Freudental/Markgröningen Identifikation mit einem gleichaltrigen Juden

Von Gabriele Szczegulski
Lehrerin Adrienne Pudell hängte am Donnerstag die Werke ihrer Klasse auf. In der Hand hält sie zwei Radierungen, die die Gefühle des Jugendlichen Adolf Herrmann visualisieren, hinter ihr die Linoldrucke, die sich mit dessen Biografie auseinandersetzen.Fotos: Martin Kalb Foto:  

Zehntklässler des Helene-Lange-Gymnasiums Markgröningen haben aus der Biografie Adolf Herrmanns Kunst gemacht und zeigen sie im PKC.

Adolf Herrmann, ein Freudentaler Jude, war 16 Jahre alt, als er sich im April 1939 auf den Weg durch halb Europa machte, um vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Am 9. April 1939 überquerte er im belgischen Eupen die Grenze, darauf folgte eine Odyssee durch Belgien und Frankreich, die mit dem Tod im Konzentrationslager Auschwitz endete. Adolf Herrmann ist schüchtern, zurückhaltend, wenig selbstbewusst als Junge vom Land, Bauernsohn und Jude. Er kann keine Fremdsprachen. Er weiß um die Gefahr des Nationalsozialismus. Sein jüdischer Lehrer, Simon Meißner, drängte seine Eltern dazu, den Jungen vorab auf die Flucht zu schicken, da die Herrmanns selbst noch nicht fliehen wollten.

Kein Jugendlicher sollte dieses Schicksal erleben müssen

Adolf Herrmann musste erleben, was kein Jugendlicher erleben sollte. Als sich gleichaltrige Schüler und Schülerinnen des Helene-Lange-Gymnasiums Markgröningen mit seiner Biografie beschäftigen, herrscht Sprachlosigkeit und Entsetzen, sagt ihre Kunstlehrerin Adrienne Pudell.

Dennoch scheuen sich die 26 Schülerinnen und ein Schüler nicht, sich auf die Tiefen der Biografie einzulassen. Grund ist eine Kooperation mit dem Pädagogisch Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental (PKC). Ziel ist es, das Leben des Juden in Kunstwerken zu visualisieren. In einer Ausstellung in der ehemaligen Synagoge werden die Arbeiten ab Sonntag präsentiert.

Die Kooperation des PKC mit dem Markgröninger Gymnasium beinhaltete neben einem viertägigen Workshop in der Synagoge die Arbeit mit zwei Studenten des Animationsinstituts der Filmakademie Ludwigsburg, Elias Weinberger und Benjamin Wahl. Die beiden lehrten die Schüler, wie man aus Fakten Geschichten erzählt, wie man einen erzählenden Bildaufbau komponiert. Die Jugendlichen machten Kompositionsübungen und setzten sich inhaltlich mit Adolf Herrmanns Biografie auseinander.

Es entstanden zwei Gruppen: Die Hälfte der Schülerinnen visualisierte die Fakten der Biografie in Linolschnitt, während die andere Hälfte sich mit den Gefühlen des 16-jährigen Juden per Radierung auseinandersetzte. Eindrucksvolle Zeugnisse sind entstanden, denen anzusehen ist, wie beeindruckt, erschrocken und schockiert die Jugendlichen waren.

Die Biografen bekamen Daten aus dem Leben Adolf Herrmanns. Beispielsweise das seiner beiden Todesurkunden. Die eine besagte, dass er auf der Flucht erschossen wurde, die andere, dass er „eines plötzlichen Herztods“ erlegen sei. Es stimmt letztere, wobei der Herztod in Auschwitz durch eine Giftspritze ausgelöst wurde. Beide Tode stellte eine Schülerin nebeneinander, um die Absurdität der Dokumente darzustellen.

Auch der Ausschluss der Juden von dem Unterricht der im Freudentaler Rathaus untergebrachten Volksschule ist ein bemerkenswertes Datum im Leben von Adolf Herrmann, genauso wie die Ausräumung der Synagoge vor der Reichspogromnacht, bei der er helfen musste.

Gefühle, mit denenAdolf Herrmann konfrontiert war

Angst, Einsamkeit, Furcht vor der Großstadt, vor vielen Menschen, Sorge, dass die Eltern ermordet werden – all dies, so haben die Markgröninger Jugendlichen herauskristallisiert – waren Gefühle, mit denen Adolf Herrmann konfrontiert war. Mehrmals versuchte er, ein rettendes Schiff in die USA zu erreichen. In Belgien kam ihm die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht dazwischen, in Südfrankreich, dass kein Schiff mehr fuhr. Und so wurde er festgenommen und musste wieder quer durch Europa, dem sicheren Tod entgegen. 1942 wurde er in Auschwitz ermordet. Da lebten seine Eltern noch, sie kamen 1944 kurz vor der Befreiung im Lager Birkenau ums Leben.

Die Ausstellung mit den Schwarz-weiß-Drucken der Gymnasiasten ist beeindruckend. Jedem einzelnen Kunstwerk merkt man die Betroffenheit seines Erschaffers an, die Identifikation mit dem Leben des Gleichaltrigen, der vor mehr als 80 Jahren ein schreckliches Schicksal erleben musste, ist spürbar.

 
 
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