Vor 150 Jahren brach der Deutsch-Französische Krieg aus Preußenfreunde triumphieren

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Das von Ludwig von Hofer geschaffene Denkmal vor dem Alten Rathaus in Pleidelsheim erinnert an den Tod der beiden Taube-Brüder im Deutsch-Französischen Krieg. Vor einigen Jahren wurde es restauriert. Foto: Martin Kalb

Vor 150 Jahren brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Auch 53 Bietigheimer nahmen daran teil. Denkmale in der Region erinnern an die Gefallenen.

Wer regelmäßig durch Pleidelsheim fährt, dem fällt es schon gar nicht mehr auf. Doch in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts war das Taube-Denkmal vor dem Alten Rathaus eine touristische Attraktion, die Besucher aus aller Welt anlockte. Allein vom 1. August bis Mitte Oktober 1885 verzeichnete man 750 Einträge im Gästebuch. Selbst aus den USA, Russland oder Chile reisten Besucher an. Das Denkmal des Bildhauers Ludwig von Hofer, das zwei sterbende Soldaten zeigt, erinnert an ein tragisches Ereignis im Deutsch-Französischen Krieg, das damals die Menschen bewegte. Heute jährt sich der Konflikt, in dem auch 53 Bietigheimer kämpften, zum 150. Mal.

Rückblick: Im Frühsommer 1870 schlug die zuvor preußenfeindliche Stimmung in Württemberg plötzlich um. Hatte man zuvor gefürchtet, dass die Selbstständigkeit des südwestdeutschen Landes in einem von Preußen dominierten Nationalstaat untergehen könnte, so setzte jetzt ein Solidarisierungseffekt ein. Denn Frankreich unter Napoleon III. setzte Preußen unter Druck, die Kandidatur eines – süddeutschen – Angehörigen des Hauses Hohenzollern für die spanischen Thronfolge zu verhindern. Die Franzosen sahen die Gefahr einer Umzingelung (Preußen wurde ebenfalls von den Hohenzollern regiert). Obwohl aus der Kandidatur nichts wurde, entzündete sich an der Frage einer dauerhaften Verzichtserklärung der Hohenzollern auf den Thron schließlich ein Konflikt, der in der Mobilmachung der französischen Armee am 14. Juli mündete. Frankreich stand als Kriegsverursacher da, „und die Sympathien in Württemberg wandten sich nun Preußen zu“, schreibt Lothar Siegloch („Bietigheim 789 bis 1989“). Wenngleich wenig begeistert, ordnete König Karl von Württemberg am 17. Juli die Mobilisierung an.

Über die Frage der Gewährung von Kriegskrediten gab es allerdings immer noch Diskussionen. So kritisierte der Abgeordnete Karl Mayer, der führende Politiker der demokratischen Volkspartei im Landtag, der dort das Oberamt Besigheim vertrat, eine „Kriegshetze“ gegen Frankreich.

Nur Pfarrer Hopf ist dagegen

In seinem Wahlkreis stieß er damit indes auf Widerspruch. Der Besigheimer Bezirks-Volksverein forderte ihn in einem offenen Brief vom 21. Juli auf, in der württembergischen zweiten Kammer für die Bewilligung der Kriegskredite zu stimmen. Auch in einer privaten Anzeige wurde Mayer angegriffen – eine Art „Shitstorm“ des 19. Jahrhunderts. Am Ende überwog die nationale Stimmung im Land, die Kammer stimmte fast einhellig den Kriegskrediten zu. Nur der eigenwillige Pfarrer Franz Hopf aus Hohenhaslach war dagegen.

Die Kriegsrüstung in der Region konnte also anlaufen. „Kriegsdienstpflichtige und Reservisten wurden einberufen, Pferdebesitzer mussten ihre Tiere zur Aushebung nach Besigheim bringen“, beschreibt Lothar Siegloch die Situation im Bietigheimer Raum. In patriotischen Aufrufen wurde die Bevölkerung zur Mithilfe animiert. Es gründeten sich Wohltätigkeitsvereine, Sanitätsvereine und „Lokalvereine zur Minderung der Kriegsnoth“. In den Kirchen bat man Gott um Beistand.

