Vaihingen Vom Helfer ins Rampenlicht

Von
Alexander Krieger, Radprofi aus Vaihingen, fährt mit seinem neuen Team Alpecin-Fenix aus Belgien inzwischen bei den ganz großen Straßenradrennen mit.  ⇥ Foto: Stefan Rachow

Lange hatte Alexander Krieger auf eine Chance in einem Pro-Continental-Team warten müssen. Zu dieser Saison hat es für den Straßenradprofi aus Vaihingen endlich geklappt. Er unterschrieb mit 28 Jahren beim zweitklassigen Team Alpecin-Fenix aus Belgien – und musste feststellen, dass sich das Fahren in einer Pro-Continental-Mannschaft teilweise komplett von dem unterscheidet, was er in seinen sechs Jahren zuvor beim drittklassigen luxemburgischen Team Leopard Pro Cycling, einer Continental-Mannschaft, erlebte.

„Bei Leopard war viel auf Nachwuchsförderung ausgelegt. Deshalb bekamen Talente die Chance, sich zu zeigen, was aber dazu führte, dass die Taktik nicht so stringent ausgelegt wurde“, berichtet Krieger. „Bei Alpecin-Fenix geht es darum, seinen Job zu machen. Jeder weiß am Start ganz genau, was er zu tun hat. Die Mannschaft wird wichtiger.“ Für den Vaihinger, der erst vor Kurzem seinen 29. Geburtstag gefeiert hat, hieß das in der Regel, dem besten Sprinter des Teams, dem Belgier Tim Melier, im Finale zu helfen. „Ich musste in der Regel das Team aus dem Wind raushalten und an eine gute Position bringen“, berichtet Krieger.

Kein Ergebnisdruck

Damit stand der 29-Jährige aber auch öfters mal ohne Ergebnisdruck am Start. „Bei Leopard musste ich gute Ergebnisse einfahren, weil ich mit der beste Fahrer war“, erzählt Krieger. „Bei Alpecin-Fenix hatte ich oft nur den Druck, meine Aufgabe erfüllen zu müssen. Das ist was anderes. Aber es ist auch gut, solche Rennen zu haben.“

Auf der anderen Seite steht man als Fahrer auch mehr in der Kritik, wenn man seine Aufgabe vergeigt hat. „Wenn man etwas falsch gemacht hat, kassiert man einen Anpfiff. Da ist deutlich mehr Zug dahinter“, berichtet der Vaihinger. „Allerdings geht es auch um mehr Geld.“

Das führte jedoch auch dazu, dass hinter dem Namen Alexander Krieger des Öfteren die Buchstaben „DNF“ für „did not finish“, also kam nicht ins Ziel, standen. „Oft habe ich das Ziel trotz guter Leistung nicht gesehen, weil meine Aufgabe relativ früh im Rennen war“, berichtet der 29-Jährige. „Ich habe aber fast immer abgeliefert. Und selbst, wenn ein ,DNF‘ hinter meinem Namen in den Ergebnislisten stand, wurde das wahrgenommen – vor allem, wenn ein Teamkamerad von mir gewonnen hat.“ Und das kam in dieser Saison immerhin 13 Mal vor. Bei der Tour Bitwa Warszawska in Polen im August und bei der Binck-Bank-Tour Ende September fuhr Alpecin-Fenix sogar den Gesamtsieg ein.

Rolle ändert sich

Im Lauf der Saison – vor allem nach dem Restart im August – änderte sich die Rolle von Krieger im belgischen Team zunehmend. „Das Ziel war, die Europe Tour zu gewinnen, also bestes Pro-Continental-Team zu sein. Damit hat man das Recht, alle World-Tour-Rennen zu fahren, aber nicht die Pflicht, antreten zu müssen. Man hat damit also sogar einen Vorteil gegenüber einer World-Tour-Mannschaft. Und man spart sich die World-Tour-Lizenzkosten“, erzählt der 29-Jährige. In die Wertung dieser Europe Tour kommen die zehn punktbesten Fahrer eines Teams.

„Deshalb versucht man, mit den Fahrern weiter Punkte zu sammeln, die schon früh in der Saison gepunktet haben. Denn es macht keinen Sinn, einen Fahrer zu puschen, noch in die Wertung zu kommen, der dann aber vielleicht nur zehn Zähler mehr holt als einer, der früh schon gepunktet hatte. Und zu Beginn der Saison war ich gut in Form, habe einige Zähler für die Weltrangliste geholt und habe mir ein gewisses Standing erarbeitet“, erzählt Krieger.

Vuelta-Teilnahme offen

Auch mit den 265 Punkten des Vaihingers fing Alpecin-Fenix noch das Team Arkéa-Samsic in der Europe-Tour-Wertung ab, das lange in der Saison geführt hat. „Wir haben in den letzten Wochen der Saison deutlich mehr gepunktet und damit das Klassement deutlich gewonnen“, erklärt Krieger.

Damit steht der belgischen Mannschaft um Mathieu van der Poel, Cross-County-Europameister 2019 und niederländischer Straßenrad-Meister 2020, die Tür zu den großen Rennen offen. „Wir werden auf jeden Fall als Team die Tour de France fahren“, berichtet Krieger. Ob auch der Giro d’Italia und die Vuelta dazukommen, ist dagegen noch offen. „Ich denke, es wird auf zwei der drei großen Rennen hinauslaufen. Wir haben nicht unbedingt den Kader, um alle drei zu fahren“, erzählt der Vaihinger.

Sollte es Krieger in den Kader für die Tour de France schaffen, geht ein Traum des 29-Jährigen in Erfüllung. Einen anderen hat er sich schon in dieser Saison erfüllt: den Start bei der Flandern-Rundfahrt Ronde van Vlaanderen. „Das ist eines der fünf größten Eintagesrennen und für mich das wichtigste. Sie wollte ich schon immer mal fahren, bevor ich meine Karriere beende“, berichtet der Vaihinger. „Außerdem trifft sie meine Stärken. Darüber hinaus finde ich die Gegend geil. Und die Stimmung ist in der Regel auch immer krass.“

Viele Höhepunkte

Zwei weitere Höhepunkte in einer Saison, die mit einigen Highlights gespickt war, war die Deutsche Meisterschaft und die Luxemburg-Rundfahrt. „Bei der Deutschen Meisterschaft war ich gefühlt schon 1000 Mal in der Verlosung für die Top Ten. Doch noch nie habe ich eine Medaille gewonnen“, erzählt Krieger.

„Niemand hat eigentlich erwartet, dass nicht ein Fahrer des Hansgrohe-Bora-Teams gewinnt. Und uns hatte schon erst recht niemand auf dem Zettel.“ Doch dann gewann Kriegers Teamkollege Marcel Meisen vor dem großen Favoriten Pascal Ackermann und dem Vaihinger. „Dass ich Bronze gewonnen habe, war auch ein bisschen die Eintrittskarte, dass ich öfters auf Ergebnis fahren durfte“, erklärt der 29-Jährige.

Und in Luxemburg fuhr Krieger in allen der fünf Etappen unter die besten zehn und wurde im Gesamtklassement Siebter. „In der Gesamtwertung war ich zwar schon besser. Aber in diesem Jahr war das Niveau höher und damit war es schwerer, gut abzuliefern“, berichtet der Vaihinger. „Außerdem mag ich das Rennen extrem. Von den Straßen ist es dort cool zu fahren. Das Profil kommt mir entgegen. Und als Heimrennen von Leopard trifft man viele wieder, mit denen man schon zusammengearbeitet hat.“

 
 
- Anzeige -