An die 60 Menschen standen am vergangenen Sonntag nach dem Gottesdienst vor dem Pfarrbüro in Walheim, in dem Pfarrer Christian Lehmann wohnt, und sangen für ihn, den Schwerkranken, Lobpreis- und Segenslieder. „Und das passiert immer wieder, ich bekomme Geschenke, Gebete, Briefe, Blumen. Die Gemeinde trägt mich in dieser schweren Zeit“, sagt Lehmann, der seit 15 Jahren evangelischer Pfarrer in Walheim ist. Nie habe seit mehreren Monaten der Zuspruch aus seiner Gemeinde nachgelassen. „Ich habe das Gefühl, ich bekomme mehr zurück als ich je gegeben habe“, so Lehmann.
Walheimer Pfarrer „Meine Gemeinde trägt mich“
Seit einem Jahr ist Pfarrer Christian Lehmann schwer krank. Auf seinen Social-Media-Kanälen spricht er von sich und seinem Glauben.
Leberkrebs: „Ausgang offen“
Vor einem Jahr, im November 2024, änderte sich sein Leben radikal. Er bekam die Diagnose Darmkrebs. Ein Schock, „mit 46 Jahren so eine Diagnose, aber der ist heutzutage heilbar, also machte ich mir zwar Sorgen, aber dachte, das schaffe ich schon“, so der Theologe. Anfang Mai diesen Jahres gab es eine neue Diagnose: Leberkrebs, eine aggressive Form, und dabei sei „der Ausgang offen“ so sein Arzt im Klinikum Ludwigsburg, sprich „medizinisch nicht heilbar“. Wie lange er noch lebe, sei ungewiss. Es gebe keine handfeste medizinische Hoffnung, sagt der Pfarrer. Lehmann bekommt palliativ Chemotherapie, um möglicherweise den Krebs „einzubremsen“, wie Lehmann sagt. Ein kleiner Funke Hoffnung auf ein Wunder bleibe immer, vor allem ihm, der sein ganzes Leben auf den Glauben an Gott und Jesus Christus aufgebaut habe, sagt er.
Es sei nicht leicht gewesen, sich „in meinem Alter mit dem Sterben auseinanderzusetzen, Vorsorgen und Vorbereitungen für nach dem Tod zu treffen“, sagt er. Seine Frau Marisol und seine drei Söhne hätten mit ihm nach Tagen des Weinens beschlossen, jeden Tag zu nehmen, wie er ist, auch wenn es an manchen Tagen schwer sei. „Es ist ein seelisches Auf und Ab zwischen Angst und Zuversicht“, sagt er. Er weine viel, das heile die Seele.
Ja, er habe Angst vor dem Sterben. Es würde ihm helfen, dass auch Jesus vor seinem Tod Angst hatte und drum gebetet habe, dass „der Kelch an ihm vorübergehe“. Er bete dasselbe, darum, dass die Krankheit einfach weggeht. „Ich sage mir: Wenn sogar Gottes Sohn Angst hat, dann darf ich das auch.“
Er denke schon ab und an daran, was er machen würde, wenn er eine Zukunft hätte: ein Buch schreiben, mit seiner Frau in ihre Heimat Argentinien reisen, zu sehen, wie seine Söhne Erfolg haben. Der Glaube sei in dieser Zeit ein noch besserer Wegbegleiter als je zuvor. „Ich suche nicht nach Schuld oder denke, der Krebs ist eine Strafe, ich nehme es an.“ Er glaube an die Gnade Gottes, nicht an die Strafe. Und dennoch habe auch er oft Zweifel an Gottes Güte, denke, „warum gerade ich, warum greift Gott nicht ein, warum lässt er den Krebs nicht einfach verschwinden, ich bete um ein Wunder“, so Lehmann.
So viele nehmen Anteil
Eine gute Woche sei, wenn er nicht zu viel über seine Krankheit nachdenke, „man gewöhnt sich auch an so was Schlimmes“, sagt er. Körperlich vertrage er die Chemo ganz gut, aber er sei ständig müde und seine Stimme werde schwächer. Er habe anfangs Angst gehabt, Angst, „einsam zu sein in der Krankheit“. Doch er wurde, so sagt Lehmann, eines Besseren belehrt, da so viele Anteil nehmen, da er von Anfang an offen mit seiner Krankheit umging und sich nicht zurückgezogen habe. Und auch wenn seine Familie tagsüber manchmal nicht da sei, es sei ein Segen, im Pfarrbüro zu wohnen, „da ist immer eine Mitarbeiterin“. Und mit den Nachbarn sei er mehr zusammen gerückt. „Es gibt so viele verborgene Krankheitsschicksale, von denen keiner weiß.“
Auf Social Media aktiv
Er wollte das anders machen, aktiv nach außen gehen. Zuerst war es ein Brief an die Gemeindemitglieder. Dann hatte sein ältester Sohn die Idee, dass er auf Social Media erzählen könne, um sich und anderen Kraft zu geben. Seither hat er auf Facebook, Instagram, TikTok und Youtube Kanäle. „Jesus.vibes4u“ heißen sie. „Jesus’ Herz schlägt für dich“, übersetzt er es. „Ich bin leidenschaftlicher Prediger, lehre und verkünde gerne, das kommt mir nun zugute“, sagt Lehmann.
Im ersten Beitrag ging es um seine persönliche Geschichte. „Ich will Mut machen, zu leben, auch wenn man weiß, das Leben ist endlich“, sagt er. Hoffnungsvolles, Glaubenstärkendes wolle er den Menschen mitgeben und bekomme „99 Prozent Zustimmung und positive Reaktionen“. In weiteren Beiträgen sprach er über seinen Glauben und das Leben nach dem Tod. „Daran glaube ich ganz fest und das hilft mir.“
Zuversicht und Dankbarkeit habe er in großem Maße. „Auch für das deutsche Solidaritätssystem.“ Er könne krank sein, bekomme Krankengeld, „sonst könnte ich mir die teuren Medikamente nicht leisten“, die Familie könne in der Wohnung bleiben. Sein Arbeitgeber, die Kirche, sei verständnisvoll. „Ich bin privilegiert, trotz meiner Krankheit, da muss man auch dankbar sein“, sagt er. Er sei aber auch froh, sich vom Amt zurückziehen zu können. „Ich fühle mich besser, wenn ich anderen Mut machen kann, ihnen Zuversicht geben kann, aber manchmal muss man auch nur auf sich schauen“, so Lehmann. Die Gemeinde wird derzeit von Ehrenamtlichen und den Pfarrern und Pfarrerinnen aus dem Kirchenbezirk Besigheim geführt.
„Ich werde Weihnachten fröhlich mit meiner Familie und so vielen Menschen wie möglich feiern und darum beten, dass Gott mir noch ein bisschen mehr Lebenszeit gewährt“, sagt er. Ihm graue nicht vor Weihnachten, denn seine Familie sei mit ihm positiv. Vor allem seine Frau unterstütze ihn sehr, richte ihn auf, sei immer positiv. Und seine drei Söhne hätten ihm versprochen, stark zu sein und ihr Leben anzugehen, ihre Pläne zu realisieren und glücklich zu sein.
