Interview zur Medienkompetenz der Lehrer „Mediale Steinzeit in vielen Schulen“

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Thomas Knaus ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und Experte für Medienpädagogik. ⇥ Foto: FTzM

Dass die Digitalkompetenz der Lehrer niedrig ist, überrascht den PH-Professor Thomas Knaus nicht. In der Pädagogen-Ausbildung sei oft zu wenig Zeit dafür weil der politische Wille dazu bislang fehlte.

Ein Teil der Umfrage BaWüCheck der Tageszeitungen (Infokasten) befasst sich mit der Digitalkompetenz der Lehrer. Bei der Frage: „Glauben Sie, dass Lehrer für den digitalen Unterricht ausreichend ausgebildet und geschult sind, oder glauben Sie das nicht?“ haben mehr als zwei Drittel der Einwohner und mehr als zwei Drittel der befragtem Eltern geantwortet: „Nein, glaube das nicht“. Über die Medienkompetenz der Lehrer hat die BZ mit Thomas Knaus gesprochen. Er ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienpädagogik und Leiter der Abteilung Medienpädagogik an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg.

Herr Professor Knaus, haben die Hochschulen da etwas verschlafen in der Entwicklung der Medienkompetenz?

Thomas Knaus: Ja, definitiv. Aber das wissen wir nicht erst seit heute. Wir haben erhoben, dass an lediglich 51 der 426 deutschen Hochschulen medienpädagogische Kenntnisse erworben werden können. Erklärungen der Kultusministerkonferenz forderten bereits in 2012 und 2016 eine umfänglichere Berücksichtigung der Medienbildung im deutschen Bildungssystem. Aber wie bei vielen anderen gesellschaftlichen Problemen, wie etwa der unfairen Entlohnung im Pflege- und Gesundheitssystem, der Massentierhaltung und prekären Arbeitsverhältnissen, zeigt erst eine Pandemie, wie weit Soll- und Istzustand auseinanderdriften.

Woran liegt es, dass die Medienkompetenz der Lehrer so schwach ausgebildet ist beziehungsweise als so schwach wahrgenommen wird?

Hier zeigt sich ein ähnliches Problem wie insgesamt im Bildungsbereich: Die Curricula in Schule und in der Lehrerbildung sind sehr umfänglich. Die Gesellschaft erwartet viel von ihren Kindern und auch von denjenigen, die den Nachwuchs qualifizieren und ihm ein gutes Vorbild sein sollen.

Es herrscht aber nicht nur Einigkeit in der Frage, was ein Mensch wissen und können muss und was in Anbetracht übervoller Stundenpläne hinten herunterfallen muss – und in der Lehrerbildung ist es genauso. Für mich ist Medienkompetenz ein Bildungsziel für alle Menschen.

Lehrerinnen und Lehrer sollten überdies über mediendidaktische Fertigkeiten und die so genannte medienpädagogische Kompetenz verfügen – das ist die Kompetenz, die Lehrende benötigen, um die Medienkompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler zu fördern. Letztlich ist es eine politische Entscheidung der Länder, welcher Stellenwert dem Medienkompetenzerwerb in den Stundenplänen der Schulen und Hochschulen zugebilligt wird.

Was ist digitaler Unterricht?

Die Bezeichnung „digitaler Unterricht“ ist meines Erachtens irreführend. Streng genommen gibt es „digitalen Unterricht“ nicht – genauso wie es auch keine „digitale Bildung“ gibt. Eindeutiger wäre „Homeschooling“ oder noch präziser „Notfall-Unterricht“ oder auch Emergency Remote Teaching.

Reicht es Aufgaben per E-Mail zu verschicken oder muss das der interaktive Livestream sein?

Was genügt und sinnvoll ist, hängt von der Zielgruppe ab: In der Oberstufe oder an der Hochschule kann die Mail durchaus ein geeignetes Medium sein, denn von älteren Schülern und Studierenden können Lehrende eine gewisse Selbständigkeit erwarten. Wobei mir persönlich das als nicht ausreichend erscheint, weswegen ich mich mit meinen Studierenden in regelmäßigen Abständen zu Austauschsitzungen per Video-Konferenz treffe und da sogar mit Gruppen von 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und Seminaren mit hohem Forschungsbezug recht gute Erfahrungen machte. Denn unabhängig von der Zielgruppe gilt: Viel wesentlicher als die Technik ist eine gut durchdachte didaktische Planung.

