Vor 50 Jahren: Erligheim bleibt selbstständig Die Aufmüpfigen setzen sich durch

Von Jürgen Kunz
Es ist nicht selbstverständlich, dass es dieses Ortsschild noch gibt. Im Rahmen der Verwaltungsreform 1971 sollte Erligheim nach Bönnigheim eingemeindet werden. Foto: /Oliver Bürkle

Am 1. Januar 1973 trat das Gesetz zu Verwaltungsreform in Kraft. Kleine Kommunen sollten größeren zugeordnet werden. Das Beispiel von Erligheim zeigt, wie sich Gemeinden erfolgreich wehrten. 

Für Bürgermeister, die ihren Job verlieren würden, für Gemeinderäte, deren kommunalpolitische Entscheidungsmöglichkeiten auf dem Spiel standen, und für die Bürger, die ihre örtliche Identität zu verlieren glaubten, war vor 50 Jahren eine aufregende Zeit. Am 1. Januar 1973 trat das erste Gesetz zur Verwaltungsreform in Kraft.

Ziel der damaligen Landesregierung von Ministerpräsident Hans Karl Filbinger war es, aus 3379 Gemeinden in Baden-Württemberg sollten durch Zusammenschlüsse und Eingemeindungen 1111 Gemeinden werden, die leistungsfähiger sein sollten. Erligheim (Stand 1970: 1648 Einwohner) sollte dabei Bönnigheim zugeordnet werden, Löchgau (Stand 1970: 3881) hatte die Wahl zwischen Bietigheim und Besigheim, Freudental (Stand 1970: 1412) hatte nach den Plänen der Landesregierung keine Wahl und sollte zu Bietigheim kommen. Doch die drei kleinen Kommunen im nördlichen Landkreis widersetzten sich den Überlegungen aus der Landhauptstadt – am Ende der Reform mit dem Dritten Gesetz zur Verwaltungsreform vom Juli 1973 blieben alle drei selbstständig. Mit welchen harten Bandagen man sich gegen die Eingemeindung wehrte, zeigt am Beispiel Erligheim ein Blick zurück und ins Archiv der Bönnigheimer Zeitung aus dem Jahr 1973.

Erste Gespräche von drei Gemeinden

In den Löchgauer „Beiträgen zur Ortsgeschichte“ (2004) wird über die „Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden“ im Jahr 1971 berichtet: Nachdem das Innenministerium angeregt hat, dass Nachbargemeinden stärker zusammenarbeiten sollen, treffen sich die Gemeinderäte von Löchgau und Freudental zu einer Aussprache. Auch mit Erligheim findet ein Gespräch statt. Erligheim sei zwar nach Bönnigheim orientiert (Schulwesen), heißt es, zeige aber nach einem erneuten Gespräch Interesse an einem gemeinsamen Verwaltungsraum Löchgau-Erligheim-Freudental, da sich Bönnigheim verstärkt nach Kirchheim ausrichte. Von einer Gemeindefusion verspreche sich keine der drei Gemeinden Vorteile. Sie wollen ihre Selbstständigkeit behalten. Erligheim setzt von Beginn auf das Argument seiner rasanten Einwohnerentwicklung. In der Erligheimer Chronik „Ein Weinort im Wandel“ (1993) heißt es: In den Jahren 1954 bis 1974 wurden insgesamt 309 Wohngebäude erstellt. Damit hat sich der Wohnungsbestand in diesem Zeitraum mehr als verdreifacht, und die Einwohnerzahl ist um das Doppelte angestiegen. Das bedeutete für Erligheim die größte Bevölkerungszunahme unter den kleinen Gemeinden im Landkreis Ludwigsburg.

CDU-Fraktionsvorsitzender Späth im Gemeinderat

Die kleine Kreisgemeinde mit Bürgermeister Werner Holzwarth an der Spitze wollte also nicht klein beigeben. Zur Gemeinderatssitzung am 2. April 1973, bei der mehr als 100 Zuhörer dabei waren, wurde der Landtagsabgeordnete und CDU-Fraktionsvorsitzende Lothar Späth eingeladen.

Unter der Überschrift „Zielplanung in der Diskussion“ berichtet zwei Tage später die Bönnigheimer Zeitung: Die Selbstständigkeit der Gemeinde ist zur Zeit ein aktuelles Thema, dass die Bürger stark bewegt. Nach der BZ habe Holzwarth zu Beginn der Sitzung betont, der Erligheimer Gemeinderat hat bereits am 16. Februar 1972 einstimmig die Erhaltung der Selbstständigkeit beschlossen. „Damals, es handelte sich um die zweite Runde der Zielplanung, sei man auch durch die Ansicht der Abgeordneten gestärkt worden. Obwohl der Gemeinderat über eventuelle finanzielle Auswirkungen informiert worden war, sei er bei dem Beschluss geblieben“, wird Holzwarth in der BZ zitiert.

