Jahresgespräch in Markgröningen „Die Krisen belasten extrem“

Von Bigna Fink
Jens Hübner ist seit Mitte Mai Bürgermeister von Markgröningen. Er liebt die Historie der Stadt, die alten Gebäude und den Marktplatz. Für 2023 erhofft er sich ein Ende des Krisenmodus. Foto: /Oliver Bürkle

Die Themen Energie, Flüchtlinge, Verkehr und Kinderbetreuung fordern den neuen Bürgermeister Jens Hübner enorm. Sein absolutes Jahreshighlight war der Schäferlauf.

Das erste halbe Jahr in meinem neuen Amt war davon geprägt, die Strukturen, Einrichtungen und das Personal der Stadt kennenzulernen“, sagt Jens Hübner, der Mitte Mai vergangenen Jahres nach einem überragenden Wahlsieg seine Arbeit als Bürgermeister von Markgröningen begonnen hat. „Wir haben sehr viele Gebäude, über 80 Liegenschaften und insgesamt knapp 320 Menschen, die für die Stadt arbeiten.“ Er könne nur beurteilen, ob etwas geändert werden müsse, wenn er die Dinge zuvor angeschaut habe, sagt der neue Schultes, der zuvor Kämmerer in Oberriexingen war. „Jedes Rathaus tickt anders.“

Das Resümee des 37-Jährigen über das Jahr 2022 und seine ersten sieben Monate als Rathauschef fällt gespalten aus. „Ich bin hier ganz herzlich empfangen worden. Wir haben ein super Team mit hoher Motivation und einer guter Kombination aus jungen und sehr erfahrenen Mitarbeitern“, schwärmt der Verwaltungsfachwirt und freut sich über die vielen Gestaltungsmöglichkeiten in der Schäferlaufstadt mit über 12 000 Einwohnern.

Missliche Betreuungslage

„Richtig schwierig“ waren aber für Hübner mit der Energie- und Flüchtlingskrise die ersten Monate und ist auch die jetzige Situation: „Diese Themen binden um die 20 Prozent unserer zeitlichen und finanziellen Kapazitäten.“

Ein „Riesenproblem“ sei außerdem die Betreuungslage für Kinder in Markgröningen, die er in Kombination mit den explodierenden Baukosten zu einer der größten Herausforderung für 2022 wie für die Folgejahre zählt.

„Wir haben viel zu wenig Betreuungsplätze im Kindergartenbereich“, bringt das SPD-Mitglied die Mangellage auf den Punkt. Die Warteliste, vor allem die für unter Dreijährige, sei so groß, dass Kinder in Markgröningen trotz des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz ab einem Jahr monatelang, teilweise bis zu einem Jahr, darauf warten müssten. „Die Betreuung nicht gewährleisten zu können ist eine Katastrophe.“ Er könne als Vater dreier Kinder die schwierige Situation der Familien sehr gut nachvollziehen. Nicht fehlendes Erziehungspersonal, sondern zu wenige Einrichtungen seien das Problem.

Im Nonnenpfad in Unterriexingen wird momentan eine neue Einrichtung gebaut. Das werde für den Stadtteil eine gewisse Entlastung bringen, so Hübner. Im Dezember wurde dort bereits eine Naturkita eröffnet. „Wir werden 2023 die notwendigen Beschlüsse für den Bau mindestens einer neuen Einrichtung fassen“, stellt der Bürgermeister klar und will so schnell wie möglich für deren Fertigstellung sorgen.

Leider sei derzeit eine „ganz ungünstige Zeit zu bauen“, meint der Finanzfachmann, dessen Leidenschaft auch privat Bauprojekte sind: „Bauen ist durch den Handwerkermangel und die Energiekrise gerade unfassbar teuer. Wir haben Preissteigungen in den letzten eineinhalb Jahren von 40 Prozent.“ Das habe Auswirkungen auf alle Bauprojekte der Stadt, wie etwa die Landern-Grundschule, die dringend saniert oder neu gebaut werden müsste.

Trassierung für die Stadtbahn

Guter Dinge ist Jens Hübner, dass es 2023 innerhalb des Zweckverbands Stadtbahn im Landkreis Ludwigsburg „richtig voran geht“ und die zu reaktivierende Bahn ab 2028 von Markröningen über Möglingen nach Ludwigsburg fährt. Im neuen Jahr soll es um die Trassierung in Markgröningen gehen und wie sie mit dem bestehenden Individualverkehr kombinierbar ist. „2023 werden die weiteren Planungsleistungen ausgeschrieben und dann kommen die Detailplanungen“, stellt Hübner in Aussicht.

