Vortrag in Bietigheim-Bissingen Anpassen an die Hitze

Von Jonathan Lung
Dr. Karlin Stark referierte im Enzpavillon. Foto: Martin Kalb Foto:  

Im Bietigheimer Enzpavillon stand die Gefahr im Zentrum, die von heißen Sommern ausgeht. Ärztin Karlin Stark referierte.

„Hitze kann tödlich sein“, stand auf einem der Flyer, die am Donnerstag im Enzpavillon auslagen. Eine unmissverständliche Botschaft, die man sich aber doch immer wieder vergegenwärtigen muss – genauso wie die Methoden, sich davor zu schützen, wie Dr. Karlin Stark in ihrem Vortrag betonte. Sie ist Ärztin und Spezialistin für den Hitzeaktionsplan im Landkreis Ludwigsburg und war von der Stiftung für die Diakoniestation eingeladen worden. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Vortragsreihe zum 20-jährigen Bestehen der Stiftung statt.

„Dass es ins Bewusstsein kommt“, sei ihr erstes Interesse als Medizinerin, betonte Stark, politisch, aber vor allem individuell. „Es geht um Anpassungsstrategien an die Hitze“, denn es ändere sich was: Das Klima erwärme sich, die Sommer würden heißer – und der erste Schritt zur Anpassung sei die Akzeptanz.

Temperatur wird immer höher

„Die Durchschnittstemperatur wird immer höher“, stellte die Medizinerin anhand von Messungen fest. Im Vergleich zu 1881, dem Beginn der Wetteraufzeichnungen, seien die Jahre seit der Jahrtausendwende deutlich heißer. Messungen anhand der Jahresringe von Bäumen ließen sogar die Vermutung zu, dass 2023 das wärmste Jahr seit 2000 Jahren gewesen sei. Zu erwarten seien: trockenere Sommer und nassere Winter bis 2050.

Und gerade hier in der Gegend zeigten sich die Auswirkungen von Hitze, insbesondere bei älteren Menschen, so Stark: Von den vier Regionen Deutschlands, die eine Studie untersuchte, habe der „Süden“ mit Bayern und Baden-Württemberg die höchste Übersterblichkeit. Dabei ist der Landkreis der erste, der einen Hitzeaktionsplan aufgestellt hat. Dazu gehört eine „Cool-Map“, wo kühle Orte in der Stadt angezeigt werden, die auch interaktiv ergänzt werden können.

Bei Hitze reagiert der Körper, indem er Wärme über die Haut abgibt. Die Blutgefäße weiten sich, durch die Hautdurchblutung wird Wärme abgegeben. Zudem beginnt man zu schwitzen, um durch die Verdunstung zu kühlen.

Für den Kreislauf steht damit weniger Wasser zur Verfügung, durch das Schwitzen verliert er Elektrolyte, Körperfunktionen werden gestört. Diese Gefahren werden im Alter noch verstärkt: Dann nämlich nimmt die Durchblutung der Haut generell ab, ebenso wie die Anzahl der Schweißdrüsen und die Nierenfunktion, sodass der Körper mehr Flüssigkeit verliert – das Herz-Kreislauf-System wird schwächer und der Körper kann sich nicht mehr so gegen die Hitze zur Wehr setzen wie früher. Auch wird Hitze mit zunehmendem Alter weniger wahrgenommen, ebenso wie das Empfinden von Durst. Eine schwer zu erklärende Wahrnehmungsänderung, so die Medizinerin – die aber die Gefährdung enorm erhöhe.

Als „eine der großen Herausforderungen, vor denen wir stehen“, beschrieb Thomas Reusch-Frey, Vorstand der Stiftung für die Diakoniestation, den Umgang mit der Hitze: Hitzetage und -nächte nehmen zu, Wohnungen kühlen nicht mehr ab – was ist zu tun?

Nicht wirklich Neues könne sie da sagen, lachte Stark: die Mittel, sich vor Hitze zu schützen, sind weitgehend bekannt, dafür aber umso wichtiger: Körperliche Aktivität auf den Morgen und den Abend verlegen, leichte Kost. Zwei bis drei Liter trinken – das gelte für alle Personen, außer bei Patienten mit etwa Nierenproblemen. Die Haut schützen und kühlen, ebenso wie das Haus: Die Empfehlung ist hier, dass die Temperatur tagsüber die 32 Grad nicht überschreitet und nachts unter 24 Grad kommt. Und man sollte mit dem Arzt eventuelle Einnahme von Medikamenten besprechen – die können nämlich hitzesensibel sein.

„Sorgenkultur“ im Sommer

Besonders das Trinken wurde in der anschließenden Diskussion erörtert: Reusch-Frey schlug nicht weniger als einen „Paradigmenwechsel beim Trinken“ vor: Man solle nicht trinken, wenn man Durst habe, sondern um das Tages-Soll zu erreichen. Ein Tipp eines Zuhörers: nasse, kalte Handtücher im Zimmer über die Stuhllehne zu hängen, das kühle das Zimmer runter.

Thomas Reusch-Frey schlug vor, die „Sorgenkultur in der heißen Jahreszeit“ zu verbessern: man solle ein besonderes Auge für hitzesensible Menschen in der Umgebung haben, Nachbarschaftshilfe leisten. Eine Möglichkeit zur Nothilfe bietet auch der Hausnotruf, den Ines Wunsch von der Diakoniestation dann vorstellte: Über den Knopfdruck am Armband wird eine Verbindung zum Hausnotruf hergestellt. Mit 100 Meter Reichweite des Armbands vom Sender im Haus funktioniert der Notruf auch vom heißen Garten aus. Jonathan Lung

 
 
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