Wenn am kommenden Sonntag am Bönnigheimer Ehrenmal vor der Cyriakuskirche die Feierstunde zum Volkstrauertag stattfindet, ist auch der Bönnigheimer Hans-Dieter Bramm dabei. Er wird von der langen Suche nach seinem Großvater Wilhelm Bramm berichten, die erst im vergangenen Jahr zu einem Abschluss kam.
Volkstrauertag in Bönnigheim 80-jährige Suche nach dem Vater und Großvater
Zum Volkstrauertag am 16. November wird Hans-Dieter Bramm erzählen, wie er das Grab seines Großvaters Wilhelm Bramm gefunden hat.
Ab Sommer 1944 gab es kein Lebenszeichen mehr
„Wir wussten nicht viel von meinem Großvater, nur, dass er seit 1944 an der Ostfront im Zweiten Weltkrieg vermisst war“, sagt Hans-Dieter Bramm, der Enkel. Nur ein kleines Bild sei immer in der Stube der Großmutter gehangen, das 1938 aufgenommen worden sei. Hans-Dieter Bramms Vater Wolfgang wurde 1944 geboren, nachdem sein Vater, der Wehrmachtssoldat, 1943 auf Heimaturlaub bei seiner Frau Emma und Tochter Hannelore in Bönnigheim war. Anfang 1944 durfte der Bönnigheimer Schuhmachermeister dann noch einmal auf Heimaturlaub, um den grade geborenen Sohn zu sehen, „danach gab es kein Lebenszeichen von ihm“, so Hans-Dieter Bramm.
1938, kurz bevor Wilhelm Bramm zum Militär eingezogen wurde, hatte er noch das Haus in der Hauptstraße in Bönnigheim gekauft, wo die Familie Bramm bis heute lebt. Sohn Wolfgang, ehemaliger Bönnigheimer Gemeinderat, stellvertretender Bürgermeister und Vorstand der Kreissparkasse Bönnigheim, hatte lange Zeit versucht, herauszufinden, wo und wann sein Vater gestorben war und wo er begraben wurde. 2019 starb er.
„Als ich die Unterlagen durchschaute und auf den Namen meines Großvaters stieß, wusste ich, ich musste die Suche wieder aufnehmen, mein Vater hatte ein halbes Leben nach seinem Vater gesucht“, so Bramm. Es gab wenige Anhaltspunkte: Wilhelm Bramm wurde 1939 bei der Mobilmachung in Ludwigsburg eingezogen. Er kam zur „Hörnle-Division“, der 260. Infanterie. 2010 hatte Wolfgang Bramm von der Wehrmachtsauskunftsstelle Berlin erfahren, dass sein Vater zuerst an der Westfront war und am Frankreichfeldzug teilnahm. Im Juni 1941 sei, er, so die Auskünfte, an die Ostfront, nach Kiew, versetzt worden, wo er an der Schlacht um Kiew teilnahm sowie am Unternehmen Barbarossa, dem Angriffskrieg gegen die Sowjetunion. Im Juni 1944 verliert sich seine Spur. Die Hoffnungen, er komme lebend zurück, zerschlugen sich, als Emma Bramm Ende 1945 einen Brief von einem Stuttgarter Goldschmied erhielt, der mit ihrem Mann im Gefangenenlager Archangelsk in Weißrussland war, wo Wilhelm Bramm wohl zwischen dem 5. und 10. Januar 1945 verstorben sein soll.
Viele Geldgeschäfte gingen über den Küchentisch
Emma Bramm, so der Enkel, „lief zu Fuß nach Ludwigsburg, um auf dem Landratsamt den Tod ihres Mannes bescheinigen zu lassen, um die Witwenrente zu erhalten“. Schon immer war die Schuhmacherwerkstatt der Bramms auch eine Filiale der Kreissparkasse gewesen. Diese betrieb Emma Bramm bis in die 1950er-Jahre weiter. Viele Bönnigheimer Geldgeschäfte gingen über ihren Küchentisch.
Hans-Dieter Bramm erfuhr, dass verschlossene Akten über Wehrmachtssoldaten aus Russland nach Deutschland überführt wurden. Er stellte 2019 noch mal eine Anfrage an den Internationalen Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). 2022 meldete sich per Mail eine russische Sachbearbeiterin des Internationalen Roten Kreuzes.
Die 90-jährige Schwester des Vaters lebt noch
Sie schickte ihm Unterlagen über den Verbleib seines Großvaters. Tatsächlich belegen diese, dass dieser schon am 13. Juli 1944 in der Gefangenschaft in Archangelsk an der Ruhr gestorben sei und am nächsten Tag in einem Einzelgrab bestattet wurde. Es gibt sogar eine Grabnummer. „Endlich wussten wir, wo der Leichnam des Großvaters ist, das beruhigte uns, vor allem die jetzt 90-jährige Schwester Hannelore meines Vaters“, so Bramm. Die Familie sei froh, dass Wilhelm Bramm nicht „irgendwo namenlos in einem Massengrab verscharrt wurde“, so Hans-Dieter Bramm.
Bis er begann, die Suche des Vaters weiterzuführen, so Bramm, habe er sich keine Gedanken zum Volkstrauertag gemacht. „Aber nun zeigte die eigene Familiengeschichte, was Krieg und Flucht einer Familie an Leid bringen.“ Er rede ganz offen mit seinen beiden neunjährigen Kindern über Krieg und die Folgen. Seither würden sie verstehen, warum in ihrer Schulklasse ukrainische Kinder seien, die keinen Vater mehr hätten und die Heimat verlassen mussten. „Unsere Suche öffentlich zu machen, bedeutet auch, nicht zu vergessen, welches Leid ein Krieg bringt“, so Bramm.
Bedeutung des Volkstrauertags
Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag. Der Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs vorgeschlagen.
Neben den gefallenen Soldaten rückten im Laufe der Zeit immer mehr die Opfer des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt des Gedenkens. Schließlich spielten aktuelle Bezüge vermehrt eine Rolle. Der offizielle Festakt der Bundesregierung im Jahre 1987 gedachte ganz allgemein der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus. Inzwischen wird am Volkstrauertag ebenfalls der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten gedacht. Die zentrale Gedenkstunde zum Volkstrauertag findet jeweils im Deutschen Bundestag statt.
In der zentralen öffentlichen Feierstunde zum Volkstrauertag am Sonntag, 16. November, 11.15 Uhr, beim Ehrenmal am Kirchplatz vor der evangelischen Cyriakuskirche in der Bönngheimer Innenstadt wird Hans-Dieter Bramm aus Bönnigheim vom Schicksal seines Großvaters erzählen.