Der Verkehr in Markgröningen stellt für Hübner ein „riesen Thema“ dar. Die Kleinstadt verzeichne ein enormes Aufkommen an Autos und Schwerlastverkehr. „Es gibt Tageszeiten, da sollte man nicht durch Markgröningen fahren“, betont er und fügt hinzu: „Wir müssen die Leute mehr für das Fahrrad und den ÖPNV begeistern.“ So soll 2023 der Radwegeausbau im Stadtgebiet vorangetrieben werden. 2022 wurde beschlossen, dass von Unterriexingen kommend nach Markgröningen im Bereich des Wasserturms ein neuer Radweg entstehen soll.

Unterbringung von Flüchtlingen

„Sehr eingenommen zeitlich und personell“ haben den Bürgermeister und sein Team die Flüchtlingsunterbringung. So seien aktuell 350 Geflüchtete verschiedenster Herkünfte in der Stadt untergebracht, in zwei Flüchtlingsunterkünften, drei Containerstandorten und in zahlreichen von der Stadt angemieteten Wohnungen. Die Landeserstaufnahmestellen seien aktuell voll, die Unterbringungsmöglichkeiten in Markgröningen würden immer knapper. „Wir haben keinen vernünftigen Vorlauf, um auf die Zuteilung von Flüchtlingen zu reagieren“, moniert der Schultes. „Bei der Unterbringung der Menschen fühlen wir uns vom Land und Bund zu wenig informiert und relativ alleingelassen.“

Kalte Duschen, Stadtbad zu

Im Zuge der Energiekrise durch den Ukraine-Krieg hatte sich die Stadtverwaltung für strenge Sparmaßnahmen entschlossen. So wurde das Stadtbad von Dezember bis Ende Februar geschlossen. „Das alte Bad ist energetisch eine Vollkatastrophe, braucht unfassbar viel Energie,“ so Hübner. Im Rathaus fließt nur noch kaltes Wasser, die Temperatur in den Räumen übersteigt nicht mehr die 19 Grad. Das Büro des Rathauschefs hat am Morgen des Gesprächs gar 15,2 Grad. Die Straßenbeleuchtung wurde mit kürzeren Leuchtzeiten optimiert, in den Sporthallen kann man nur noch kalt duschen.

Weichen für die Zukunft stellen

Zu den großen Plänen im neuen Jahr zählen für Hübner vor allem mehr Plätze für die Kinderbetreuung zu schaffen und insgesamt mit Hilfe des Stadtentwicklungskonzeptes und der Flächennutzungsplanung die Weichen für die Zukunft der Stadt zu stellen.

„Sehr dankbar“ ist der neue Bürgermeister „für das umfassende Stadtentwicklungskonzept in Markgröningen“, das 2023 unter großer Bürgerbeteiligung starten soll. Die Hauptfragen sind dabei laut Hübner: „Wie soll sich Markgröningen in den nächsten 15 Jahren entwickeln und welche Bereiche sollen priorisiert werden?“ Es soll für die Bürger Fragebögen geben, Präsenzveranstaltungen mit Workshops und ein digitales Format.

Feierlicher Ausnahmezustand

„Ein absolutes Highlight 2022 war, dass wir nach zwei Jahren Corona-Pause den Schäferlauf in der Stadt feiern konnten“, findet Hübner. „Die Stimmung an den vier Tagen war phänomenal, trotz bescheidenem Wetter am Freitag und Samstag.“ Jens Hübner kennt das berühmte Fest seit seiner Kindheit. Er lebt seit je her im Strohgäu, ist in Markgröningen zur Schule gegangen. Es sei für ihn „total surreal“ gewesen, im Festzug von der Kutsche aus den Leuten zuzuwinken und beklatscht und bewunken zu werden, und das nach drei Monaten im Amt, erzählt er und lacht.

Für 2023 wünscht sich der Markgröninger Bürgermeister, „dass der Krisenmodus in absehbarer Zeit endet und dass die Leute gesund und einigermaßen zuversichtlich bleiben.“

 
 
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