Wengertschützen Löchgau Mit Rätsche und Pistole auf der Hut

Von Erwin Ruff
Die Wengertschützen August Bothner und Hermann Ruff (rechts) vor der Steinbachhütte in Löchgau im Jahr 1935. Foto: privat

Während der Traubenreife waren früher die Wengertschützen Tag und Nacht in den Weinbergen, auch in Löchgau.

Die in den Weinbergen reifenden Trauben sind der Lohn für die schwere Arbeit der Wengerterfamilien. Es gilt daher, alles zu tun, dass der absehbare Ertrag nicht geschmälert wird. Dazu wurden früher die Wengertschützen aktiv. Es war eine Jahrhunderte alte Tradition, dass die Gemeinde die Weinberghut organisiert und im Spätsommer und Herbst über die Zeit der Traubenreife mehrere Weinberghüter beschäftigte. Diese mussten die Trauben vor Dieben schützen, tierischen wie menschlichen.

Stolze Wengertschützen

Zum Vertreiben der Starenschwärme machten die Wengertschützen bei ihrem Rundgang ordentlich Lärm mit einer Rätsche und einer Pistole. Weil die Weinberge zur Reifezeit gesperrt waren, durften sie nur von Anliegern betreten werden. Wer das Verbot missachtete, wurde von den Wengertschützen unmissverständlich weggeschickt. Jeder Wengertschütz hatte sich einen mit schönen Ornamenten verzierten Stock geschnitzt, mit dem er mit sichtlichem Stolz patrouillierte. Den Spott, mit dem sie früher von Kindern bedacht wurden, hatten sie nicht verdient: „Wengertschitz, bodaknitz, lauft die Stäffala ruff ond na, frisst die beschte Beerla a.“

Als Unterstand und Schlafstätte nutzten sie steinerne Gebäude, die Wengertschützenhütten, die von der Gemeinde gebaut wurden. Heute stehen in Löchgau noch drei solcher Unterstände: Im Gewann „Berg“ am Bergsporn nahe der Gemarkungsgrenze zu Freudental, 1822 erbaut, im Gewann „Greuth“ am Waldrand an der Nordwestecke der Wohnsiedlung und im „Steinbach“ am Besigheimer Weg bei den Hochspannungsleitungen. Die 1781 gebaute Wengertschützenhütte am Besigheimer Weg ist aus Sandstein und Kalkstein gebaut. Diese drei steinernen Zeitzeugen sind heute als Kleindenkmale registriert.

Nur sonntags durften die Wengertschützen nach Hause, um sich zu waschen und die Kleider zu wechseln. In der Zeit des Wirtschaftswunders während der 1950er-Jahre wurde es schwieriger, Männer zur Übernachtung zu bewegen, weshalb auf diese ab den 1960er-Jahren verzichtet wurde. Nun wurden auch automatische „Knallschrecke“ eingesetzt, die in regelmäßigen Abständen einen lauten Knall abgaben.

Im 19. Jahrhundert wurden die Wengertschützen mit Vorderladerpistolen ausgestattet. Immer wieder gab es Verletzungen durch unvorsichtiges Hantieren mit der Pistole. In den Löchgauer Gemeinderatsprotokollen sind einige Unfälle nachzulesen: In den 1890er-Jahren hatte sich Heinrich Ruoff den Mittel- und Zeigefinger der linken Hand weggeschossen. 1907 hatte sich Weinberghüter Christian Ruff im „Kugelwälder“ durch den Arm geschossen. Besonders schlimm hatte es Anfang der 1930er-Jahre den Obstwart Hermann Weigel erwischt, dem der Weinberghüter Wilhelm Distel ein Auge ausgeschossen hat.

Der Letzte seiner Art

In Löchgau war Hermann Ruff einer der letzten seiner Art. Als junger Mann war er 1935 als Weinberghüter im „Steinbach“ eingesetzt. Ein Jahr später hat er nach dem Eintrag in seinem Arbeitsbuch vom 15. September bis 16. Oktober 1936 die Weinberghut im Gewann „Berg“ versehen. An der Berghütte hat er „H. Ruff 1936“ ins Mauerwerk eingeritzt. Im Rentenalter ließ er es sich bis in die 1980er-Jahre nicht nehmen, für ein paar D-Mark mit Rätsche und der Pistole „Starenschreck“ ausgestattet durch die Weinberge zu ziehen.  Erwin Ruff

 
 
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