Kopatchinskaja bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg Verbrannte Erde als Vermächtnis

Von Sandra Bildmann
Am Mittwochabend wurde bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg Kopatchiskajas „Les Adieux“ im Forum gezeigt. Bühnenbild, Musik und Inhalt ergeben ein Gesamtkunstwerk, das alle Menschen angeht. ⇥ Foto: Martin Kalb

Das Konzertprojekt „Les Adieux“ als theatralische Neuschaffung ließ das Publikum des Forums in Ludwigsburg bei der Veranstaltung der Schlossfestspiele am Mittwochabend die menschliche Verantwortung in der Klimakrise künstlerisch erfahren.

Da liegt es am Mittwochabend auf der Bühne des Ludwigsburger Forums, das Vermächtnis des Menschen: verbrannte Erde. Unter dem seidenen Segel, das sein unschuldiges Weiß längst an übertünchende graue Flecken verloren hat. „Les Adieux“ ist ein Konzertkonzept mit Licht- und Sounddesign, einem Bühnenbild und Videoinstallationen.

Eine neue Dimension

All das nimmt der Musik nicht die Aufmerksamkeit, sondern beschenkt sie mit einem neuen Farbenreichtum; schafft ihr eine neue Dimension von Charakter und Relevanz. Es entsteht eine Sinnhaftigkeit, in der die Musik zum tragenden Element eines außermusikalischen Verantwortungsbewusstseins wird: die Schuld des Menschen an der Klimakrise und der Ausverkauf von Flora und Fauna.

Im an das Konzert anschließenden Gespräch zwischen Urhebern und Publikum wurde deutlich, dass diese Kunst ihre Wirkung nicht verfehlt, sondern ganz im Sinne der diesjährigen Leithoffnung der Schlossfestspiele – „volle Säle für erfüllte Seelen“ – viele Menschen tief berührt.

Die Verwirklichung der Idee von Patricia Kopatchinskaja sah am Mittwochabend ihre Uraufführung im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Noch zweimal wird das Konzert der Star-Geigerin samt Mahler Chamber Orchestra und einem Szene- und Design-Kollektiv gegeben: in der Philharmonie zu Berlin sowie der Hamburger Elbphilharmonie. Gegenstand sind längst geschaffene Musiken, wie beispielsweise Beethovens sechste Sinfonie („Pastorale“). Auch rein musikalisch war das Konzert von edelster Qualität. Dass sich dieses Konzept von ausrechenbarem Standard abheben würde, war allein schon deswegen klar, weil mit dem vermeintlichen Hauptwerk – der Sinfonie – begonnen wurde. Musik aus sechs unterschiedlichen Werken wurde sukzessiv miteinander verwoben, dazu wurden auf zwei riesigen Bildschirmen sowie einem die Bühne überspannenden Seidentuch, das als Projektionsfläche diente, Videoinstallationen gezeigt.

Kernbotschaft: die weltzerstörerische Achtlosigkeit des Menschen in seiner rücksichtslosen Interessensverwirklichung. Oder wie Kopatchinskaja sagte: „Ich wollte zeigen, was mir Angst macht und dass wir so nicht weitermachen können.“

Unerträgliche Realität

Diese Realität darzustellen sei unerträglich, meinte sie. Man wolle doch viel lieber Hoffnung zeigen. Die allerdings gab es auch: Am Ende der Apokalypse wandelte Abraham Cupeiro und blies das Karnyx, ein archaisches Instrument und klangliche Kreuzung von Fanfare und Didgeridoo. Es konnte als einläutender Beginn einer neuen Ära verstanden werden, gemäß der Hoffnung: Wo alles tot ist, entsteht neues Leben.

Dieses Konzert hatte viele starke Momente, aber seinen größten erlebte es – nicht nur in jenem Augenblick, sondern verstärkt in der Rückschau –, als die barfüßige Kopatchinskaja zu einem unprätentiösen Wohnzimmer-Klavier am Bühnenrand schritt. Im Schimmer einer Lichtquelle spielte sie in ergreifender Schlichtheit das Thema von Robert Schumanns „Geistervariationen“. Es steht in Es-Dur. Nach den zerstörerischen Naturgewalten und der aufreibenden Trauerprozession der Tierwelt – einem bildlichen Exodus der Erde – wurde das Leuchten der Dur-Tonart zur Groteske. Das regungslose in Schwarz gekleidete Orchester, das in Andacht lauschende Publikum: diese Szene nahm die Anwesenden mit auf die Beerdigung der Welt.

Es folgten ein Ausschnitt aus Schumanns Violinkonzert in d-Moll und die Passacaglia aus dem ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch. Das Grab, das die Menschen ihrer Erde schaufelten, wurde vollends zu Luigi Nonos abschließender „Musik zu Peter Weiss‘ ‚Die Ermittlung‘“ ausgehoben.

Schleier senkt sich

Der befleckte Schleier senkte sich, erdrückte und begrub die Musiker unter sich und hinterließ einen Friedhof auf verbrannter Erde. Ein höchst zeitgemäßer wie eindringlicher Appell an alle Menschen und ein Konzertprojekt, das nicht nur Liebhaber klassischer Musik, sondern die gesamte Gesellschaft angeht.⇥

 
 
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