Stadt wird nach Sieg beflaggt

Württemberg zog schließlich mit einer Felddivision in den Krieg. Aus Bietigheim rückten 53 Soldaten aus. Mit dabei als junger Feldarzt war Dr. Erwin Bälz, der spätere Japanarzt.

Im August begannen die Kampfhandlungen. Nach gescheiterten französischen Vorstößen rückten deutsche Truppen ins Elsass und nach Lothringen ein und waren in den Schlachten bei Weißenburg (4. August), Wörth (6. August) und Spichern (6. August) erfolgreich. Einen Monat später, am 1. und 2. September, gelang ihnen ein entscheidender Sieg bei Sedan. Der französische Kaiser Napoleon III. geriet in Gefangenschaft.

Die Begeisterung in Württemberg war groß. Auch in den Geschehnissen in Bietigheim spiegelt sich der nationale Freudentaumel wider. Die Stadt wurde nach dem Sieg reich beflaggt, der Stadtrat und Seifensieder Wilhlem Maier sorgte für ein Böllerschießen über dem Felsenkeller, schreibt Hermann Roemer in seiner Stadtgeschichte. „Abends erstrahlte der Marktplatz im Lichterglanz.“ Stadtschultheiß August Hiller habe die Bedeutung des Tages gewürdigt.

Der Krieg in Frankreich war damit jedoch noch nicht vorbei. In Paris, wo die Dritte Republik ausgerufen wurde, formierte sich Widerstand. Während die Stadt von den deutschen Truppen eingeschlossen wurde, unternahmen die Verteidiger Ausfälle. Der größte dieser Angriffe fand zwischen 30. November und 2. Dezember 1870 in der Gegend von Champigny statt, wo die Württembergische Division stand. Mit Mühe wurde verhindert, dass die Franzosen den Belagerungsring durchbrachen. Bei den verlustreichen Kämpfen fand aus Bietigheim Leutnant Max Schönleber, Sohn des Tuchfabrikanten Friedrich Schönleber und Bruder des Kunstmalers Gustav Schönleber, den Tod. Im französischen Gewehrfeuer wurden auch die Kriegsfreiwilligen Erich und Axel von Taube aus Stuttgart tödlich getroffen. Axel starb auf dem Transport vom Schlachtfeld, Erich später im Lazarett.

Zwei Monate später, Ende Januar, gab Paris auf. Zuvor war am 18. Januar im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen worden, dem auch die süddeutschen Staaten beitraten. Am 10. Mai 1871 wurde der Krieg mit einem Friedensvertrag offiziell beendet.

In Bietigheim wie in ganz Württemberg hatte der Sieg die politische Landschaft verändert. Bereits bei den Wahlen zum Landtag am 5. Dezember triumphierten die Preußenfreunde. Der Bietigheimer Oberamtsbaumeister Karl Bälz, Vater von Dr. Erwin Bälz, der sich bereits in der Vergangenheit positiv über den preußischen Kanzler Otto von Bismarck geäußert hatte, war für die nationalliberale Deutsche Partei gegen Karl Meyer von der demokratischen Volkspartei angetreten. Mit fast doppelt so vielen Stimmen wie dieser sicherte er sich den Einzug in den Landtag.

Schulfrei am Sedantag

Allenthalben wurde der Sieg gefeiert. Am 4. März wurde in Bietigheim ein Friedensfest mit der feierlichen Pflanzung einer Linde begangen. Bis 1890 wurde der „Sedantag“ als schulfreier Feiertag mit einem Kinderfest und Freudenfeuer auf der Lug begangen, so Hermann Roemer. Eine Marmortafel mit den Namen der Kriegsteilnehmer wurde aufgestellt, zu der einmal im Jahr ein Kriegerverein mit Fahne zog.

Ähnliches spielte sich im ganzen Land ab. Eine Besonderheit war indes das Denkmal, das der württembergische Hofbildhauer Ludwig von Hofer aus Carrara-Marmor schuf und der Gemeinde Pleidelsheim als dem Geburtsort seines Vaters überließ. Es wurde am 5. Juli 1885 vor zahlreichen Gästen eingeweiht. Bis heute erinnert das vor einigen Jahren restaurierte Denkmal an das Schicksal der Taube-Brüder im Krieg von 1870/71.

 
 
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