Vaihingen „Wutgefühle hat sie sich nicht gestattet“

Von Markus Wirth
Am Landgericht fand gestern der zweite Verhandlungstag nach der Neuaufnahme  des Prozesses gegen Anna W. statt. Foto: Markus Wirth

Eine Psychotherapeutin gibt ein dezidiertes Charakterbild über Anna W. ab.

Viel Neues gab es am zweiten Tag der Wiederaufnahme der Verhandlung gegen Anna W. nicht. Der Prozess gegen die heute 25-Jährige, der fünffach versuchter Mord in drei Fällen zur Last gelegt wird, war wegen des Todes eines der Schöffen kurz vor Weihnachten neu aufgerollt worden.

Dreh- und Angelpunkt der Sitzung am Donnerstag war die Vernehmungen von weiteren Zeugen, nachdem im Dezember bereits zwei der drei Geschädigten gehört worden waren. Das dritte mutmaßliche Opfer hatte damals einen strafrechtlichen Prozess angestrebt, der bis dato jedoch noch nicht finalisiert ist. Das mitunter etwas deftige Wortgefecht um gegenseitigen Vorrang beim Reden zwischen Vorsitzendem Richter Martin Liebisch und Verteidigerin Friederike Vilmar gab es auch in der ersten Sitzung im neuen Jahr – auch hier also nichts Neues.

Insgesamt drei Therapien

Die erste Zeugin, Anna W.s Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie, ging auf die Anamnese der Behandlung ihrer Patientin ein. Demnach stellte sie schon in der ersten der insgesamt drei Therapien bei Anna W. eine Hyperventilationsstörung fest, „sie konnte mit Stresssituationen nur bedingt umgehen und bekam schnell Ohnmachtsanfälle.“ Nach einige Sitzungen habe sie, so die Psychotherapeutin, zunächst als austherapiert gegolten, wurde jedoch nochmals stationär eingewiesen nach suizidal motivierten Gedanken.

„Danach war sie abermals bei mir in der Praxis, in der Folge stellte ich bei ihr eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung fest.“ Da sie sich jedoch räumlich verändern wollte, habe zwischenzeitlich eine Kollegin die Betreuung von Anna W. übernommen, um dann von 2023 bis zum Haftantritt im Januar 2025 erneut die Therapierung zu übernehmen. Insgesamt habe Anna W. 118 Therapiesitzungen bei ihr verbracht, dazu seien noch telefonische Konsultationen gekommen. Die Psychotherapeutin beschrieb Anna W. – wie viele andere der Zeugen und Wegbegleiter auch – als sehr zurückhaltend, schüchtern.

Sie habe ihr meist mit gesenktem Blick gegenübergesessen, habe sehr leise geredet, wirkte sozial verunsichert und psychisch sehr belastet. „Mit den Therapien hatte ich zunächst eine Stabilisierung verfolgt, denn sie hatte viele Albträume, Flashbacks wegen der Erkrankung ihrer Mutter und des Mobbings.“ Spätere Formen der Therapie verliefen dann konfrontierend und auch psychoedukativ, „damit die frei flotierenden Traumata aufhörten“. Grundsätzlich, und dies in jeder Phase der Therapierung, habe es mitunter sehr lange gedauert, bis sich Anna W. ihr geöffnet und die Dinge zur Sprache gebracht habe.

Keine Polytoxikomanie erkennbar

Von einer polytoxikomanen Veranlagung, wie immer wieder vermutet worden war, sei sie nie ausgegangen, weder eine bei ihr festgestellte übermäßige Medikation noch Alkoholmissbrauch habe einen Verdacht nahegelegt, gleichwohl Anna W. zugegeben habe, in einem Fall eine Atropinintoxikation gehabt und auch öfters Tavor – ein krampflösendes Medikament – konsumiert zu haben. Anna W. sei grundsätzlich ein Mensch, der es sich nicht gestatte, Wutgefühle zuzulassen, auch nicht gegenüber jenen, die ihr Schlechtes angetan hätten – „stattdessen suchte sie den Grund der Taten, die sie erleben musste, bei sich selbst.“

Ähnlich erlebte ihre Kollegin, die ebenfalls als Zeugin geladen war, dass es schwer gewesen sei, an Anna W. heranzukommen, was auch die weiteren Zeugen an diesem Nachmittag bestätigten und die Angeklagte als sehr verschlossen und zum Teil unsicher charakterisierten.

Der dritte Verhandlungstag vor dem Heilbronner Landgericht ist auf Freitag, 23. Januar, 9 Uhr, terminiert. Markus Wirth

 
 
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