Der steigende Wassersport-Tourismus könnte zum Problem werden Kanu-Club bangt um die Enz

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So trainiert die Kanu-Jugend im Kanuverein der Stadt Bietigheim-Bissingen: dem Kanu-Club Bietigheim. Vor allem die Schulung des Nachwuchses liegt den Kleins am Herzen. ⇥ Foto: Klein

Der Kanuverein würde sich gern mit allen Nutzern der Enz zusammensetzen, um über eine Reglementierung des Wasser-Tourismus, Aufklärung und Umweltfragen zu sprechen.

In den Jahren 1998 und 2006 stand die Sperrung der Enz schon einmal im Raum“, sagen Laila und Jürgen Klein. Das von Wassersport- begeisterte Ehepaar, das die Posten der Pressewartin und des ersten Vorsitzenden im Kanuverein Kanu-Club Bietigheim besetzt, ist als Reaktion auf einen Zeitungsartikel auf die BZ zugekommen. Im den Artikel ging es um die Konkurrenz der Wassersportler, Kanuten und  Stand-Up-Paddler (SUP), und des Angelsportvereins Bietigheim (ASV) an der Enz, genauer im sogenannten „Distrikt 1“, also dem Bereich ab der Einstiegsstelle Enzsteg, unter dem Viadukt hindurch, bis nach Bissingen. Auch ging es um  die Zerstörung der Natur durch zu viel Betrieb auf dem Fluss.

Ein Kanuverein in Bietigheim

Dem Kanu-Club Bietigheim war wichtig klarzustellen, dass sie der einzige Kanuverein in der Stadt an Enz und Metter sind, „die übrigen Kanuten sind kommerzielle Unternehmen oder Privatpersonen“, sagt Jürgen Klein. Als es kritisch stand um den Wassersport an der Enz, einigte man sich auf eine freiwillige Reglementierung des Kanutourismus. Das habe so lange funktioniert, bis Jagst und Kocher für die Befahrung geschlossen wurden. „Dadurch gab es eine Konzentration auf die Enz und 2005 eskalierte es“, berichtet Jürgen Klein. Es sei ein runder Tisch mit allen Beteiligten, also den Vereinen (ASV, Kanu-Club), Vertretern der Anliegerstädte (unter anderem Bietigheim), den kommerziellen Anbietern (etwa den Zugvögeln) und dem Naturschutz gegeben, alles unter der Leitung des damaligen Landrats Dr. Rainer Haas, denn die Enz liegt im Zuständigkeitsbereich des Landratsamts Ludwigsburg. Das Ergebnis war eine Regelung des Gemeingebrauchs auf der Enz im Landkreis Ludwigsburg (die BZ berichtete). Ex-Landrat Haas habe dabei betont, die Verantwortung trage der Veranstalter und nicht, wer im Boot sitzte.

Übernutzung durch Pandemie

Und genau da sieht der Kanu-Club das Problem. Durch die Corona-Pandemie habe es sehr viel mehr Leute in die Natur und auf das Wasser getrieben. Einerseits werde sich viel Equipment ausgeliehen, andererseits werden etwa SUP-Boards bei Discountern verscherbelt. Diese Hobby-Wassersportler unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von den Mitgliedern des Kanu-Vereins, so Jürgen Klein: Ihnen fehle eine Unterweisung, wie man sich auf dem Wasser und in der Natur verhält. „Auf und an der Enz herrscht Partystimmung. Die Leute gehen in die Uferzonen, wo Fische laichen oder Vögel nisten. Sie kentern sich gegenseitig aus Spaß, steigen auf und ab. Sie halten sich an den Slalom-Stangen am Übungs-Parcours unseres Vereins fest und reißen sie ab. Auch bringen  sich unnötig in Gefahr, etwa an Wehren“, berichtet der Vorsitzende des Kanu-Clubs. „Das alles würde nicht passieren, wenn sie begleitet wären und eine ordentliche Einführung bekommen hätten“, so das Fazit des leidenschaftlichen Kanuten. Alkohol und Unwissen habe auf der Enz nichts zu suchen.

