Volksglauben in der Ganerbenstadt Auf der Suche nach dem Neidkopf

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Das Fachwerkhaus „Alte Farb“ mit doppeltem Andreaskreuz und den Hörnern eines Widders im Dachstuhl: Symbole zum Fernhalten böser Geister.⇥ Foto: Susanne Yvette Walter

Der Glaube an Schutzzauber bestimmte in alter Zeit das Denken der Häuslesbauer auch in der historischen Altstadt von Bönnigheim.

Das Leben unserer Vorfahren war bestimmt von Angst vor bösen Geistern, Hexen und Teufeln. Reste von Aberglauben oder besser gesagt Volksglauben finden wir heute noch zum Beispiel im Symbol der schwarzen Katze, die bekanntlich Unglück bringen soll, vor allem dann, wenn sie von links nach rechts über die Straße geht. „Die schwarze Katze und die Hexe gehören in der Vorstellung der Menschen zusammen. Um sich und das eigene Heim gegen die lästigen Plagegeister zu schützen, hat man beim Bauen eines Hauses, vor allem eines Fachwerkhauses Symbole eingebaut, die das Leben der Bewohner schützen sollten“, erklärt Kurt Sartorius, Heimatforscher aus Bönnigheim und Betreiber des dortigen Schwäbischen Schnapsmuseums. In Bönnigheim, wo es markante Fachwerkschönheiten gibt, finden sich Spuren, Symbole und Bauopfer aus alter Zeit, sichtbar für jeden, der einmal durchs Städtchen bummelt.

Eingemauerte Katze

Im Schwäbischen Schnapsmuseum in Bönnigheim sind solche Bauopfer ausgestellt. Dazu gehört die mumifizierte Katze als markantes Beispiel, die im Haus eingemauert war. Sie sollte die als Hexe verwandelte Katze vom Haus fernhalten. Außerdem zerbrach man in alter Zeit Scheren in zwei Teile und mauerte sie über dem Türsturz ein. „Eine Vorsichtsmaßnahme, damit der Lebensfaden der Bewohner nicht vorzeitig abgeschnitten wird“, weiß der Heimatforscher, der seinen Fokus auf den Volksglauben gerichtet hat. Besonders beliebt war es, und dafür finden sich Beispiele im Schwäbischen Schnapsmuseum, sogenannte Feierabendziegel mit Symbolen zu versehen, die böse Geister und Hexen abhalten sollten. Zu sehen gibt es Feierabendziegel mit gewelltem Engelshaar und eingekerbten Hexenbesen.

Wer durch Bönnigheim bummelt und aufmerksam die Fachwerkgebäude betrachtet, die hier die alten Straßen säumen, wird staunen, wenn er vor der „Alten Farb“ steht. Das ist ein Herrenhaus aus mit einem besonderen Fachwerk aus dem Jahr 1617, das dem Leinenfärber gehört hat.

Die „Alte Farb“ von 1617

Ganz oben im Dachboden sieht man die hölzernen Hörner eines Widders als Teufelsreittier und damit als Teufelsabwehrzeichen. Am Fenster starrt den Besucher ein hölzerner Neidkopf an, und an einer Ecke fällt ein hölzernes gedrehtes Gewinde auf, das spiralförmig in zwei verschiedene Richtungen läuft. Die Kartusche daneben zeigt die Jahreszahl 1617 an. „Die einschwingende Spirale ist ein Symbol für die Geburt, die ausschwingende eines für den Tod. Das Symbol soll zeigen, dass das Leben zwischen Geburt und Tod im Haus stattfindet. Der Neidkopf am Fenstersims geht auf einen keltischen Brauch zurück und sollte Leute vom Haus fern halten, die Neid und Missgunst mitbringen, sowie teuflische Mächte, so Sartorius. Ein Beispiel, das sehr oft schützende Funktion hat, ist das Andreaskreuz. Am Fachwerkhaus „Alte Farb“ sind gleich zwei doppelte und geschwungenen Andreaskreuze verbaut. „Das Andreaskreuz geht auf den Apostel Andreas zurück, der an einem solchen Kreuz als Märtyrer gestorben sein soll. Zwei gekreuzte Hölzer – da ist der Buchstabe X enthalten als Symbol für Christus“, kombiniert der Bönnigheimer Heimatforscher.

Zum Neidkopf und dem Andreaskreuz kommt in Bönnigheim als Teufelsabwehrinstrument die Wetterfahne auf einem Hausdach in der Grabengasse. Die Originalwetterfahne von 1810 ist im Schwäbischen Schnapsmuseum ausgestellt. Bei der Sanierung des Hauses wurde sie durch eine originalgetreue Kopie ersetzt. Die Wetterfahne zeigt einen Drachenkopf. „Der Drache war der böse Herrscher der Unterwelt. Wo ein Drache ist, da kommt kein zweiter hin, sagten sich die Menschen damals“, deutet Sartorius. Gleichzeitig zeigt die Wetterfahne aus Metall ein Sonnensymbol, das Glück fürs Haus bringen sollte.

Wer möchte, kann sich nun auf die Spurensuche begeben. In Bönnigheim grinst nämlich nicht nur ein Neidkopf den Besucher an. Die Altstadt ist voll von Spuren aus vergangenen Jahrhunderten, die aufhorchen lassen, lädt der Heimatforscher Kurt Sartorius zu einem Besuch ein.

 
 
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