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), lernte die junge Diplomatin dessen Kabinettschef Berndt von Staden kennen und lieben. 1961 wurde geheiratet, was für Wendelgard von Staden aber bedeutete, dass sie kündigen musste. Denn Diplomatenpaare waren zu dieser Zeit nicht erwünscht. Damals lebte das Paar in Zürich, wo Tochter Inga 1961 geboren wurde. Berndt von Staden wechselte bald darauf nach Washington, wo 1963 Sohn George zur Welt kam.
1990 das Bundesverdienstkreuz
1990 wurde Wendelgard von Staden mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Der Ludwigsburger Landrat Dr. Ulrich Hartmann würdigte bei der Verleihung die weltweiten Dienste der damals 65-Jährigen und ärgerte sich etwas über die relativ späte Auszeichnung. Sie sei mit ihrem Engagement ein großes Vorbild für andere und eine starke Frau, die sich bis ins hohe Alter für Frieden, Freiheit und Demokratie einsetzt, hieß es in der Begründung für die Verleihung der Vaihinger Bürgermedaille im Januar 2025.
„Nacht über dem Tal“
Ihre Jugenderinnerungen hielt sie in ihrem Buch „Nacht über dem Tal“ fest. In ihm schilderte sie auch die Geschehnisse rund um das Vaihinger KZ Wiesengrund, sie hielt Vorträge an Schulen und sprach bei Veranstaltungen, wurde weithin bekannt und bleibt als Zeitzeugin nicht nur zahllosen Schülern im Gedächtnis.
Ihr zweites Buch hatte sie im hohen Alter von 100 Jahren geschrieben. Anhand von privaten Briefen und eigenen Erinnerungen blickte die frühere Diplomatin zurück auf spannende Jahre der Nachkriegszeit. Das Buch wird in wenigen Wochen erscheinen.
Normale Tage begännen bei ihr um 7 Uhr mit dem Frühstück, dann habe sie sehr viel am Schreibtisch zu tun und auch im Garten wird feste geschafft, sagte sie aus Anlass ihres 100. Geburtstags. Würde sie aus heutiger Sicht in ihrem Leben etwas anders machen?, wurde sie im Juni 2025 gefragt. „Eine ganze Menge“, antwortete von Staden. Aber das wisse man immer erst im Nachhinein.
„Ich habe viele Fehler gemacht, in der Hauptsache aber viel Glück gehabt. Vor allem war mein Mann so nett. Wir hatten eine wundervolle Ehe. Man sieht im Alter die Dinge ein bisschen anders. Ich war in meinem Urteil immer sehr kritisch, das bin ich nicht mehr. Ich sehe mehr die guten Seiten. Das ist, glaube ich, eine Alterssache, man ist ausgeglichener und milder.“
Auch die Freude an der Natur spiele eine Riesenrolle, fügte sie damals noch an und: „Der Rest steht in der Hand des Herrn. Ich weiß nicht, wie lange er mich noch hier lassen wird. Ich habe so viel Glück gehabt, an jeder Ecke meines Lebens hab’ ich Glück gehabt. Ich bedanke mich bei meinem Herrgott.“
