Und plötzlich hatte sie wieder die rote Klinkerfassade vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Dagmar Schlatterer aus Löchgau schlug Anfang März die BZ auf und las die Überschrift „Ich musste mein Erbrochenes essen.“ Es handelte sich um ein Interview mit einem ehemaligen Verschickungskind. So nannte man Kinder, die in der Nachkriegszeit in Kur „verschickt“ wurden. Von jetzt auf nachher war sie wieder an die Zeit erinnert, als sie acht Jahre alt war. „Der Bericht hat mich richtig getriggert.“
Verschickungskind aus Löchgau „Mein Naturell schützte mich“
Dagmar Schlatterer aus Löchgau wurde als Achtjährige zur Kur nach Sylt verschickt. Sie kam nicht gesünder zurück, ganz im Gegenteil. Sie musste im Kurheim bittere Erfahrungen machen.
Auch die Löchgauerin war ein Verschickungskind, sie wurde zur Kur in ein Kindererholungsheim an die Nordsee gesandt. „Mich hat es total überrascht, denn im Bericht ging es um eine Verschickung 1948. Ich wurde 1968, 20 Jahre später in Kur geschickt und die Zustände waren die selben“, sagt sie im Gespräch mit der BZ. Dagmar Schlatterer hat sich dazu entschieden, auch ihre Geschichte zu erzählen.
Gefühl von Unrecht
„Ich fand das damals so ungerecht“, sagt sie. Das sei das Gefühl, das bei der Erinnerung an die Zeit überwiege – auch heute noch. „Ich hätte mein Erbrochenes niemals gegessen. Die haben sich die schwachen Kinder herausgesucht.“
Aber von vorn. Dagmar Schlatterer wurde in Marbach geboren und lebte als Kind mit ihrer Familie in Ludwigsburg-Grünbühl. Ihr Vater war Polizeibeamter, sie war das Älteste von drei Kindern, hatte noch einen Bruder und eine Schwester. „Es gab Untersuchungen durch das Gesundheitsamt in der Schule. Dabei ging es um Haltung, Gesundheit, Gewicht.“ Es wurde festgestellt, dass sie zu dünn sei und ihr wurde eine Kur verordnet.
Ihre Kur war im Jahr 1968, „um Ostern rum.“ Das wisse sie noch so genau, weil ihre Eltern ihr ein Päckchen geschickt hätten. „Es wurde mir von den Aufseherinnen weggenommen und der Inhalt wurde auf den Gemeinschaftstisch gekippt.“ In Windeseile hätten sich die Kinder die Leckereien geschnappt. „Ich hätte mit den anderen geteilt. Wirklich. Ich fand das so unfair, dass es mir einfach weggenommen wurde.“ Moral und Selbstvertrauen der Kinder seien systematisch untergraben worden, sagt die Löchgauerin und resümiert: „Da hat kein einziges Kind zugenommen. Ich kam dünner heim, als ich zuvor war, meine Mutter war entsetzt.“
Schlatterer wurde ins Kurt-Pohle-Heim geschickt, das war ein Kindererholungsheim der Arbeiterwohlfahrt auf Sylt an der Nordsee (siehe Foto). Oftmals sind die Kinderkurheime – in der Nachkriegszeit gab es deutschlandweit mehr als 2000 davon – von Nonnen betreut worden, „bei uns waren es aber keine Nonnen, es waren Erzieherinnen, die schwarze Pädagogik betrieben. Ich will nicht wissen, wie viele Kinder dort zerbrochen wurden“, sagt Schlatterer.
An körperliche Gewalt könne sie sich nicht erinnern, aber psychische Gewalt und Machtspielchen. Bei ihr hätten die Aufseherinnen aber keine Chance gehabt. Sie sei schon damals sehr willensstark gewesen. „Mein Naturell schützte mich“, ist sie überzeugt. Sie sei zwar oft ermahnt worden, aber gebrochen hätten sie die Schikanen nicht.
Brief sollte zensiert werden
Einmal habe sie ihren Eltern einen Brief geschrieben und von den Zuständen berichtet. „Der Brief wurde gelesen, es hieß, ich solle nicht solche Lügen erzählen und den Brief neu schreiben.“ Die Konsequenz war für Dagmar Schlatterer ganz klar: Sie schrieb keinen einzigen Brief mehr. Sechs Wochen lang. „Das ist das einzige, das ich meiner Mutter vorwerfe. Dass sie das nicht in Frage gestellt hat. Ich war ja nicht so, mich einfach nicht zu melden, ihr nicht auf ihre Briefe zu antworten“, sagt die Löchgauerin rückblickend.
