WM im Kreis Ludwigsburg „Kein Katar in meiner Kneipe“

Von Claudia Mocek
Im Ratskeller Kleinsachsenheim werden in diesem Jahr keine WM-Spiele gezeigt. Foto:  

Nur wenige Gaststätten wollen die Fußballspiele übertragen. Die Gründe, warum viele nicht mitmachen, sind verschieden.

Ich bin richtig fußballverrückt“, sagt Sascha Hodzic. Der 47-Jährige ist Inhaber des Kleinsachsenheimer Ratskellers, „eine richtige Fußballkneipe“ – mit vier Bildschirmen, Wimpeln und allem drum und dran. Doch für ihn stand schnell fest: Die Spiele aus Katar wird er nicht übertragen. In Sachsenheim, Bietigheim, Bönnigheim und Ludwigsburg gibt es nur einzelne Kneipen, die die Spiele übertragen wollen. Die meisten, die bisher Public Viewings organisiert haben, machen nicht mit – aus verschiedenen Gründen.

Initiative beigetreten

Vor rund zwei Monaten ist Sascha Hodzic wie mittlerweile rund 200 andere Kneipen bundesweit der Initiative „Kein Katar in meiner Kneipe“ beigetreten. Auf seiner Facebook-Seite begründet er den Boykott des Turniers: „Wir haben keine Toleranz für solch geldgieriges und unmenschliches Verhalten.“ Im Gespräch erklärt er, dass er sich nicht in die Politik einmischen will. Aber für ihn gehört eine Weltmeisterschaft mit Stadionwurst und Bier „in ein Land, in dem der Fußball im Vordergrund steht“. Wie die Fans auf Alkoholverbot um WM-Stadien in Katar reagieren werden, kann er nicht abschätzen. Russland und Südafrika seien zwei Beispiele, die diese Voraussetzung auch nicht unbedingt erfüllt hätten, findet Hodzic.

400 Euro Gebühren

„Europa ist der stärkste Vertreter für Fußball“, sagt der Kneipen-Inhaber. Mit Begeisterung erinnert er sich noch an das Turnier 1990 in Italien, als Deutschland sich im Finale gegen Argentinien durchsetzte und zum dritten Mal den Titel holte. „Damals war ich 16, wir haben die Hauptstraße in Sachsenheim mit Fahnen blockiert“, erinnert sich Hodzic.

Der Inhaber des Ratskellers hat sich die Dokumentationen über Katar angeschaut, über die Gastarbeiter, die kein Geld bekommen und zum Teil auf den Baustellen gestorben sind. „Für mich ist eine Grenze erreicht“, sagt er. Er wolle auch die rund 400 Euro an die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA) für die Übertragungsrechte nicht zahlen.

Gäste entscheiden, welches Spiel übertragen wird

Als Wirt müsse man neutral sein, sagt der FC Bayern-Fan, der aber auch mit seinen Gästen „brutal viel Spaß hat“, wenn der VfB Stuttgart spielt. „Eigentlich entscheiden die Gäste, welche Spiele auf den vier Bildschirmen bei mir laufen“, sagt Hodzic. „Ein Großteil der Gäste wird Verständnis haben“, ist er überzeugt. Außerdem bietet er in seinem Ratskeller ein Alternativprogramm zur WM an: Statt der Fußballspiele zeigt er mit den Bietigheim Steelers Eishockey, American Football und die Darts-Weltmeisterschaft. Am Freitag, 16. Dezember, gibt es dazu außerdem noch Glühwein. „Aus sportlicher Sicht wird sich bald niemand mehr an diese WM erinnern“, ist Sascha Hodzic überzeugt.

Auch in der Bietigheimer Friedenskirche wird es bei diesem Fußball-Turnier kein Rudelgucken geben. „Das war keine große Diskussion“, sagt Dietwart Gundert, Vorsitzender des Kirchengemeinderats. Doch damit meint er nicht die politischen Rahmenbedingungen des Turniers, sondern die Personalsituation in der Gemeinde: „Wir haben kein Personal“, sagt Gundert. Einige Jahre lang habe die Gemeinde Fußballspiele übertragen, „aber das Engagement in Kirchengemeinden ist ein schwieriges Thema“, sagt er. Die Gottesdienste würden eher die 80- und 90-Jährigen besuchen, „die Mittelalten sind kaum vertreten“. Enttäuscht sei er auch vom Erntedankfest gewesen, zu dem sonst 150 bis 220 Menschen gekommen seien. Mit Corona würde jetzt auch der eine oder andere alte Zopf abgeschnitten.

Der Paulaner in Bietigheim überträgt seit Corona keine Fußballspiele mehr.

Die Alte Brauerei in Bönnigheim boykottiert die Übertragung der Spiele. Man wolle nicht nur darüber reden, sagt Inhaberin Marion Hafendörfer. Darüber hinaus gebe es in der Alten Brauerei nur im Sommer im Außenbereich die Möglichkeit der Übertragung.

Gäste vom Weihnachtsmarkt

Für Jürgen Feyl, Inhaber des BarOn in Ludwigsburg stand die Übertragung der Spiele nicht zur Diskussion. Wenn Spiele übertragen wurden, sei das immer außen angeboten worden. Das Café sei im Innern dafür zu klein, außerdem sei das BarOn aufgrund des Weihnachtsmarkts schon gut besucht.

In Ludwigsburg werden die WM-Spiele im Sportcafé Markthalle gezeigt. „Die regulären Spiele werden übertragen, daran hat sich nichts geändert“, sagt ein Mitarbeiter.

Gulfy’s Minigolfanlage Monrepos in Freiberg will die Spiele der deutschen Mannschaft live übertragen – mit Zelt, Glühwein, fünf mal drei Meter Bildschirm und Stadionwurst. Die Spiele jetzt zu boykottieren sei sinnlos und dem schlechten Gewissen geschuldet, findet Inhaber Dr. Ulf Steinecke: „Das hätte man früher machen machen“. Ein Boykott der Übertragung werde in Katar niemanden interessieren. Für Steinecke, dem auch eine Eventagentur gehört und der die technische Ausstattung für eine Übertragung besitzt, ist die Aktion dennoch ein Sprung ins kalte Wasser. Er hofft auf viele Gäste. Die Sportübertragung soll erst einmal eine einmalige Sache sein.

 
 
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