Justizvollzugsanstalt Hohenasperg: Alltag hinter Gittern Wenn der Seelsorger den Besuch der Familie ersetzt

Von
Pastoralreferent Harald Prießnitz arbeitet seit 2018 als Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Hohenasperg.⇥ Foto: Helmut Pangerl

Wie sich die Kontaktsperren auf den Alltag der Justizvollzugsanstalt Hohenasperg  auswirken, berichtet Seelsorger Harald Prienitz.

In der Justizvollzugsanstalt Hohenasperg leben rund 220 Inhaftierte. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie dürfen sie keine privaten Besuche mehr empfangen. Die BZ hat mit dem katholischen Gefängnisseelsorger Harald Prießnitz über die Einschränkungen und den Alltag hinter Gittern gesprochen.

Herr Prießnitz, welche Gefangenen sind auf dem Hohenasperg untergebracht?

Harald Prießnitz: Das Krankenhaus ist für alle inhaftierten Menschen zuständig. Es gibt auch einen großen psychiatrischen Bereich. Außerdem gibt es die sozialtherapeutische Anstalt, deren Probanden aufgrund schwerer Straftaten im Gewalt- oder Sexualbereich mehrjährige Therapien machen. Unter den Inhaftierten gibt es Junge bis Hochbetagte. Was die Straftaten angeht, so sind alle möglichen vertreten, die man sich vorstellen kann.

Zurzeit dürfen die Häftlinge keine Besuche empfangen?

Angehörige oder sonstige Menschen von außerhalb dürfen gerade nicht in die Anstalt kommen. Das einzige, was bleibt, sind Telefonate und Briefe.

Sie bieten Gesprächsgruppen an, worum geht es da?

Es gibt unterschiedliche Gruppen, Bei einer diskutieren wir aktuelle Themen. In einer anderen geht es darum, sich kennenzulernen. Bei den Treffen werden auch Fragen zur jetzigen Situation gestellt. Die Gefangenen sind ja vor allem auf die Fernsehbilder angewiesen. Es geht ihnen dann so wie uns, als wir die ersten Bilder aus China gesehen haben. Da sind wir als Seelsorger diejenigen, die erzählen können, wie es draußen wirklich läuft. Manche Leute identifizieren sich mit dem Schicksal von älteren Leuten, weil sie auch von ihren Angehörigen getrennt sind.

Wie gehen die Patienten der Psychiatrie mit der Situation um?

Die Krise weckt bei ihnen Ängste. Wir haben Leute hier, die Angstzustände haben. Diese werden durch das, was draußen passiert, noch verstärkt. Leute mit Depressionen fragen sich, wie es weitergehen soll mit der Epidemie. Für manche geht das auch in eine religiöse Dimension. Sie saugen das, was in der Bibel steht, förmlich auf. Da bin ich dann auch als Theologe gefragt bin, um ihnen zu sagen, dass die Pandemie nicht als Strafe Gottes verstanden werden darf.

Ist Ihre seelsorgerliche Begleitung gerade stärker gefragt als zuvor?

Ja, meine evangelische Kollegin und ich wir haben deutlich mehr Anfragen. Da spielen religiöse und existenzielle Fragen eine Rolle. Aber auch das Bedürfnis, Freude und Leid mitteilen zu wollen – auch als Ersatz für die Gespräche mit den Angehörigen. Diese sind ja auch sonst auf wenige Stunden im Monat beschränkt. Aber es ist noch etwas anderes, wenn einem jemand gegenüber sitzt und anschaut.

Welche schönen Erlebnisse gibt es gerade, die die Häftlinge mit Ihnen teilen möchten?

Vor kurzem haben wir mit dem Skypen angefangen. Gestern hat mir ein Mann mit leuchtenden Augen erzählt, wie er mit seinem dreijährigen Enkel über Wolken spricht und was er alles dafür aus Stoff gebastelt hat. Ein Vater schildert, wie sehr er sich darauf freut, nach drei Monaten wieder einmal seine Frau und seine Tochter per Skype zu sehen.

