Archäologie Leitungsbau bei Sachsenheim begeistert Archäologen

Von Martin Hein
Wer so bestattet wurde, war nicht sonderlich beliebt. Foto:  

An 49 Fundstellen fanden die Archäologen auch bei Großsachsenheim teils erstaunliche Dinge aus den vergangenen Jahrtausenden.

Jede Menge Spuren haben die Menschen in den vergangenen 7000 Jahren in unserer Gegend hinterlassen. Im Vorfeld der Arbeiten für die Neckarenztal-Leitung (NET) fanden entlang der rund 28 Kilometer langen Trasse archäologische Rettungsgrabungen statt. Erste Ergebnisse und Erkenntnisse zeigten die Archäologen in der Gemeindehalle in Eberdingen einem interessierten Publikum.

Dr. Andrea Neth vom Landesamt für Denkmalpflege, hat das Projekt betreut und stellte fest, dass die Ausgrabungen bei der Öffentlichkeit auf ein sehr großes Interesse stießen. Dr. Ralf Keller und Sascha Schmidt, beide Geschäftsführer der ausführenden Firma Fodilus aus Rottenburg, berichteten nun erstmals umfassend über die jetzt abgeschlossenen archäologischen Untersuchungen.

Ursprünglich haben die Fachleute 23 Fundstellen auf der Trassenführung erwartet, schlussendlich wurden an 49 Stellen teils durchaus spektakuläre Funde zutage gefördert.

Sascha Schmidt zeigte rund 7000 Jahre alte Scherben mit den typischen Verzierungen der Bandkeramiker, die im Gewann Semmeläcker bei Großsachsenheim freigelegt wurden. Die etwa 25 Meter breite Trasse für die Gasleitung, hat dort die Grundrisse von mehreren Häusern aus der Jungsteinzeit, konkret, der Bandkeramik angeschnitten. Diese Häuser waren jeweils rund 35 bis 40 Meter lang und belegen, so Sascha Schmidt, dass dort eine größere Siedlung war.

Siedlung mit Gräberfeld

Eine archäologische Besonderheit an dieser Fundstelle, ist der Umstand, dass wenige hundert Meter davon entfernt, ein Gräberfeld entdeckt wurde. Dieses stammt ebenfalls dem Altneolithikum (5500 bis 5000 v. Chr.). Eine solche Kombination sei sehr selten, betonten die Archäologen. Eine besondere Aufmerksamkeit erregte bei den Fachleuten vor allem ein Grab, bei dem der Verstorbene, statt wie seinerzeit üblich in Hockerstellung (Hockergrab), höchst ungewöhnlich, auf dem Bauch liegend, mit dem Gesicht nach unten und angewinkelten Füßen begraben wurde. Das Skelett ließ eher den Schluss zu, dass man den Verstorbenen in das Grab hineingeworfen hat. Sascha Schmidt schloss daraus, dass der Verstorbene, ein Mann wie sich herausstellte, vermutlich nicht sonderlich beliebt war. Das Skelett, das geborgen wurde, wird noch näher untersucht.

Bei Oberriexingen stießen die Ausgrabungsexperten auf etwas zackiger verzierte Scherben, damit könne man diese Funde eindeutig auf das Mittelneolithikum (4900 bis 4300 v. Chr.) zuordnen, so Schmidt. Charakteristische Verfärbungen im Boden belegen, dass dort einst ein rund 52 Meter langen Haus stand, das mit einer Umfriedung versehen war.

Scherben mit Sonnensymbol

Bei Enzweihingen und im Bereich der bandkeramischen Siedlung bei Großsachsenheim wurden zahlreiche Fragmente aus dem Jungneolithikum (4300 bis 3400 v. Chr.) gefunden. Darunter ein Scherben mit einer Verzierung das eine Sonne symbolisiert.

Vorratsgruben, teils mit Brandschutt der vermutlich von den Feuerstellen herrührte, stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Über ein bemerkenswertes Abfallverhalten aus der mittleren Bronzezeit (1500 bis 1300 v. Chr.) berichtete Schmidt vom Bereich bei der Jet-Tankstelle. Dort habe man auf einem rund 18 Meter langen Areal Eimerweise Scherben aus dieser Zeit eingesammelt. Darunter sogar komplett erhaltene Gefäße die laut Sascha Schmidt den Schluss zulassen: „ Man könnte sagen, den Leuten dort, ging es gut“. Diese Fundstücke werden derzeit gewaschen. Die zu den umfangreichen Schuttablagerungen gehörige Siedlung haben die Archäologen nicht gefunden, schlummert also noch unerkannt im Boden.

Aus der Urnenfelderzeit (1200 bis 750 v. Chr.) sind vor allem Brandbestattungen, wieder im Gewann Semmeläcker bei Großsachsenheim gefunden worden. Eine erstaunlich gut erhaltene Urne, habe man des Zeitdrucks wegen, so Ralf Keller, in Gips eingebettet als Block geborgen, um sie später genauer untersuchen zu können. Aus dieser Zeit fanden die Archäologen, ebenfalls wieder bei Großsachsenheim, auch ein gut erhaltenes und ursprünglich eingegrabenes Gefäß, das vermutlich als Vorratsfass oder Wasserfass diente.

Bei Metterzimmern und Enzweihingen haben die Experten Reste einer Siedlung aus der Eisenzeit / Keltenzeit (750 bis 0 v. Chr.) geborgen. Dazu gehören auch Überreste von so genannten Grubenhäusern und Vorratsgruben. Ein seltenes Gefäß, das zur Salzgewinnung diente, brachten die Ausgrabungen bei Metterzimmern ans Tageslicht. Aus dieser Epoche stammen auch etliche gut erhaltene Schmuckstücke und Spangen und als besonderes Stück, eine blaue Glasperle, selbige vermutlich aus der Frühlatène (450 bis 380 v. Chr.). Beim Leinfelder Hof bei Enzweihingen stießen die Experten auf Mauerteile eines römischen Gutshofes.

Reste des Krankenlagers

Aus der jüngeren Vergangenheit haben die Fodilus-Archäologen auf dem Eichwaldgelände bei Großsachsenheim eine Flak-Stellung des Flugplatzes aus dem zweiten Weltkrieg freigelegt. In einer Nische der Flakstellung fanden die Grabungsexperten sogar noch ein Megafon. Nicht weit davon entfernt legten die Archäologen einen Bunker frei, der zu dem Krankenlager neben dem Flugplatz gehörte. Dort wurden bei einem Tieffliegerangriff Ende 1944 mehrere Menschen getötet. Auch einen rostigen Haufen Stacheldraht, mit dem das Lager umzäunt war, sowie Reste von Ampullen, Kämme und emaillierten Schalen aus dem Krankenlager, fanden die Archäologen. „Das sind solche Dinge, die einen besonders berühren“, so Ralf Keller.

Auswertung dauert Monate

Rund 150 Kisten mit unzähligen Fundstücken haben die Archäologen der Firma Fodilus insgesamt sichergestellt. Nun müsse man die ganzen Funde noch bearbeiten, reinigen und Berichte schreiben, das könnte noch ein ganzes Jahr dauern. Die Funde, die dem Land gehören, werden anschließend an das Landesamt für Denkmalpflege übergeben und dort in der Denkmalpflegedatenbank erfasst.

 
 
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