Dass die Angler fast vor dem Überkochen stünden und eine Sperrung der Enz wollen, versteht Jürgen Klein. Und doch möchte er eine Verschärfung der Nutzungsverordnung verhindern.

Das größte Problem sei auch der größte Unterschied zwischen kommerziellen Anbietern und Vereinsmitgliedern: Im Gegensatz zu Tageskunden, die zu Jungegesellenabschieden, Firmenausflügen oder zur einmaligen Freizeitbeschäftigung auf der Enz herumpaddeln, werde ein Vereinsmitglied geschult im Umgang mit Fluss und Natur. „Gerade in der Jugendarbeit“, so Klein.

Der Kanu-Club Bietigheim leiste jährlich nicht nur mehr als 3000 ehrenamtliche Trainerstunden, er sei auch Träger des Jugendförderpreises der Stadt Bietigheim. Und doch reißt im Gespräch mit der BZ eine alte Wunde auf: Im Imagefilm der Stadt, in dem für den 3B-Tourismus geworben wird, seien nur die Zugvögel als kommerzielle Anbieter von Wassersport zu sehen – kein Wort vom Kanuverein. Das habe den Kanu-Club hart getroffen.

Stadtsprecherin Anette Hochmuth erklärt auf Anfrage der BZ: „Es ist schlicht so, dass wir den kommerziellen Nutzer, den Gäste auch buchen können, gewählt haben. Wir haben keine Möglichkeit, alle bestehenden Angebote der Vereine zu zeigen – dazu ist die Vielfalt in unserer Stadt schlicht zu groß. Das hat nichts mit der Wertschätzung für die Vereine zu tun und das weiß der Kanu-Club auch“, so die Stadtsprecherin.

Kanutourismus steigt stetig

„Die Zugvögel schalten auch viel Werbung, was natürlich verständlich ist, jedoch ist die Enz eh schon so belastet“, so Jürgen Klein weiter. Der Vereinsvorsitzende befürchtet eine Schließung der Enz, „aber die Enz ist für uns das Trainingsmedium. Ohne sie geht im Kanu-Club Bietigheim nichts mehr“. Das Landratsamt (LRA) wiederum erklärt: „Das Kanu-, Boot- und Stand-Up-Paddling-Fahren auf der Enz komplett zu verbieten, haben wir bislang nicht in Erwägung gezogen. Gleichwohl sehen auch wir seit Beginn der Corona-Zeit eine verstärkte Freizeitnutzung im Außenbereich“, sagt LRA-Sprecher Dr. Andreas Fritz. Das LRA setze seit Bestehen der Enzverordnung auf Aufklärung und will das auch weiter so handhaben. „Wir hoffen, dass die Wassersportler sich an die Regelungen der Enzverordnung halten und das Verhängen von Bußgeldern oder gar eine komplette Sperrung der Enz für den Bootsverkehr und Wassersport nicht erforderlich werden.“ Sollte es jedoch tatsächlich zu solchen Maßnahmen kommen, so der Pressesprecher, beträfe das „alle Personen, die mit dem Boot auf die Enz wollen – egal, ob sie das privat, über einen Verein oder einen Kanuverleiher tun.“

Eine Weile gab es im LRA einen „Enzbeauftragten“, der das Gewässer kontrollierte. Aktuell sei die Stelle zwar nicht besetzt, aber „das Landratsamt führt in der Kanu-Saison von Mai bis September selbst Enzkontrollen durch und informiert dabei Kanu- und Bootsfahrer über die Verordnung und naturverträgliches Bootfahren“, sagt Fritz. Auch der Kontakt zu den Kanuanbietern und -verleihern sei da, „die uns Rückmeldung geben und die ihrerseits ihre Kunden über die Enzverordnung unterrichten.“

Der Bietigheimer Kanuverein und der Angelsportverein hätten sich bereits zusammengesetzt, nun bestehe noch Klärungsbedarf mit den Kanuverleihen, so der Kanu-Club. Einen runden Tisch, wie bereits 1998 und 2005, würden sich die Vereine wünschen.

 
 
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