Wirtschaft Lebensretter im Dauereinsatz

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Mit Plastikfolien schützen sich die Produktionsmitarbeiter der Firma Staiger vor einer Ansteckung durch das Coronavirus.⇥ Foto: Fotos: Marc Staiger

Die Firma Staiger produziert Ventile für Beatmungsgeräte und kommt bei den Aufträgen kaum nach. Die 140 Mitarbeiter produzieren weiter – trotz und wegen Corona.

Kurzarbeit, Homeoffice, Stillstand – während in vielen Unternehmen aufgrund der Corona-Krise die Produktion ruht, können sich andere Unternehmen vor Aufträgen kaum retten. Die Firma Staiger aus Erligheim ist eine von ihnen. „Bei uns ist in der Produktion gerade nichts mehr planbar“, so Geschäftsführer Marc Staiger zur aktuellen Situation.

Das Unternehmen entwickelt und produziert seit 46 Jahren Ventile, Mikroventile und so genannte Fluidik-Systeme, mit denen Flüssigkeiten und Gase präzise dosiert werden können. Systeme, die unter anderem für die Herstellung von Beatmungsgeräten in der ganzen Welt dringend benötigt werden. Seit rund zwei Wochen stürzten nationale und internationale Medizintechnikkunden auf das Unternehmen ein, weil der Bedarf an Beatmungsgeräten und Spendern für Desinfektionsmitteln überall massiv gestiegen sei.

12000 Ventile pro Woche statt 1100 Ventile pro Monat

„Vor drei Minuten hat einer unserer Kunden aus Australien einen höheren Bedarf gemeldet“, berichtet Staiger. Der Kunde braucht dringend das Vier- bis Fünffache des bisherigen Jahresbedarfs – und das in den kommenden vier Monaten. Statt 1100 Ventilen im Monat müssten in Erligheim nun möglichst rund 12 000 Ventile dieser Art pro Woche produziert werden. Hinzu kommt, dass auch der Bedarf an Ventilen für Anästhesiegeräte gestiegen ist, genauso wie der für berührungslose Desinfektionsgeräte. Die Kunden müssten so schnell wie möglich beliefert werden. Erschwerend hinzu komme die Verunsicherung der Mitarbeiter, die er durch viele Gespräche und Abstimmungen mit dem Betriebsarzt und der Sicherheitsfachkraft aufzufangen versucht.

„Wir retten Leben“, sagt Staiger. Doch ihm ist bewusst, dass das ohne den Einsatz seiner Mitarbeiter nicht möglich wäre. „Wir können kaum im Homeoffice arbeiten“, berichtet er. 140 Menschen arbeiten in der Produktion, drei Mitarbeiter arbeiten derzeit von Zuhause aus.

Folien gegen Tröpfcheninfektion

Um seine Mitarbeiter so gut wie möglich zu schützen, arbeiten sie kreuz und quer in der Firma verteilt. Außerdem wurden Plastikfolien gespannt, um eine Tröpfcheninfektion zu verhindern. Außerdem hat Marc Staiger die Schichtmodelle intensiviert. Einige Produktionsbereiche arbeiten im Zwei-Schichtbetrieb, andere im Drei-Schichtmodell.

Dennoch gibt es unter den Mitarbeitern in Erligheim auch Ängste, berichtet Staiger, der viel Zeit damit zubringt, mit seinen Mitarbeitern zu sprechen. „Wir schicken keinen heim“, sagt Staiger, „wir überlassen jedem die Entscheidung selbst“. Die Maßnahmen und Gespräche scheinen zu wirken: „Bis jetzt ist noch keiner heimgegangen“, sagt Staiger. Trotz aller Ängste sei jeder im Unternehmen froh, seinen Beitrag zu leisten, ist der Geschäftsführer überzeugt.

Doch nicht nur die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ist ein Problem. Auch fehlendes Material und vor allem fehlende Mitarbeiter bereiten dem Geschäftsführer Sorgen. Sieben Leute hat das Unternehmen allein in der vergangenen Woche eingestellt, berichtet Staiger. Aber um die Mehrarbeit zu leisten, benötigt er zehn bis 15 weitere Mitarbeiter. „Wir brauchen eine bestimmte Kapazität an Vorarbeiten in zuverlässiger Qualität“, betont Staiger. Qualitätssicherung sei ein wesentlicher Punkt für das Unternehmen.

Auslagerung der Produktion vor Ort

Marc Staiger denkt auch über eine Auslagerung der Produktion direkt vor Ort nach. „Je kürzer die Wege, umso besser.“ Mit einem Bekannten, dessen Mitarbeiter sich zu hundert Prozent in Kurzarbeit befinden, denke er über eine Kooperation oder Zusammenarbeit nach. Die rechtliche Seite einer solchen pragmatischen Lösung habe er noch nicht geprüft, schildert Staiger, „aber diese Möglichkeit auszuloten, ist auf jeden Fall eine Option“.

„Jede Krise bietet auch eine Chance“, sagt der Geschäftsführer. Im aktuellen Fall hofft er „auf einen Weg zurück zu pragmatischen Lösungen“. Im Moment seien Unternehmen wie seines gezwungen, solche Wege zu gehen. Bürokratie zu reduzieren ist Marc Staiger zufolge aber auch eine gute Chance für die Arbeit der Zukunft.

 
 
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