Der Besigheimer Brite George Carter spricht übers EM-Achtelfinale Experte: „England hatte noch keinen richtig starken Gegner“

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Kapitän Harry Kane (vorne) ist der Lieblingsspieler von George Carter im englischen Team. ⇥ Foto: Justin Tallis/AFP

Der Brite George Carter steckt beim Achtelfinale gegen Deutschland im Zwiespalt der Gefühle. Der Besigheimer Trainer tippt auf einen Sieg der DFB-Elf.

George Carter gehört in der Region zu den größten Experten für den britischen Fußball. Der 59-jährige Trainer des A-Ligisten Spvgg Besigheim ist gebürtiger Engländer, lebt aber seit gut vier Jahrzehnten im Schwabenland. Beim EM-Achtelfinale an diesem Dienstag (18 Uhr) zwischen England und Deutschland schlagen jetzt zwei Herzen in seiner Brust. Im Interview spricht Carter über den Gewissenskonflikt sowie die Aussichten für beide Teams – und verrät, wie er gegen die DFB-Auswahl taktisch spielen würde, wenn er Englands Coach wäre.

Sie haben einen britischen und seit dem Brexit auch einen deutschen Pass. Welcher Mannschaft drücken Sie nun im Achtelfinale die Daumen?

George Carter: Da bin ich ziemlich neutral und überhaupt nicht fanatisch. Ich hoffe, dass wir alle ein gutes Spiel sehen werden. Der Bessere soll gewinnen. Wenn England verdient rausfliegen sollte, wäre ich also auch nicht traurig. Für den weiteren Turnierverlauf drücke ich dann auf jeden Fall dem Sieger die Daumen.

Wenn Sie in der Haut von Englands Coach Gareth Southgate stecken würden – welche Taktik würden Sie gegen die DFB-Elf wählen?

Ich würde etwas offensiver spielen und bereits nahe der Mittellinie mit dem Pressing beginnen, also schon dort versuchen, die Bälle zu erobern. Man darf sich nicht zu weit zurückfallen lassen. Denn wenn man die Deutschen spielen lässt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man ein Tor kassiert. Ansonsten würde ich auf Konter setzen – erstens, weil England mit Raheem Sterling vorne einen Mann hat, der unheimlich viel Tempo mitbringt. Und zweitens, weil die Deutschen bei Kontern anfällig sind. Schon gegen Ungarn haben sie da hinten nicht aufgepasst – und England hat noch eine wesentlich bessere Offensivabteilung als die Ungarn.

Wo sehen Sie die Stärken der „Three Lions“?

Das englische Team hat die Lufthoheit. Gerade bei den Standards sehe ich da Vorteile, sowohl hinten als auch vorne. Und in der Defensive lässt die Mannschaft nur wenig zu. Phillips und Rice sind beide sehr gute Sechser, die vor der Abwehr super arbeiten. Auch im Angriff hat England mit Kane, Sterling, Foden oder Rashford Potenzial ohne Ende. Nicht zu vergessen Sancho, der ebenfalls ein Riesenspieler ist und bisher leider noch nicht viel zeigen konnte. In der Vorrunde hat England immer zum richtigen Zeitpunkt vorne zugeschlagen. Auch das ist eine Qualität.

Welche Defizite fallen Ihnen ein?

Schwächen hat man bisher noch nicht wirklich sehen können. Gegen spielerisch starke Mannschaften wie Deutschland werden die nun aber sicher aufgedeckt. Ich vermute, dass die Hintermannschaft Probleme bekommt, wenn die Deutschen ihr flottes Pass­spiel aufziehen und über die Flügel kommen.

Wie beurteilen Sie die drei Auftritte der Engländer in der Gruppe D gegen Kroatien, Tschechien und Schottland?

