"Das Netz" in Bietigheim-Bissingen Jugendförderung in Corona-Zeiten

Von Heidi Vogelhuber
Training der Zirkusgruppe Halli Galli Picadelli. ⇥ Foto: Martin Kalb

Während des Lockdowns hielt „Das Netz“ sowie die Schulsozialarbeit mit Online-Angeboten den Kontakt zu den Jugendlichen aufrecht. Nun können auch wieder einige Präsenzveranstaltungen stattfinden.

Noch nie war die Jugendarbeit so wichtig wie während der Corona-Pandemie, allem voran während des Lockdowns. Das ist das Fazit des Jahresberichts der Jugendförderung Bietigheim-Bissingen „Das Netz“, den Leiter Harald Finkbeiner-Loreth am Dienstagabend im Jugendausschuss vorstellte, der im Kronenzentrum tagte.

Ein „ereignisreiches und arbeitsintensives Jahr“ sei es gewesen, das nur in guter Teamarbeit zu stemmen war. Zwei Mitarbeiterinnen aus der Mobilen Jugendarbeit sowie aus der Schulsozialarbeit seien gegangen, die Neubesetzung habe aber reibungslos geklappt. Maria Gervasio aus der Offenen Jugendarbeit hat die Leitung des Jugendhauses 4D übernommen.

Die Mobile Jugendarbeit habe größtenteils telefonisch oder digital stattgefunden. Im Mai wurden die Pandemie-Bedingungen etwas gelockert. Ein neues Projekt entstand, wie Harald Finkbeiner-Loreth den Ausschussmitgliedern berichtete. „Meet & Chill“ im Bürgergarten lud zum lockeren Austausch und zu Outdoor-Spielen ein. Aus der Aktion ergaben sich Beratungen, die sich oftmals um die Themen Jobsuche, Suche nach einem passenden Ausbildungsplatz sowie Wohnungssuche drehten. Insgesamt haben 79 Jugendliche und junge Menschen unterschiedlichen Geschlechts im Alter zwischen 14 und 27 Jahren den Kontakt zur Mobilen Jugendarbeit gesucht.

„Walk and Talk“ kam an

Während der Pandemie hätten sich die Beratungsspaziergänge „Walk and Talk“ etabliert. An der frischen Luft konnten Probleme der jungen Menschen besprochen werden – und davon gab es reichlich, so der „Das Netz“-Leiter. Kontaktverlust, fehlende Perspektive (auch beruflich), Probleme bei der Identitätsfindung wegen fehlenden Kontakten zu Gleichaltrigen, zum Teil war es aber auch die häusliche Situation, die den Jugendlichen zu schaffen machte. Viele fühlten sich einsam, missverstanden, im Stich gelassen. Mit der fehlenden Tagesstruktur wurde auch die Bewältigung des Alltags und der schulischen Herausforderungen immer schwieriger. Dies bestätigte auch Frank Schneider von der Schulsozialarbeit.

Die Schulsozialarbeiter hätten proaktiv gearbeitet, sich schnell digitalisiert, um den Kontakt zu den Jugendlichen, aber auch den Eltern zu halten. Die Folgen der Isolation waren und sind gravierend, sagten sowohl Finkbeiner-Loreth als auch Schneider, der von Ängsten, Antriebslosigkeit, depressiven Verstimmungen, ja sogar Suizidgedanken der jungen Menschen berichtete. „Therapeuten sind derzeit schwer zu finden. Kinder- und Jugendpsychiatrien sind über Jahre ausgebucht“, so Finkbeiner-Loreth. Und doch sei es gelungen, einige Jugendliche in Therapien zu vermitteln. Schneider bereitet auch eine häufig festgestellte Sozialphobie Sorgen.

Eifersucht auf Freundschaften

Andersherum sei im Kinderbereich oftmals Aufmerksamkeitssucht festzustellen gewesen, die Kinder klammern mehr, unter Freunden gebe es öfters Eifersucht auf die Freundschaft zu anderen. „Der lange Lockdown hinterließ Spuren auf den Seelen der Kinder“, sagte Schneider. Ebenso sei Schulangst ein Thema: Kinder wollen aufgrund der langen Zeit des Fernunterrichts nicht mehr in die Schule, entwickeln somatische Störungen wie nicht zuordnebare Schmerzen, wenn sie im Klassenzimmer unter anderen sind. „In der Nacharbeit des Lockdowns wird viel zu tun sein, um Ängste abzubauen“, so Schneider.

Derzeit gebe es wieder mehr Präsenzangebote wie Breakdance, Boxen, Mädchentheater sowie die Zirkusgruppe. Obwohl die Online-Angebote (siehe Infobox) wichtig waren, um den Kontakt zu den Jugendlichen während des Lockdowns zu halten, „können sie das Präsenz-Angebot nicht ersetzen“, ist Finkbeiner-Loreth überzeugt. Nun seien die Jugendlichen froh, wieder vor Ort sein zu können, „sie wollen nichts groß planen, einfach nur da sein und die Gemeinschaft genießen.“

 
 
- Anzeige -