Wir Menschen sind visuell ausgerichtet: Ein Telefongespräch kann das  nicht ersetzen. Aber natürlich kann das Skypen auch keine Berührung ersetzen. Bei regulären Besuchen gibt es eine Umarmung zur Begrüßung oder das Handhalten. Es ist eine emotionale Vergewisserung, dass der Mensch noch zu einem hält.

Halten Sie die Corona-Maßnahmen auf dem Hohenasperg für angemessen?

Auch wenn ich als Seelsorger merke, dass die Situation die Menschen stark belastet, halte ich es für eine sinnvolle Schutzmaßnahme. Es gibt hier eine gute Balance zwischen Vermeidung von Infektionen, den bestehendem Sicherheitsanforderungen, die es in einem Gefängnis immer gibt, und dem Bedarf nach sozialen Kontakten und therapeutischen sowie medizinischen Anwendungen. Anders als in anderen Anstalten wurden hier die Gottesdienste und die Gruppenarbeit nicht eingestellt. Hier ist die Situation mit rund 220 Häftlingen aber natürlich auch eine andere als etwa in der JVA Stammheim mit bis zu 800 Inhaftierten. Da muss man anders arbeiten und mehr zurückfahren.

Gibt es Seelsorger für jede Religion?

Nein, meine evangelische Kollegin und ich haben das stationsweise aufgeteilt. Wir fühlen uns für die religiösen Bedürfnisse der Menschen zuständig. Wir sind christliche Seelsorger, aber die Konfession spielt im Gottesdienst keine Rolle. In unseren christlichen Gottesdiensten können sich Menschen verschiedenere Religionen und Konfessionen wiederfinden.  Es gibt auch eine muslimische Seelsorgerin, sie darf im Moment wie Ehrenamtliche auch nicht in die Anstalt hinein.

Entwickeln Sie als Seelsorger langfristige Beziehungen zu den Inhaftierten?

Die Probanden der Sozialtherapie sind durchschnittlich drei bis fünf Jahre hier. Da gibt es Leute, mit denen ich seit 2018 regelmäßig Gespräche geführt habe. Die Sozialtherapie geht schon ans Eingemachte, da muss sich im Innern des Menschen, der vielleicht jemanden getötet oder missbraucht hat, etwas verändern. Der Seelsorger ist da auch ein guter Gesprächspartner, weil er der Schweigepflicht unterliegt.

Wenn ein Inhaftierter heute entlassen würde, über was würde er sich am meisten wundern?

Er hätte seine Schwierigkeit damit, dass sich das Nähe-Distanz-Empfinden der Menschen verändert hat. Die Inhaftierten sind auf die Kontakte auf ihrer Station beschränkt. Wenn sie jetzt herauskommen und merken würden, wie die Leute einen Bogen umeinander machen, das würde sie befremden.

Wie sieht gerade der Alltag in der Sozialtherapie aus?

Durch die Kontaktsperren ist deren Situation wie eingefroren. Es gibt Programme, die auf die Entlassung vorbereiten, wobei zunächst mit Lockerungen angefangen wird. Am Anfang darf ein Proband mit zwei Beamten herausgehen. Weil vieles aufeinander aufbaut, haben die Menschen jetzt das Gefühl, dass Nichts vorwärtsgeht.

Mit Blick auf die Entlassung machen sich viele Sorgen über die Entwicklungen am Arbeitsmarkt. Sie denken: demjenigen, dem man als letztes eine Arbeit gibt, ist vielleicht der, der in seiner Biografie einen Haftaufenthalt vorzuweisen hat. Das sind jetzt Sorgen, von denen die Menschen hier betroffen sind.

Ich kann gut verstehen, dass die Betroffenen deswegen frustriert sind.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
- Anzeige -