Besuch im Kujau-Kabinett in Bissingen „Kujau produzierte das, was verlangt war“

Von Uwe Mollenkopf
Sammler Marc-Oliver Boger mit den Kopien der gefälschten Hitler-Tagebücher in dem von ihm eingerichteten Kujau-Kabinett in Bissingen. Hinten ein Gemälde, das Kujau zeigt. Foto: /Martin Kalb

Marc-Oliver Boger, Kujau-Experte aus Bissingen, zum Jubiläum „40 Jahre Hitler-Tagebücher“ und neuen Vorwürfen gegen den Fälscher.

Sammler Marc-Oliver Boger, der das Kujau-Kabinett in Bissingen aufgebaut hat, ist derzeit bei den Medien ein gefragter Mann. Ein NDR-Reporter war schon hier und hat recherchierte, die ARD filmte für eine Dokumentation, der Sender 3-Sat kommt vielleicht auch noch. Der Grund für das Interesse ist ein „Jubiläum“: 40 Jahre ist es jetzt her, dass der in Bissingen wohnhafte Konrad Kujau mit seinen gefälschten Hitler-Tagebüchern einen Jahrhundert-Coup landete.

Doch nicht nur das: Gleichzeitig hat sich die öffentliche Wahrnehmung über Kujau geändert. Der gebürtige Sachse steht laut aktuellen Veröffentlichungen nicht mehr als der schlitzohrige Fälscher da, wie er etwa in Helmut Dietls Filmkomödie „Schtonk!“ dargestellt wird, sondern als bösartiger Holocaust-Leugner und Nazi.

Vorwurf der Holocaust-Leugnung

Die Tagebücher, mit deren Veröffentlichung der Stern Ende April 1983 begann, bevor sie sich kurze Zeit später als Fälschungen herausstellten, seien Ausdruck von Holocaustleugnung, sagt etwa der Politikwissenschaftler Hajo Funke. Die zentrale Erzählung der gefälschten Tagebücher sei, dass Hitler angeblich nichts vom Holocaust wusste. Funke und die Historikerin Heike Görtemaker haben auch an dem von dem NDR-Journalisten John Goetz herausgegebenen Buch „Die echten falschen Hitler-Tagebücher“ mitgewirkt, dessen Kernaussage es ist, dass Kujau inmitten eines Netzwerks aus Alt- und Neonazis agiert habe, mit dem Ziel, Hitler zu rehabilitieren. Auch Boger hat es sich besorgt und will es durchlesen, um seine Sichtweise auf Kujau zu hinterfragen.

Doch der Bissinger Sammler, der ganze Ordner mit Material zu Kujau und den Hitlertagebüchern, den damit verquickten Personen und Gerichtsverhandlungen bis hin zu Kopien von Stasi-Unterlagen besitzt, sieht die gegen Kujau losgetretene Welle mit einer gehörigen Portion Skepsis. Kujau sei ein Mann mit vielen Facetten gewesen, sagt er. Er habe Dinge aus dem Kaiserreich gefälscht, aber auch die Unterschriften von Lenin und Stalin. Dann müsste er folgerichtig auch Monarchist oder Kommunist gewesen sein, meint Boger.

Der Bissinger hat Handschriften von Beethoven, Goethe, Schiller oder Luther, die alle aus der Feder des 1938 in Löbau geborenen und 2000 in Stuttgart gestorbenen Kujau stammen. „Er hat durch die Zeiten hindurch gefälscht“, sagt Boger, „Hitler war nur ein Aspekt“. Als Kujau gesehen habe, dass Sachen aus der Zeit des „Dritten Reiches“ bei bestimmten Sammlern gefragt waren, habe er sich auf diese konzentriert. „Er produzierte, was verlangt war“, sagt Boger.

Dass sich Kujau im Kreis von Rechtsradikalen und Neonazis bewegt habe, könne damit zusammenhängen, dass er so Informationen gesammelt habe, meint Boger. Daran, dass der Fälscher mit deren Hilfe die Geschichte umschreiben wollte, glaubt er jedenfalls nicht. Bereits in den 80er-Jahren habe die Staatsanwaltschaft etwa gegen den Neonazi-Funktionär Lothar Zaulich wegen Mittäterschaft ermittelt. Ergebnis damals: Eine Komplizenschaft war nicht nachweisbar. Kujaus Motiv bei den Hitler-Tagebüchern sei das Geld gewesen, meint Boger, und der Stern ließ ja denn auch Millionen fließen.

Hitler lächerlich gemacht

Zweifellos habe Kujau, alias Dr. Fischer, in seinen Fälschungen, die über den Hamburger Reporter Gerd Heidemann an den Stern gebracht wurden, Hitler verharmlost und die Vernichtung der Juden komplett ausgeklammert, sagt der Bissinger Experte. Er habe wohl einen privaten Hitler zeigen wollen.

Gegen eine Umdeutung Hitlers aus rechtsradikalen Motiven heraus spreche aber auch, dass Kujau diesen mit Passagen über Blähungen und Mundgeruch lächerlich gemacht habe.

Boger bewahrt in seinem 2017 eröffneten Bissinger Museum Kopien aller 60 Bände der Hitler-Tagebücher auf, die teilweise auch transkribiert sind. Die Originale sind nach wie vor beim Stern unter Verschluss. Eine kommentierte Online-Version aus verschiedenen Quellen hat jetzt der NDR ins Netz gestellt.

Auch die Bücher, die Kujau als Quellen für seine Fälschungen verwendete, zeigt Boger in seinem Museum in der Bahnhofstraße. Und er stellt fest: Kujaus NS-Literatur ende mit dem Jahr 1982. Danach habe sich der Fälscher ganz auf Kunstkopien verlegt.

 
 
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