Fußball-WM So kommentieren Trainer aus der Region den deutschen Kader

Von Andreas Eberle
Der einstige Kapitän wird nicht mehr gebraucht: Im deutschen WM-Aufgebot fehlt der Name Mats Hummels. Foto: dpa/Christian Charisius

Bei einer BZ-Umfrage unter vier Übungsleitern aus der Region erhält Bundestrainer Hansi Flick viel Zustimmung für seinen Kader. An der Personalie Mats Hummels scheiden sich die Geister. Holger Ludwig (SV Germania Bietigheim), Siegfried Blum (SGM Sachsenheim), Daniel Klingler (TSV Bönnigheim) und Marcus Wenninger (GSV Pleidelsheim) nehmen Stellung.

Seit Donnerstag steht das deutsche Aufgebot für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar fest. Die BZ hat vier Übungsleiter aus der Region nach ihrer Einschätzung zur Nominierung gefragt. Die Zustimmung ist groß. Den größten Widerspruch erntet Bundestrainer Hansi Flick bei der Personalie Mats Hummels.

„Die ganz großen Überraschungen sind ausgeblieben. Wir haben eine schlagkräftige Truppe, vor allem in der Offensive“, fasst Holger Ludwig die Flick’sche Nominierung zusammen. Der Trainer des Landesligisten SV Germania Bietigheim freut sich, dass die starken Leistungen von Frankfurts Mario Götze und Bremens Torjäger Niclas Füllkrug nun mit einem Katar-Ticket belohnt wurden. Dagegen kommt die Berufung des 17-jährigen Dortmunders Youssoufa Moukoko für seinem Geschmack noch etwas zu früh.

Sorgen macht sich Ludwig um die Stabilität in der Defensive – gerade bei den Duellen gegen Topteams wie Spanien oder Mannschaften, die sich hinten einigeln und dann mit überfallartigen Attacken zum Erfolg kommen wollen. Daher hätte es der 40-jährige Realschullehrer aus Höpfigheim gern gesehen, wenn Routinier Hummels berücksichtigt worden wäre. „Ihn hätte ich mitgenommen. Es sollten immer die Besten spielen – und dazu gehört Mats Hummels mit seinen in dieser Saison gezeigten Leistungen“, sagt Ludwig. Flicks perspektivische Beweggründe kann der Germania-Coach nicht nachvollziehen: „Es bringt nichts, bei so einem Turnier einen jungen Spieler nur mal so reinschnuppern zu lassen, der aber der Mannschaft noch gar nicht helfen kann. Da würde ich einen potenziellen Leistungsträger vorziehen.“

Auch Siegfried Blum vom A3-Ligisten SGM Sachsenheim bedauer, dass Flick bei der WM auf Hummels verzichtet. „Mit seiner Erfahrung und seiner Ruhe hätte er einen positiven Einfluss auf das Team nehmen können – zum einen in den hektischen Phasen eines Spiels und zum anderen bei internen Spannungen, etwa wenn einzelne Spieler nur wenig Einsatzzeit bekommen.“

Voll auf Linie mit dem Bundestrainer ist Blum bei der Personalie Füllkrug – „zumal auf dieser Position so gut wie keine Alternativen vorhanden sind“. Allerdings bezweifelt der 54-jährige Kleinglattbacher, dass der formstarke Angreifer in Katar eine große Rolle spielen wird: „Technisch ist er nicht so stark, sodass er sich mit dem Tiki-Taka-Fußball der Nationalmannschaft mit den vielen schnellen Ballkontakten schwer tun wird. Als Stoßstürmer, der bei einem Rückstand eingewechselt wird, kann er aber wertvoll sein.“ Eine Berufung des Freiburgers Nils Petersen hätte sich Blum wegen dessen Torriechers ebenfalls gut vorstellen können: „Er hat national und international bewiesen, dass ihm wenig Zeit auf dem Feld reicht, um zu treffen.“

 Für Daniel Klingler war die Nominierung der Neulinge Moukoko und Füllkrug „eine kleine Überraschung“. Der Spielertrainer des B-Ligisten TSV Bönnigheim hält beide Entscheidungen für schlüssig. Und für gute Schachzüge. „Füllkrug ist eine klassische Neun und erweitert die taktischen Optionen. Und Moukoko traue ich zu, dass er als Ersatzspieler frische Impulse bringt und mit seinen 17 Jahren vielleicht sogar gleich das eine oder andere WM-Tor schießt. Schon in Dortmund hat er gezeigt, welche außergewöhnlichen Fähigkeiten er hat.“

Die „größte Überraschung“ sei für ihn die Ausbootung von Abwehrmann Hummels gewesen. Wie seine Trainer-Kollegen Ludwig und Blum hält auch er diese Entscheidung für einen Fehler. „Er hat in dieser Saison beim BVB stabil seine Leistung gebracht und wäre für mich gesetzt. Zumal der Rest der Innenverteidigung immer für den einen oder anderen Aussetzer gut ist.“

Verständnis hat Klingler dafür, dass der aus Bietigheim-Bissingen stammende Bernd Leno vom FC Fulham nach vielen Jahren im DFB-Tross nun nicht mehr zum Aufgebot zählt. Wie Flick sieht auch der 32-jährige Tammer die Rivalen Manuel Neuer, Kevin Trapp und Marc-André ter Stegen klar im Vorteil. „Dieses Trio war in den letzten drei Jahren einfach viel konstanter, während Leno bei Arsenal von einem ,No Name’ auf die Bank verdrängt wurde und sogar den Verein wechseln musste.“ An einen vierten Keeper hätte auch Klingler keinen Kaderplatz vergeudet: „Eine weitere Alternative fürs Feld ist wichtiger.“

Marcus Wenninger ist der einzige Übungsleiter, der Flick in der Causa Hummels den Rücken stärkt. „Er ist ohne Frage ein großartiger Fußballer, der immer noch viel Qualität hat. Doch irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem man sich neu orientieren und perspektivisch denken muss. In der Defensive gibt es auch ohne Hummels genügend Möglichkeiten“, sagt der Coach des Bezirksligisten GSV Pleidelsheim, der zu seiner aktiven Zeit selbst als Innenverteidiger auflief. Von der Nominierung der Jungspunde ist Wenninger angetan: „Die Mischung stimmt. Ich finde es gut, dass der eine oder andere junge Spieler dabei ist. Mit Mut hat das gar nichts zu tun, denn letztlich steht Leistung hinter jeder einzelnen Berufung.“

Der 50-jährige Freiberger hätte nach eigenem Bekunden das Meiste genauso gemacht wie Flick. Die im Ausland spielenden Profis wie zum Beispiel Armel Bella-Kotchap (FC Southampton) habe er selbst zwar nicht so sehr auf dem Schirm. „Die Verantwortlichen beim DFB haben da aber den besseren Einblick. Sie haben die Spieler und ihre Entwicklung sicher über lange Zeit beobachtet“, stellt Wenninger fest. Sein Fazit: „Mit dem jetzigen Kader kann ich sehr gut leben. Ich bin positiv gestimmt, was das deutsche Abschneiden anbelangt.“

 
 
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