Zwei Freiberger Frankfurt-Fans in Sevilla Mittendrin in der weißen Wand

Von Andreas Eberle
Vater und Sohn in gespannter Vorfreude und im Eintracht-Look: Vor dem Anpfiff des Europa-League-Endspiels zwischen Frankfurt und den Glasgow Rangers machen Dieter und Jens Matzat ein Erinnerungsfoto im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán. ⇥ Foto: Privat

Dieter und Jens Matzat aus Freiberg erleben beim Europa-League-Finale gegen die Glasgow Rangers Glücksgefühle. In der BZ berichten die Eintracht-Frankfurt-Fans von ihrem Kurztrip nach Sevilla. Von Andreas Eberle

Als sich vor dem Anpfiff des Europa-League-Endspiels in der Frankfurter Kurve die riesige Blockfahne über die Köpfe tausender Fans schlängelte, steckten auch zwei Fans aus Freiberg unter ihr: Dieter und Jens Matzat waren Teil der „Heilige Diva vom Main – Bitte für uns“-Choreografie – und später auch Teil der weißen Wand, die der komplett in Weiß gekleidete Anhang der Hessen im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán von Sevilla bildete. „47 Jahre habe ich darauf gewartet, dass ich so etwas erleben darf“, schwärmt Dieter Matzat, 60, der seit seiner Kindheit mit der SGE mitfiebert und auch seinen Sohn Jens, 28, früh mit dem Eintracht-Virus angesteckt hat.

Beide waren schon in Camp Nou Augenzeugen, wie die Adler im Viertelfinal-Rückspiel beim FC Barcelona sensationell mit 3:2 triumphierten. Eine Steigerung hatten sie kaum für möglich gehalten. Ein Irrtum. Denn der Abstecher in die andalusische Hauptstadt hat am Mittwoch alles getoppt – mit dem ersten europäischen Titel der Frankfurter seit 42 Jahren als Sahnehäubchen. „Die Euphorie vor, während und nach dem Spiel war unbeschreiblich. Das muss man erlebt haben“, schwärmt Matzat senior nach durchfeierter Nacht am Telefon.

Sohn Jens und er zählten zu den 10 000 Fans, die aus dem Kontingent des Bundesliga-Vereins zwei Karten zugesprochen bekommen hatten. Nur Mitglieder wurden berücksichtigt – und das sind beide seit langem. „Wir konnten unser Glück kaum fassen“, sagt Dieter Matzat. Schließlich hatte die Ticket-Nachfrage das Angebot um ein Vielfaches überstiegen. Als Plan B hatten sich die Matzats bereits zwei Karten fürs Public Viewing im Deutsche-Bank-Park, besser bekannt als Waldstadion, gesichert – für zehn Euro das Stück.

Der Sevilla-Trip kam nun deutlich teurer. 600 Euro kostete die Kombi Flug und Ticket pro Nase. Auf ein Hotel in der Stadt verzichteten die beiden Freiberger allerdings. „Für eine Nacht im Doppelzimmer wurden mehr als 1000 Euro verlangt“, berichtet Matzat. Kurzfristig hatte er drei Tage Urlaub genommen und die für Juli geplanten Ferien auf eine Woche reduziert – natürlich in Absprache mit Ehefrau Bärbel, wie der Versuchsmechaniker mit einem Schmunzeln verrät.

Wasserball im Springbrunnen

Der 24-Stunden-Trip begann am Mittwoch um sechs Uhr mit einem der mehr als 35 Sonderflüge von Frankfurt nach Sevilla und ins Umland. Vor Ort wurde es den Fans bei 34 Grad gleich mal heiß. „Beim Aussteigen sind wir gegen eine Hitzewand gelaufen“, sagt Matzat. Vom Flughafen ging’s per Shuttle zum Plaza de España, der sich in einen gigantischen Fantreff verwandelte. Dort stimmten sich die Schlachtenbummler mit viel Gesang und noch mehr Kaltgetränken auf das große Duell am Abend ein. „Einige Fans haben zur Abkühlung im Springbrunnen sogar Wasserball gespielt“, erzählt Dieter Matzat.

