Lesen liegt seit der Pandemie wieder im Trend Der Trend geht zur digitalen Ausleihen

Von
In der Sachsenheimer Stadtbücherei werden die Gebühren ab Januar erhöht. Unter anderem liegt das an den Folgen der Pandemie auf den städtischen Haushalt, aber auch am Nutzungsrückgang. In anderen Kommunen sieht das anders aus. Gerade Online-Angebote werden vermehrt genutzt. ⇥ Foto: Martin Kalb

Während der Corona-Pandemie haben viele das Lesen wieder für sich entdeckt. Das ist auch an den Nutzungszahlen der Büchereien im Kreis ablesbar. Vor allem die Onleihe nimmt stetig zu.

Die vergangenen fünf Tage fand in Frankfurt die diesjährige Buchmesse statt. Bis Sonntag drehte sich in der hessischen Landeshauptstadt alles ums Lesen – besonders beliebt sind in diesem Jahr übrigens Bücher mit Happy-End. Insgesamt sind Bücher im Jahr der Pandemie wieder beliebter geworden. Wie eine Sonderanalyse des größten deutschen Marktforschungsinstituts GfK feststellte, stieg die Mediennutzung von Büchern im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie in der Gesamtbevölkerung um zwölf Prozent. Wie das Leseverhalten in Kreis aussieht, erfragte die BZ.

Bibliothek als „erfahrbarer Ort“

„Öffentliche Bibliotheken definieren sich heute nicht mehr nur allein durch die Medienausleihe vor Ort, die tendenziell rückläufig ist. Immer stärker wird die Bedeutung der Bibliothek als ‚erfahrbarer’ Ort zum Aufenthalt, Lernen und als Ort für Veranstaltungen in den unterschiedlichsten Formaten“, schreibt Bietigheims Pressesprecherin Ina Klein. Dementsprechend habe auch die Otto-Rombach-Bücherei mit ihrer Zweigstelle in Bissingen in den vergangenen Jahren ihre Angebote stark erweitert. Dennoch konnte die Otto-Rombach-Bücherei 2019, gegen den allgemeinen Trend, mit 347 000 Entleihungen auch die Ausleihzahlen vor Ort wieder leicht steigern. „Besonders nachgefragt sind nach wie vor Kindermedien, Romane für Erwachsene und Zeitschriften sowie Reiseführer, Garten- und Kochbücher im Bereich Sachbücher“, teilt Klein auf BZ-Anfrage mit. Auch Spiele seien gefragt: von den traditionellen Gesellschaftsspielen bis hin zu Playstation- und Switch-Spielen. Neue Angebote wie die „Tonies“ sind auch beliebt. Rückläufig seien klassische AV-Medien, Musik-CDs und Filme. „Hier zeigt sich deutlich ein verändertes Nutzungsverhalten in Zeiten von Netflix & Co.“, so Klein.

Überwiegend weiblich seien die Bibliotheksnutzer Bietigheims. „Stark vertreten sind Kinder und die Altersgruppe zwischen Mitte 30 und Mitte 50“, sagt Klein. Wurden die digitalen Angebote schon vor Corona sehr gut genutzt, erfreuen sie sich jetzt noch größerer Beliebtheit, so die Stadtsprecherin. Die Nutzung ist in der Stadt an Enz und Metter kostenlos.

Gebühren werden erhöht

In Sachsenheim wiederum wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung bestimmt, dass die Benutzungsgebühren der Stadtbücherei zum 1. Januar angehoben werden. Zuletzt war das 2015 der Fall. Neben den Folgen der Pandemie für den städtischen Haushalt sei das auch dem kontinuierlichen Rückgang der Einnahmen geschuldet, erklärt Stadtmitarbeiter Sven Kaiser. Waren es 2016 noch 205 000 Entleihungen, fiel die Zahl 2019 auf 199 000 ab. Die Jahres-Entleihgebühr wird ab 2021 von 14 auf 16 Euro, die Halbjahresgebühr von 8 auf 10 Euro und die Versäumnisgebühr bei Überschreiten der Leihfrist von 20 auf 30 Cent pro verspätetem Tag erhöht. Die Monatsgebühr in Höhe von 2 Euro soll unverändert bleiben, um weiterhin niederschwellig Neukunden anwerben zu können. Durch die Gebührenanpassung liegt Sachsenheim dann im Kreisvergleich im oberen Bereich, erklärt Kaiser. In Bietigheim etwa fallen lediglich Versäumnisgebühren (20 Cent pro Tag) sowie Gebühren für bestimmte Dienstleistungen, etwa die Fernleihe an. Bei den Jahresgebühren wird Sachsenheim (16 Euro) nur von Ludwigsburg (18 Euro) übertroffen, allerdings sind die Versäumnisgebühren dort 5 Cent geringer. Trotz der Gebührenanpassung erwartet die Stadtverwaltung Sachsenheim keinen oder nur einen geringen Rückgang der Nutzer. Auf das Jahr gesehen hat die Stadt dadurch 2000 Euro mehr Einnahmen.

Fast 27 Prozent mehr Nutzung

„Die Prognose für 2020 geht von einer Nutzungssteigerung in Form von Downloads von E-Book, E-Zeitungen und -Zeitschriften, E-Hörbüchern von 26,9 Prozent aus“, sagt Thomas Martin Stierle, der die Stadtbibliothek in Ludwigsburg leitet und auch für die gemeinsame digitale Onleihe des Landkreises Ludwigsburg zuständig ist. „Die Tatsache, dass die digitalen Angebote der Bibliotheken auch während der Schließungen rund um die Uhr genutzt werden konnten, hat sicher einen zusätzlichen Schub gegeben“, sagt Stierle weiter.

Grundsätzlich liegen aber die Zuwachsraten seit mehreren Jahren im zweistelligen Prozentbereich. Von 2018 nach 2019 gab es auch eine Steigerung von 21 Prozent, so der Bibliotheksleiter. „Fast 700 000 Entleihungen wird das gemeinsame digitale Angebot von 29 Landkreisbibliotheken wohl im Jahr 2020 zählen können. Ein Gesamttrend ist die Steigerung bei digitalen Ausleihen auf jeden Fall und parallel dazu eine Stagnation beziehungsweise ein leichter Rückgang bei den physischen Entleihungen“, fasst Stierle zusammen. Diese machen aber 2019 im Kreis immer noch fast vier Millionen aus. „2020 werden die Werte aufgrund der Ausfälle und der Corona-Effekte sicher deutlich niedriger liegen“, prophezeit er.

Die Nachfrage ist groß

Dem Marktforschungsinstituts GfK zustimmend sagt Stierle: „Grundsätzlich erleben Bibliotheken gerade in diesen Zeiten eine große Nachfrage. Viele andere Bildungs- und Kulturangebote stehen nicht oder nicht im bisherigen Umfang zur Verfügung, so dass die Teilhabemöglichkeiten, die die Öffentlichen Bibliotheken des Landkreises allen Altersgruppen bieten können, einen besonderen Stellenwert einnehmen.“

Die Stadtbibliothek Ludwigsburg hat übrigens seit Juli die physischen Ausleihzahlen des Vorjahrs nahezu wieder erreicht. Bei den digitalen Ausleihen gab es eine Steigerung, so dass die Nutzung insgesamt sogar über den Vorjahreswerten liegt. „Wir hoffen sehr, dass es nicht wieder zu Einschränkungen unserer Angebote kommen wird“, merkt Stierle mit Blick auf die gestiegenen Covid 19-Fallzahlen an.

 
 
- Anzeige -