Der Erligheimer Bürgermeister unterstrich die nachbarliche Zusammenarbeit mit der Stadt Bönnigheim. In einer Sitzung des Nachbarschaftsausschusses sei die Frage der Vorteiles eines Zusammenschlusses gestellt worden. Nach der Einschätzung von Holzwarth sei man zu dem Ergebnis gekommen, dass dadurch Bönnigheim ein größeres Gewicht bekomme, die Verwaltung größer und spezialisierter werden. Erligheim könnten die Finanzzuweisungen gekürzt oder gestrichen werden. „Andere Vorteile habe man aber aufzeigen können“, heißt es in der BZ.

Erligheimer Bürgermeister gibt sich selbstbewusst

Holzwarth listete die Voraussetzungen Erligheims zur Selbstständigkeit auf: Beim Bevölkerungswachstum liege man an der Spitze, man habe ein Gewerbegebiet geschaffen, dort entstehe ein Lager- und Versandgebäude mit 80 bis 100 Arbeitsplätzen. Er verwies auf die vollausgebaute Grundschule mit Lehrschwimmbecken für 175 Schüler (einschließlich Hofen), den dreizügigen Kindergarten mit 95 Kindern, die aktuelle Vergabe für eine Mehrzweckhalle, wodurch ein zusammenhängendes Sport- und Kulturzentrum entstehe, darüber hinaus seien sämtliche Ortsstraßen ausgebaut, der gesamte Ort kanalisiert und es sei eine Sammelkläranlage vorhanden.

„Verwaltungsraum Bönnigheim stärken“

Landespolitiker Späth, so die BZ, wies auf die Probleme der Grundschule hin, so brauche man zum verbesserten Grundschulunterricht schon Kinder aus dem Stadtteil Hofen, das zu Bönnigheim gehört. Für Kindergarten und Vorschule gelte dasselbe. Auch hier sei eine rückläufige Entwicklung der Kinderzahlen klar zu erkennen, wobei die Quote der Ausländerkinder sehr hoch sei, wird der Abgeordnete zitiert. Laut Späth sei der Verwaltungsraum Bönnigheim unbestritten und habe eine wichtige Entwicklung zu übernehmen. Dazu müsse man ihn stärken.

Aus heutiger Sicht recht giftig reagierte Bürgermeister Holzwarth: „Es könne nicht das Ziel der Zielplanung sein, eine Gemeinde aufzulösen, weil die Unterrichtung der Ausländerkinder nicht differenziert durchgeführt werden könne“, heißt es in der BZ vom 4. April 1973. Der Bürgermeister zeigte sich überzeugt, dass „auf diesem Gebiet ein Nachlassen eintreten“ werde.

Am 12. April tagte erneut der Erligheimer Gemeinderat. „Dabei wurde von allen Mitgliedern des Gemeinderats festgestellt“, heißt es im Bericht der BZ von „bh“ (Bürgermeister Holzwarth), „dass als Grund für eine Eingemeindung von MdL Späth hauptsächlich das Problem Grundschule angeführt wurde.“ Dabei sei jedoch von falschen Voraussetzungen ausgegangen worden. Diese werde von 181 Schülern besucht, davon 137 aus Erligheim. Selbst wenn, wie Späth ausgeführt habe, Bönnigheim seine Hofener Schüler abziehen würde, bleibe die Schule mit einem Klassendurchschnitt von 37 funktionsfähig.

Gemeinderat beschließt Bürgerbefragung

Für den 29. April 1973 beschloss der Erligheimer Gemeinderat eine Bürgerbefragung. Am Montag, 30. April, vermeldete die BZ: „72 Prozent stimmten gegen Eingemeindung.“ Mit 652 abgegebenen Stimmen lag die Wahlbeteiligung bei 65 Prozent. Nach dieser Zustimmung legte Bürgermeister Holzwarth in der BZ nochmals nach: „Trotz versuchter Beeinflussung von Seitens Bönnigheims hat das Ergebnis klar gezeigt, dass die Einwohner sich für die Erhaltung der Selbstständigkeit Erligheims entschieden haben.“

Mit dem „Besonderen Gemeindereformgesetz“, das am 1. Januar 1975 in Kraft trat, behielt letztendlich Erligheim, wie auch die Nachbargemeinden Freudental und Löchgau, ihre Selbstständigkeit. Der heutige Erligheimer Bürgermeister Rainer Schäuffele hofft, dass seine Gemeinde noch in diesem Jahr die 3000-Einwohner-Marke knackt. Erligheim gehört zum Gemeindeverwaltungsverband (GVV) mit Bönnigheim und Kirchheim. Freudental (2022: 2586 Einwohner) und Löchgau (2021: 5720) mit Gemmrigheim, Hessigheim,, Mundelsheim und Walheim zum GVV Besigheim.

 
 
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