 Noch vor dem Fan-Marsch ins gut zwei Kilometer entfernte Stadion machte sich die Mini-Delegation aus Freiberg selbst auf den Weg, um schon vorzeitig die Atmosphäre aufzusaugen und die Gegebenheiten zu erkunden. Und um auf der Tribüne ein Facebook-Posting abzusetzen. Neben Sonnenbrille und weißem Trikot trug Matzat senior auf jenem Bild übrigens noch seine schwarze „Euro-Glücks-Cap“, die er seit der Frankfurter Europa-League-Saison 2013/14 stets als Glücksbringer aufhat. Zum Spiel – Stichwort weiße Wand – griff er aber doch auf die weiße Kappe zurück, die an jedem Platz im Block der Hessen auslag.

Nach einer langen Party-Nacht folgte frühmorgens der Rückflug nach Frankfurt, wo Vater und Sohn in ein Hotel am Mainufer eincheckten und sich zumindest etwas von den Strapazen erholten. „Ich bin 60, manchmal frage ich mich selbst: Was machst du da eigentlich? Was tust du dir da an?“, fragt Matzat und lacht. Am Nachmittag ging die Sause gleich in die nächste Runde. Ins Getümmel am Römer stürzten sich die beiden zwar nicht. Dafür jubelten sie dem Adler-Korso auf der Untermainbrücke zu. „Wir waren dem Pokal ganz nah und haben mit der Mannschaft abgeklatscht. Ganz Frankfurt ist heute in Ekstase“, so Matzat.

Traum von Real Madrid

Nächstes Jahr wird er seine Eintracht nun in der Champions League begleiten – und wahrscheinlich noch öfter live dabei sein als bisher. „2023 beginnt meine passive Altersteilzeit. Damit erledigt sich das Problem mit dem Urlaub“, sagt der gebürtige Ludwigsburger und träumt von Gegnern wie Real Madrid, Manchester City oder dem FC Liverpool. Und davon, wieder ein Teil der weißen Wand zu sein.

Eintracht-Fan dank Hölzenbein-Autogramm und Frankfurts Bayern-Sieg 1979

Dass Dieter Matzat als gebürtiger Schwabe Fan von Eintracht Frankfurt wurde, hat mit einem Kindheitserlebnis zu tun. Als die deutsche Nationalelf 1973 anlässlich eines Länderspiels in Stuttgart im Schlosshotel Monrepos residierte, machte sich der junge Dieter, damals gerade 13 geworden und Anhänger der in der Regionalliga Süd kickenden Spvgg 07 Ludwigsburg, vor Ort auf Autogrammjagd. „An die Stars wie Overath, Netzer oder Beckenbauer kam ich nicht heran, dafür ergatterte ich ein Autogramm von Bernd Hölzenbein“, erzählt Matzat. Und da der Frankfurter bei der WM 1974 zum Jungstar avancierte und im Finale gegen die Niederlande (2:1) den Elfmeter zum 1:1-Ausgleich herausholte, war sein Namenszug plötzlich besonders wertvoll.

Erst Jahre später – der in Eglosheim aufgewachsene Matzat hatte frisch den Führerschein – besuchte er sein erstes Bundesliga-Spiel im Waldstadion: Am 20. Oktober 1979 gewannen die Hessen gegen den FC Bayern München nach einem 0:2-Rückstand noch mit 3:2. Damit war es endgültig um Matzat geschehen: Er hatte seine Fußball-Liebe gefunden. Als er ein gutes Vierteljahrhundert später in der Zweitliga-Saison 2005/06 seinen damals zwölfjährigen Sohn Jens zum Heimspiel gegen den MSV Duisburg mitnahm, packte auch jenen prompt das Eintracht-Fieber.

 
 
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