Wanderung im Mettertal „Die Frauenschule ereilt ein guter Ruf“

Von Martin Hein
Die Frauenschule in Großsachsenheim, die heute das Lichtenstern-Gymnasium beherbergt, war nur eine von zahlreichen Stationen der Wanderung entlang der Metter von Ottmar Krauß. Foto: /Martin Kalb

Vor 100 Jahren spazierte der Redakteur Ottmar Krauß die Metter entlang und schrieb seine Gedanken während dieser 28 Kilometer langen Strecke nieder.

Goethes Osterspaziergang dürfte vor 100 Jahren den Redakteur Ottmar Krauß zu einer Wanderung durch das Tal der Metter inspiriert haben. Er machte sich 1926 auf Schusters Rappen auf den Weg und wanderte stromaufwärts von Bietigheim über Metterzimmern bis nach Diefenbach. In der Ausgabe des Enz- und Metter-Boten vom 3. April 1926 beschrieb Krauß die Natur und die Ortschaften, die er auf seiner rund 28 Kilometer langen Wanderung streifte. Aus heutiger Sicht ein einmaliger Blick fast 100 Jahre zurück.

„Es lebt ein kernhafter Menschenschlag im Mettertale, dem das Unechte und Unehrliche zuwider ist, Menschen mit warmem Gemüt und gesundem Menschenverstande“, beschrieb der Wandersmann Krauß vorneweg lobend die Einwohnerinnen und Einwohner entlang der Metter.

Zwischen Industrie und Fachwerk

Doch der Reihe nach. Von „dem am Einlauf der Metter in die Enz gelegenen, sich am Hange hinziehenden Bietigheim“ schwärmte Krauß vom regen Gewerbefleiß seiner blühenden Industrie, seinen reizvollen Gassen sowie malerischen Fachwerkbauten mit prächtiger Holzarchitektur. Metterzimmern hatte den Schilderungen Kraußes zufolge, damals 635 Einwohner. „Aus älterer Zeit ist noch ein Schwibbogen erhalten. Die Wasserleitung wurde aus eigener Quelle gespeist. Elektrisches Licht, kleiner Gemeindewald und seit 1912 Bahnstation“. Im Mai 1979 hielt dort der letzte Personenzug, 1981 wurde das Bahnhöfle abgerissen. Kleinsachsenheim hatte damals 1034 Einwohner, eine Schule mit drei Lehrern sowie einer Fachlehrerin. Wein, Frucht, Kartoffeln, Essiggurken, Tabak und Zichorie wurden seinerzeit in Kleinsachsenheim angebaut.

In Großsachsenheim, das um 1926 exakt 1660 Einwohner zählte, erwähnte Krauß das Schloss, das damals einem „Herrn G. H. Schoenleber und dessen Gemahlin der Gräfin zu Dohna-Schlodien“ gehörte. Es handelte sich bei dem damaligen Besitzer übrigens nicht um den Bietigheimer Künstler Gustav Schönleber, selbiger war bereits 1917 verstorben.

Der wirtschaftlichen Frauenschule (heutiges Lichtenstern-Gymnasium) attestierte Ottmar Krauß einen sehr guten Ruf. Die Schule sei mit allen gesundheitlichen Erfordernissen der Neuzeit ausgestattet. Er verwies auf die dort mögliche Berufsausbildung zur ländlichen Haushaltslehrerin mit staatlicher Anerkennung sowie auf die dreijährige Ausbildung zur hauswirtschaftlichen Lehrerin mit abschließender Diplomprüfung.

Von guten Schankwirtschaften

Er zählt auch die guten Wirtschaften im Städtle auf, die da hießen: Bahnhof, Hirsch, Lamm, Krone, Rappen, Linde, Löwen und Eintracht. Sersheim mit seinen damals 1196 Einwohnern war die nächste Station auf der Mettertalwanderung. 250 Hektar Wald, Wasserleitung und elektrisches Licht zählte Krauß auf, „in dem reizenden Orte haben sich die bekannten Künstler Strich-Chapell und Stieglitz niedergelassen“. Gepflanzt wurden die verschiedenen Getreidearten, Obst, Kartoffeln, Zuckerrüben. Eine Schule mit drei Lehrern notierte sich der Wandersmann Krauß ebenfalls. 1285 Einwohner hatte Horrheim.

Im Röckenberg existierte ein 260 Meter langer Bergwerkstollen, in dem auch Kupfer gegraben wurde, schrieb Krauß. „Horrheim war früher eine Stadt und die Bewohner haben neuerdings an das Ministerium eine Eingabe um die Wiederverleihung des Stadtrechts gerichtet“ schrieb Ottmar Krauß in seinem Wanderbericht über Horrheim, das seinen Schilderungen nach für seinen guten Wein bekannt sei. In Gündelbach beeindruckten vor allem die Häuser den Wandersmann: „Das Rathaus ist ein alter Holzbau, andere Häuser überraschen durch die künstlerisch ausgeprägten Renaissance-Formen ihres Balkenwerkes“. Schützingen hatte damals 550 Einwohner, sowie eine Schule mit zwei Lehrern. Altertümliche Fachwerkbauten sowie eine Landwirtschaft mit stark entwickelter Viehzucht, Weinbau und viel Wald. 608 Einwohner notierte Krauß für Zaisersweiher sowie eine Schule mit zwei Lehrern. Getreide, Tabak und Weinbau dominierten damals die Landwirtschaft in dem kleinen Örtchen.

Schlechte Beschilderung moniert

„Leider lässt die Wegbezeichnung nicht bloß hier, sondern auch sonst auf dieser Wanderung sehr viel zu wünschen übrig“ bemerkte er, bevor er Diefenbach erreichte. „Vom Ort aus ist der Ursprung der Metter in einer halben Stunde zu erreichen. Er liegt mitten im prächtigen Hochwalde in etwa 416 Metern Höhe, wo sie als Rinnsal herabfließt. Wie schön lässt sich’s träumen in dieser köstlichen Einsamkeit, wo man moosbewachsenes Steingeröll und phantastische Baumgestalten sieht, wo es geheimnisvoll lebt und webt, wo deutsche Märchenstimmung raunt und das feine Spiel der Lichter Farnwildnisse und Busch und Strauch grüngolden überglitzert“, schwärmte Otmar Krauß anno 1926 zum Abschluss seiner österlichen Wanderung.

 
 
- Anzeige -