Die schlimmsten Erinnerungen an die Verschickungszeit drehen sich jedoch nicht um sie selbst, sondern um zwei Mädchen: eine Achtjährige, die mit ihrer fünfjährigen Schwester in Kur geschickt wurde. „Es hieß vorab und gegenüber den Eltern, dass die Schwestern zusammenbleiben würden. Aber sie wurden von Anfang an systematisch getrennt.“ Die Fünfjährige kam nachts zu ihrer Schwester ins Zimmer, versteckte sich bei ihr im Bett, sie habe Angst gehabt. „Sie wurde natürlich jedes Mal erwischt.“ Zur Strafe kam das kleine Mädchen in Isolation. Sie wurde ins dunkle Pförtnerhaus gesperrt. „Es wurde ein Exempel an ihr statuiert, was passiert, wenn man nicht gehorcht. Wir mussten in Zweierreihen an ihr vorbeimarschieren“, erinnert sich Schlatterer. Die Kleine habe in dem Häuschen geschrien wie am Spieß. Sie habe daraufhin wieder angefangen ins Bett zu machen, was weitere Strafen und Demütigungen nach sich zog.
Auch die Situation mit dem Essen des Erbrochenen, beziehe sich auf die Fünfjährige. „Sie hatte sich so geekelt vor dem Essen und musste sich deshalb übergeben – und das Erbrochene dann essen. Das Kind hat sicher einen Schaden fürs Leben bekommen.“
Als Schlatterer wieder zuhause war, sei sie enttäuscht gewesen, dass ihr Vater, der ja Polizist war, nichts unternehmen wollte, um dem kleinen Mädchen Gerechtigkeit zu verschaffen. „Aber eines habe ich doch erreicht: Meine Geschwister wurden nicht in Kur geschickt, darauf habe ich bestanden, dafür habe ich gekämpft.“ Ihr Bruder habe ein zartes Gemüt gehabt, wäre bei so einer Tortur ganz sicher eingegangen, ist Dagmar Schlatterer überzeugt.
Gefühl von Ohnmacht
An den Kuralltag könne sie sich kaum noch erinnern, sie wisse nur noch, dass sie sich so ohnmächtig gefühlt habe, dass sie so bedauert habe, dem kleinen Mädchen nicht helfen zu können. „Ich habe mich vor sie gestellt, habe immer wieder etwas gesagt. Es hat aber nicht geholfen“, so Schlatterer und erinnert sich weiter: „Es gab Gemeinschaftsduschen, wir wurden in Reih und Glied aufgestellt und mit dem Läusekamm bearbeitet. Es war wie im Knast.“
An die damalige Zeit hat Schlatterer im Anschluss kaum noch gedacht. Als sie aufs Goethe-Gymnasium in Ludwigsburg kam, traf sie die Ältere der Schwestern wieder, sie war in einer Parallelklasse. „Sie wollte aber keinen Kontakt zu mir haben.“ Schlatterer geht davon aus, dass die Kur bei den beiden Mädchen tiefe Einschnitte hinterlassen hat. „Ich verstehe nicht, was diese Erzieherinnen für Menschen waren. Dass nie jemand etwas gesagt hat.“ Bei ihr habe der Kuraufenthalt zwar kein Trauma hinterlassen. Sylt jedoch hat die Löchgauerin nie wieder betreten.
Verschickungskinder der Nachkriegszeit
Bundesweit wurden in der Nachkriegszeit zwischen 1950 und 1990 Schätzungen zufolge acht bis 13 Millionen Kinder zur Erholung in Kurheime und Kinderheilstätten geschickt. Oft ging es vor allem für Stadtkinder aufs Land – ans Meer oder in die Berge. Die Idee war, durch frische Luft, gutes Essen und strenge Routinen die oft zu dünnen oder kränklichen Kinder aufzupäppeln. Die An- und Abreise erfolgte zumeist mit dem Zug.
Die Realität sah aber leider oftmals anders aus. Die Kinder wurden wochenlang von ihren Eltern getrennt, es war untersagt, Kontakt aufzunehmen. Körperliche und seelische Gewalt waren keine Seltenheit. Druck, Demütigung, Essenszwang und Isolation waren die Mittel der Betreuerinnen. Auch sexueller Missbrauch wurde Jahre später vielfach bekannt. Viele der ehemaligen Verschickungskinder trugen ein Trauma davon. Im Jahr 2019 gründete sich die „Initiative Verschickungskinder“, die die Vernetzung und Gründung von regionalen Gruppen Betroffener unterstützt, um die Erfahrungen aufzuarbeiten.