Die Leistungen waren durchwachsen, spielerisch hat mich die Mannschaft noch nicht überzeugt. Unsere Gruppe war ja nicht sonderlich schwer, darum hatte England bisher leichtes Spiel. Das sieht man auch daran, dass wir im Turnier noch kein Gegentor bekommen haben. Wir hatten noch keinen richtig starken Gegner – so wie Deutschland es in seiner Gruppe mit Frankreich und Portugal hatte. Ein Pferd springt immer nur so hoch wie es muss.

Bundestrainer Jogi Löw und sein Team haben in der Vorrunde viel Kritik einstecken müssen, speziell nach dem Ungarn-Spiel. Zu Recht?

Das Frankreich-Spiel fand ich gar nicht so schlecht, die Kritik war da ungerechtfertigt. Gegen Portugal hat die Mannschaft ein starkes Spiel gezeigt. Auch gegen Ungarn hat sie Gas gegeben – trotz einiger Totalausfälle wie Leroy Sané. Aber man muss auch anerkennen, dass Ungarn das super gemacht hat. Das sind alles auch Profis, die wissen, was zu tun ist. Wenn der Gegner mit zehn Mann 20 Meter vor dem eigenen Tor steht, ist es brutal schwer, durchzukommen. Das weiß jeder, der mal Fußball gespielt hat, ganz egal ob in der Bundesliga oder in der Kreisliga.

Wer ist Ihr Lieblingsspieler im englischen Kader – und warum?

Ganz klar Harry Kane. Er ist ein Fußballer, der auf konstant hohem Niveau spielt, auch wenn er bei dieser EM noch kein Tor geschossen hat. Er bringt auch in der Liga seit Jahren immer seine Leistung und arbeitet viel für die Mannschaft. Er ist ein Führungsspieler und ein großer Sportsmann, von dem man auch nie Skandale hört.

Spielt der Heimvorteil der Briten im Wembley-Stadion eine Rolle?

Die Fans werden Englands zwölfter Mann sein, zumal Zuschauer aus Deutschland ja nicht erlaubt sind. Aber ich glaube nicht, dass der deutschen Mannschaft das etwas ausmacht. Die ist gewohnt, unter Druck zu spielen. Und dem Druck hat sie letztlich auch gegen Ungarn standgehalten.

Wo, wie und mit wem schauen Sie sich das K.o.-Duell an?

Zu Hause in Besigheim. Giuseppe Orefice, der unsere AH leitet – er ist Italiener –, und ein türkischer Arbeitskollege kommen vorbei. Wir werden Grillen, aber nichts Englisches, sondern eher etwas Italienisches. Und dann werden wir bei einem Bier oder einem Wein das Spiel gemeinsam genießen.

Ihr Tipp: Wie geht der Klassiker aus?

Ich sehe Deutschland im Vorteil und tippe auf ein 3:1. Die Deutschen sind schon unglaublich spielstark. Wenn die mal, wie gegen Portugal, ins Rollen kommen, wird es ganz schwer für England.

Zur Person: George Carter

George Carter hat seine Trainerkarriere einst bei der Spvgg Besigheim begonnen und will diese nach eigenen Worten auch in Besigheim beenden. Seit der Saison 2019/20 ist er wieder für die erste Mannschaft verantwortlich. Die Stationen dazwischen waren Viktoria Backnang, TSV Lomersheim, FV Löchgau, TV Pflugfelden und Croatia Bietigheim. Der heute 59-jährige technische Kaufmann spielte in der Jugend beim VfB Stuttgart und als Aktiver für Borussia Mönchengladbach, 07 Ludwigsburg sowie die Backnanger Klubs TSG und FC Viktoria. Carter wurde 1962 in Mönchengladbach als Sohn eines britischen Soldaten und einer Deutschen geboren, Die Kindheit verbrachte er in England, Zypern, den Niederlanden und Deutschland. Zwei seiner Schwestern leben heute noch auf der Insel: in der Stadt Stevenage zwischen Cambridge und London.

 
 
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