Worauf kommt es also beim Homeschooling an?

In der Grundschule benötigen die Kinder aber viel umfänglichere Unterstützung und Begleitung. Was im Lockdown im Frühjahr auch zu einem deutlichen sozialen Ungleichgewicht führte: Eltern im Home-Office hatten es zwar mit ihrer Doppelbelastung nicht leicht, aber sie konnten ihre Kinder besser unterstützen als Eltern oder sogar Alleinerziehende, die in so genannten „systemrelevanten“ Berufen tätig sind. Hier wird deutlich, dass Schule nicht nur qualifizieren soll, sondern auch ein Garant für Bildungsgerechtigkeit ist. Just aber diese wichtige Funktion kam im Lockdown oft zu kurz.

Ihre Kollegin Frau Professor Christine Bescherer sagte in einem Interview, dass es an der PH zwar Angebote für digitale Lehrmittel gebe, diese aber schlecht angenommen würden.  Die angehenden Lehrer sehen Tablet und Co. eher als Freizeitmittel.

Hier gibt es in der Tat noch viel zu tun: Während Kinder- und Jugendliche digitale Medien längst als Lernmedium nutzen, sich etwa bei YouTube bei den Mathematikhausaufgaben helfen lassen oder zum Erlernen besonderer Skills Tutorials nutzen, haben bisher noch nicht so viele Lehrerinnen und Lehrer das Tablet als sinnvolles Lehr- und Arbeitsgerät entdeckt. Dabei gibt es so viele Möglichkeiten. Und zwar nicht nur, wenn Lehrende das Tablet als Lehrmedium nutzen, sondern vor allem dann, wenn auch Schülerinnen und Schüler mit Tablets im Unterricht arbeiten können.

Die Nutzung der Lehrenden ist dafür aber der Eisbrecher. Hier hilft es, Lehrerinnen und Lehrer unkompliziert Tablets zur Verfügung zu stellen und bei den ersten Schritten damit zu unterstützen. Wir haben damit in Schulprojekten in Frankfurt und in Stuttgart sehr gute Erfahrungen gemacht: Wichtig ist der erste Impuls und die gezielte Unterstützung.

Welche Rolle spielt dabei die Ausstattung der Schulen?

Eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das zeigte sich auch ganz deutlich noch einmal während der pandemiebedingten Schulschließungen: Schulen, deren Schulträger sich schon lange mit guter Ausstattung, Vernetzung und technischer sowie pädagogisch-didaktischer Unterstützung ihrer Schulen befassten und etwa über Lernplattformen verfügen, wie beispielsweise Frankfurt oder Bremen, fiel der Notfall-Unterricht deutlich leichter.

Beißt sich das nicht mit dem Ausbildungsangebot an den Hochschulen?

Nicht unbedingt. Denn beispielsweise bei uns an der PH Ludwigsburg studieren angehende Lehrerinnen und Lehrer Medienpädagogik als Pflichtfach und haben im Rahmen ihres Studiums viele Möglichkeiten, sich auf einen Unterricht mit und über Medien vorzubereiten. Leider nutzen nicht alle das Angebot. Spätestens aber wenn sie in der Schule ankommen, beginnt für die meisten unserer Absolventen die mediale Steinzeit: Mit einem Overheadprojektor und einen defekten Videowagen lassen sich die im Studium kennengelernten medienbasierten Unterrichtskonzepte nicht umsetzen.

 Aber es gibt sicher auch Lehrer, die die fehlende Ausstattung versuchen wettzumachen?

Freilich gilt der Vorwurf der  medialen Steinzeit nicht für alle Schulen, aber leider für das Gros. Und viele kreative Lehrerinnen und Lehrer helfen sich selbst – wie auch während des Notfall-Unterrichts. Dieses Engagement ist sehr zu begrüßen. Etwas merkwürdig ist es aber schon, dass Lehrende von Seiten der Länder und Schulträger nicht besser ausgestattet und unterstützt werden. Es wäre etwa so, wenn ein angestellter Facharbeiter seine Drehmaschine morgens mit zur Arbeit nähme.

 Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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